Mitscherlich und die Minarette

Noch ein interessanter Ansatz bei Mitscherlich, diesmal nix mit Architektur.

Das Individuum

„ist auch nicht mehr ahnungsweise in der Lage, seine Bedürfnisse in Worte zu kleiden. Es kann sich ohne Halt an Gruppenidealen und -beschränkungen selbst mit gutem Willen nicht ´klar` werden. Dazu ist die Kluft zwischen der phantastischen Selbstbeweihräucherung, dem Glauben, dass in unserer hochindustrialisierten Gesellschaft jeder sein eigener Herr sei einerseits und der tatsächlichen Subsumption der Subjekte unter die Gesetze der Ökonomie andererseits zu breit.“

Das schreibt Mitscherlich in der „Anstiftung zum Unfrieden“ und erinnert mich an Steven Lukes dreidimensionalen Machtbegriff. Die erste Dimension ist das „offene Gesicht der Macht“, beispielsweise Reden von Politikern und Wahlen, die zweite Dimension das agenda-setting, die dritte Dimension – und das ist das Spezielle bei Lukes – ist das Unterdrücken objektiver wie subjektiver Interessen.

Letzteres meinte wohl Mitscherlich vor 45 Jahren. Den Menschen wird heute – effektiver denn je – eingeredet, sie seien in der Lage, ihre objektiven Interessen zu erkennen und zu formulieren und zu vertreten. Jeder Arbeiter in den 1920er Jahren war eher dazu in der Lage als die Masse heute. Heute geht das ja angeblich schon und nur, indem man das Richtige einkauft. Diese dritte Dimension ist mittlerweile die wesentliche, die dem Machterhalt dient. Das klingt natürlich elitär, dünkelhaft und arrogant, sich so über andere zu erheben.

Es erinnert auch an die Schweiz und das Minarettgegurke. All jenen, die nun das Totschlagargument gebrauchen, die Schweizer hätten souverän und demokratisch entschieden und das dürfe man nun nicht kritisieren, sonst sei man undemokratisch, möchte man Lukes entgegenhalten und besser noch Mitscherlich. Die Schweizer haben natürlich nicht souverän und frei entschieden, sondern mehrheitlich als …(hier kann sich jeder was Böses denken).

Man weiß seit einer halben Ewigkeit (Von wem hat Mitscherlich abgeschrieben?), wie Entscheidungen in kapitalistischen und somit bestenfalls pseudodemokratischen Gesellschaften entstehen. Aber auch eine halbe Ewigkeit reicht nicht aus, um Geplapper sofort als solches zu identifizieren. Die Dummheit ist schlauer, als man denkt.

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