Thomas Bernhard und der „Verrat in den Köpfen“

Ein großes Ereignis, das hier im führenden Literaturblog des deutschsprachigen Raums noch nicht gewürdigt worden ist: Die Veröffentlichung des Briefwechsels zwischen Thomas Bernhard und seinem Verleger Siegfried Unseld. Wobei ich nur auf folgende Briefpassage Bernhards aus dem Jahr 1970 aufmerksam machen möchte:

Meine Deutschlandfahrt kann, alles in allem, als eine deprimierende Bestandsaufnahme aller Zustände betrachtet werden, mit welchen ich zwischen Passau und Lübeck konfrontiert worden bin. Der Unsinn und die mit dem Unsinn gemeinsame Sache machende Dummheit, mit welcher noch nie soviel Staat zu machen gewesen ist wie heute, ist erschreckend in Deutschland. Die Oberfläche ist eine enervierend-gemeine, unter welcher sich eine ungeheuere Körper- und Geisteskatastrophe anzukündigen scheint. Der Verrat ist in allen Köpfen und in allem, worauf diese Köpfe sich zu existieren getrauen, ein vollkommener. Die Revolutionäre als Intelligenzler oder Intelligenzler als Revolutionäre (das alles ist nichts als zum speien!) überfressen sich in den chinesischen und jugoslawischen und italienischen Restaurants. Das ganze ist abstossend, weil es in Deutschland ist.

Mit sehr herzlichen Grüssen Ihr

Thomas B.

Bitte lassen Sie Anfragen, ob ich irgendwo vorlese, gleich wo, damit beantworten, dass ich das Vorlesen hasse und nicht mehr vorlese.

Auffällig, wie viele schlaue Zeitgenossen der Achtundsechziger schon damals ihr Unwohlsein mit den Aktivisten nicht verbergen konnten, und das, obwohl sie gesellschaftliche Veränderungen wollten. Adorno ist auch so ein Fall, der die Protagonisten der Studentenbewegung  als Linksfaschisten bezeichnete. Bernhard und Adorno als so prominente wie unterschiedliche Vertreter eines Typus von Intellektuellen, denen ihre ungeheure Sensibilität einen sehr genauen Kompass bereitstellte für die Lüge. Der eine reagierte mit der Flucht in die Musik, der andere mit Schimpftiraden. Beide auf einsamem Niveau.

Doch blicken wir beim Stichwort Lüge besser in die Gegenwart. Die enervierend-gemeine Oberfläche, die die Grundlage für eine Geisteskatastrophe bietet, ist aktueller denn je und das kann man täglich und stündlich beobachten, da braucht es keine Achtundsechziger mehr. Beispielsweise, ganz profan, wenn im Deutschlandfunk, wie heute geschehen, ein Vertreter des Instituts der Deutschen Wirtschaft behauptet, Hartz IV habe zu mehr Beschäftigung geführt und die Hauptursache für Armut sei Arbeitslosigkeit. Jeder, der es wissen will, weiß: Hartz IV hat dazu geführt, dass Millionen für Hungerlöhne arbeiten und inoffiziell weiterhin rund sechs Millionen Menschen arbeitslos sind. Humanmüll. Wahrscheinlich hat der Wirtschaftsvertreter seine Version der Dinge schon millionenmal behauptet, deshalb widerspricht niemand mehr. Und das ist nur ein klitzekleines Beispiel. Der Verrat ist mittendrin in den Köpfen. Wie komme ich jetzt auf Orwell?

Es ist eine systemische Menschenverachtung, die sich auf Veranlassung des Kapitals breitgemacht hat, gegen die die Parolen und Aktionen der Achtundsechziger sich wie billige Anfängerversuche übereifriger Praktikanten ausnehmen. All die spin doctors, all die PR-Tagelöhner sind viel erfolgreicher, als es demonstrierende Menschen je sein könnten. Und man sollte nicht vergessen: Die Achtundsechziger kämpften für das Gute und die Institute der Deutschen Wirtschaft kämpfen für das Böse. Dass die neoliberale Logik ausgerechnet im abstossenden Deutschland ihre wirksamsten Erfolge feiert, ist sicher auch kein Zufall.

Wie auch immer, es sieht es ganz so aus, als sei der gesamte Briefwechsel äußerst lesenswert: für Literaturhistoriker und vor allem für Freunde des immer noch so geilen Bernhard-Stils, der heute fehlt. Die ganzen netten Schriftsteller, die Germanistik studiert haben, um danach Bücher zu schreiben: Die hassen das Vorlesen nicht. Leider.

Dieser Beitrag wurde unter Deutschland, Geschichte, Kapitalismus, Literatur, Neoliberalismus abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

17 Antworten zu Thomas Bernhard und der „Verrat in den Köpfen“

  1. hanneswurst schreibt:

    Was war Bernhards Anliegen – dass Revolution mit Askese einhergehen muss? Meinte er, dass das Feuer der 68er bereits erloschen ist oder war er eh schon zu alt (und zu österreichisch) um mit den 68ern zu sympathisieren? Und: was hat das mit der aktuellen geistigen Verfassung in D und Hartz IV zu tun?

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  2. genova68 schreibt:

    Bernhards Anliegen? Da bin ich überfragt.

    Der Artikel ist offenbar unverständlich, schade. Ich wollte zum Ausdruck bringen, dass es auch heute Grund zur Klage über den Geisteszustand der Gesellschaft gibt, aber nicht mehr wegen irgendwelcher Linker oder 68er, sondern wegen der genannten bösen Buben. Das ist alles eine einzige Katastrophe und es fehlt ein Literat und ein Weltverbesserer, wie man sagt, der dagegen anschreibt.

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  3. hanneswurst schreibt:

    Das Mahl mundet nur bei leerem Magen. Ist der Bauch erst voll, dann ist die Unterwerfung, die Gemeinwesen stets mit sich bringt, viel leichter zu ertragen. Solange der Staat ausreichend Nährflüssigkeit in die Magensonde gibt, wird dieser Patient keine Revolution anzetteln.

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  4. hanneswurst schreibt:

    „Datt sieht optisch aber schon echt jut aus.“ sagt Annemie Fussbroich. „Nein!“ schreit Adorno, „Was für ein unmöglicher Pleonasmus! Dr. Tracy, bitte retten Sie mich!“

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  5. Jörg Kremer schreibt:

    Ging es Bernhard in dem Briefwechsel nicht ständig um Geld, um seinen relativ satten Lebensstil finanzieren zu können? War es nicht ein unendlich langmütiger Unseld, der die Diva Bernhard fast bis zur Selbstaufgabe ertragen hat und Bernhard, der sich sperrig gab und gebärdet hat wie eine Britney Spiers der Literaturszene? Um was zu erreichen? Mehr Geld zu bekommen, um seine Engpässe zu füllen. Oder erinnere ich den Briefwechsel gänzlich falsch?

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  6. genova68 schreibt:

    Jörg,

    ja, das ist wohl ein Riesenthema. Er fuhr große Autos und hatte mehrere Häuser. Ich gönne es ihm. Zumindest im Nachhinein kann man wohl sagen, dass sich Suhrkamp mit Bernhard eine goldene Nase verdient (immer noch). Und was wäre heute mehr Wert als ein Schriftsteller, der sich dermaßen querstellt, den jeder kennt, der dennoch pünktlich seine Bücher abliefert und der Persönlichkeit hat?

    Außerdem hatte er zu Beginn wohl eher wenig Geld.

    Ich gebe aber freimütig zu, dass ich das Buch (noch) nicht gelesen habe, sondern nur die Auszüge in der Zeit, aber dort immerhin auf drei Seiten, dazu ein paar Kritiken. Ich finde es faszinierend, dass die Bernhardschen Briefe im selben Duktus geschrieben sind wie seine Bücher.

    Eigentlich gibt es nur zwei Schriftsteller, die man in seinem Leben gelesen haben sollte: Bernhard und Adorno. Der Rest ist Epigonentum.

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  7. Jörg Kremer schreibt:

    genova?,

    der Stil der Briefe gefällt mir auch sehr.

    Aber bitte, es kann doch nicht Dein Ernst sein, dass nur Bernhard und Adorno für Dich eine wirkliche Existenzberechtigung haben. Diese beiden gäbe es doch nicht so, wenn es nicht schon viele davor und daneben gegeben hätte. Die beiden alleine wären nie dort angekommen, wo sie angekommen sind. Sie brauchten andere große Denker und Schreiber und haben wiederum andere entstehen lassen.

    Du wirst Dich jetzt schütteln, aber ich bin zum Beispiel ein ausgewiesener Henry Miller Fan. Er war in seiner Zeit revolutionär und hat ganzen Generationen von Schriftstellern den Weg bereitet. Er hat ganz neue schriftstellerische Räume geöffnet. Auf seine Art.

    Gib den anderen Schreibern mal wieder eine Chance. Lass die mal an Dich ran. Da öffnen sich auch bei Dir ganz neue Räume. Im Kopf, im Herzen, wo auch immer.

    Von Adorno stammt ein Zitat, dem ich als 14-Jähriger begegnet bin und das mich bis heute intensiv begleitet. „Geliebt wirst Du einzig dort, wo schwach man sich zeigen kann, ohne Stärke zu provozieren.“ (Aus dem Kopf zitiert.)

    In diesem Sinne.

    der Jörg

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  8. genova68 schreibt:

    Jörg?,

    nein, es ist nicht mein Ernst. Aber aufmerksamkeitstechnisch ist die Kunst der Übertreibung immer noch ungeschlagen. Es funktioniert, bei Bernhard und bei mir.

    Das Adorno-Zitat ist sehr schön, ohne Übertreibung.

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  9. maziarworld schreibt:

    Den Beitrag habe ich gelesen und es war verständlich. Für die Personen wie ich, dass in zwei Welten sich wohlfühlen, gar Aussage – Kräftig!
    Auf ein paar Figuren möge man Turbanen setzen und bei der Rhetorik manche Anpassungen vorzunehmen, dann können wir D durch IR, AF, … ersetzen.
    Möge mir Mullah verzeihen. Mit Allah haben sie nichts gemeinsam!

    http://maziarworld.wordpress.com

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  10. genova68 schreibt:

    Stimmt schon, rhetorisch könnte man noch Anpassungen vornehmen, nur einen Turban habe ich gerade nicht zur Hand.

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  11. hanneswurst schreibt:

    Das finde ich so toll an diesem Blog: dass es so unpolitisch ist. Dafür gibt es jede Menge abgefahrene Rätsel und Skurrilitäten.

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  12. Bersarin schreibt:

    @ Jörg Kremer

    Das Adorno-Zitat ist in etwa richtig wiedergegeben. Schön, daß Du Henry Miller erwähnst. Auch ich halte ihn für ein großen, leider unterschätzten Schriftsteller.

    @ genova68
    Nun bin auch ich ein bekennender Berhardiner, sozusagen. Diese Tiraden, diese Sätze, dieser Duktus, dieser Ton sind großartig. Das Sitzen im Ohrensessel, während der Erzähler die verrottete Auersbergersche Gesellschaft beobachtet („Holzfällen“), der Versuch, das Forellenquintett zu spielen, der aber grandios zum Scheitern verurteilt ist; all die gescheiterten Geistesmenschen. Thomas Mann (den ich auch in die Reihe der ganz Großen stellen möchte) als Leitzordnerliteratur zu bezeichnen („Die Auslöschung“), das ist in einer solchen Frechheit schon wieder genial zu nennen. Und dann auch noch dort eine Erzählung von Thomas Berhard („Amras“) als einer der größten der Literatur zu präsentieren, dies hat schon Chuzpe und Stil zugleich. Der Erzähler nennt dann immerhin noch Kafka als eine weitere Geistesgröße.

    Ich kann mich aber bei aller Emphase für Bernhard, je nach meinem Denken, schwer entscheiden, was in den Kanon der Literatur hinein- und was nicht hineingehört. Selbst ein Schriftsteller wie Klaus Mann, der in der mittleren Liga spielt, ragt da manchmal (selten freilich) rein.
    Aber so großartige Satzanfänge wie bei „Beton“ oder „Gehen“: darauf muß man erst einmal kommen. Das ist musikalisch aufgebaut. Dennoch: in diesen Kanon gehören einige hinein: es seien paradigmatisch nur Beckett, Kafka, Flaubert, Th. Mann genannt. Doch wie gesagt, der Kanon ist wechselhaft und vielfältig.

    Jedoch, der Mensch Bernhard interessiert mich nur am Rande; im Mittelpunkt sollte immer die Literatur selber stehen. Insofern weiß ich nicht einmal, ob ich mir den Briefwechsel zulege. Die Passagen in der „Zeit“ haben mir eigentlich ausgereicht.

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  13. genova68 schreibt:

    Der Mensch Bernhard, tja. Ich denke, dass der Briefwechsel dennoch lesenswert ist, das ist ja immer auch Kulturgeschichte, dazu derart unterhaltsam.

    Nebenbei: Bernhard als Übertreiber, sicher, aber das sollte nicht dazu verführen, ihm den Stachel zu ziehen. Wenn er Österreich als „durch und durch nationalsozialistisch“ bezeichnete, dann sieht man spätestens heute, dass da was dran war und ist.

    Ich bekenne mich hiermit übrigens als Thomas-Mann-Ablehner. Zumindest, was seine Literatur betrifft, die ich gelesen habe (Mario, der Zauberer, Zauberberg, Tonio Kröger): Umständlich geschrieben, dramaturgisch katastrophal (100 Seiten Settembrini-Monolog, nein danke, da lese ich doch lieber gleich ein Sachbuch), zu sehr dem Nordischen verpflichtet für meinen Geschmack. Endlich sind wir mal nicht einer Meinung, Berarsin. :-)

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  14. Bersarin schreibt:

    Ja, da gehen wir in der Tat absolut konträr.

    Der Zauberberg: Das ist doch großartig konstruiert und aufgebaut, diese Andeutung, als Hans Castorp der Madame Chauchat den Crayon in ihr Zimmer bringt. Und dann das Spiel mit den Zahlen, all die Verweise, das Kapitel vom Strandspaziergang: mithin die Reflexion zur Zeit. Die Parodien von Hauptmann und Lucács. Aufklärung vs Jesuitentum/Revolution.

    Ach, es ist lange her, daß ich ihn gelesen habe, wohl dreimal insgesamt, zuletzt 1993. Nein, hier muß ich doch empfindlich widersprechen.

    In den verpflichtenden Kanon, was zu lesen sei, gehört sicherlich der Zauberberg mit hinein. Aber es ist ja gut, daß wir nicht immer einer Meinung sind und daß der eine dabei dem andern trotzdem nicht gleich sonst etwas vorwirft. Der mit Vernunft Begabte, der philosophisch Gebildete kann solche Dinge ja auch in der höflichen Weise klären oder auf sich beruhen lassen.

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  15. Jörg Kremer schreibt:

    @Bersarin
    Der letzte Satz ist wie dickflüssiger Lebertran. Gesund – aber nicht sehr schmackhaft. Das hätten wir doch auch alle so „gefühlt“.

    Zauberberg, ein Meilenstein meiner literarischen Bildung. Wie oft habe ich aduleszent erigiert auf die Liebeserklärung des Castorp an die Chauchat. Wunderbar.

    In diesem Sinne. Gute Nacht die Herren.

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  16. genova68 schreibt:

    Mein Problem mit dem Zauberberg ist schon einmal, dass ich die sicher zahlreichen Anspielungen zum größten Teil nicht verstehe, da mir die Bildung fehlt, die mir vielleicht zuteil geworden wäre, wäre ich einhundert Jahre früher geboren worden. Ich halte es auch dramaturgisch für nicht gelungen, zwei Männer zu einem Spaziergang aufbrechen zu lassen, der ausschließlich instrumentalisiert wird, um zwei Weltanschauungen darzustellen, und zwar rein monologisch. Die beiden erzählen jeweils über zig Seiten etwas, das mit ihnen nichts zu tun hat, sondern das so in einem philosophischen Lehrbuch stehen könnte. Und nach dreißig Seiten heißt es „Sie waren auf der Anhöhe angekommen, der Wind pfiff kalt“, und der Leser erinnert sich daran, dass er ja einen Roman liest und kein philosophisches Lehrbuch.

    Im Kröger ähnlich: Völlig unvermittelt Monologe, die ein Viertel der gesamten Erzählung einnehmen. Und dann ständig die doch etwas billigen, um nicht zu sagen rassistischen Urteile über die kühlen blonden Kaufmänner aus Lübeck und die dunkelhaarigen feurigen Künstler, die natürlich aus Italien kommen. Die Dualität zwischen Vernunft und Gefühl darzustellen, schön und gut und nicht neu. Würde jemand heute sowas schreiben, es würde verrissen.

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  17. Jörg Kremer schreibt:

    Ja, ich erinnere mich auch an diese Links und Längen. Mühsam. Ich persönlich kenne aber nur sehr wenige Bücher, die nicht diese Seiten haben, die man schneller lesen möchte, um endlich wieder langsam genießen zu können. Bis zu dem Lese-Stadium, in dem man inständig hofft, dass ein Wort, ein Satz, ein Kapitel, das Buch bitte noch nicht enden möge.

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