Die Unwirtlichkeit unserer Besitzverhältnisse

Wiederlektüren lohnen. Zum Beispiel erinnert die Unwirtlichkeit unserer Städte von Alexander Mitscherlich an das seinerzeit heiße Eisen Bodenpolitik und Bodenreform. Heute sind eher die monströsen und angeblich gescheiterten Großsiedlungen auf der grünen Wiese ein Thema, die städtebaulichen und wohnsoziologischen Aspekte werden betont. Mitscherlich dagegen redet noch davon, dass die Besitzverhältnisse entscheidenden Einfluss auf die Wohnqualität und damit auf die gesamte Stadtentwicklung nehmen. Und Mitscherlich stand damit nicht alleine:

„Wir leiden nach meiner tiefsten Überzeugung in der Hauptsache in unserem Volke an der falschen Bodenpolitik der vergangenen Jahrzehnte. Ich betrachte diese falsche Bodenpolitik als die Hauptquelle aller physischen und psychischen Entartungserscheiungen, unter denen wir leiden […] Die bodenreformerischen Fragen sind nach meiner Überzeugung Fragen der höchsten Sittlichkeit.“

Das sagte immerhin Konrad Adenauer in den 1920er Jahren, damals noch als Oberbürgermeister von Köln. Welcher OB würde sich heute trauen, so daherzureden? Als Adenauer Bundeskanzler war, hatte ihn das Kapital schon im Griff, denn, so Mitscherlich: „Was ist in der Äre Adenauer zur Bodenreform geschehen? Nichts.“

Mitscherlich macht klar, dass das ganze Gerede von neuen Städten und neuer Wohnqualität nichts taugt, wenn nicht die Eigentumsfrage gestellt wird. Das dies nicht passiert, liege „an der Heiligkeit des Besitzes“ und an den „egoistischen und irrationalen Motiven der Bodenbesitzer“. Deshalb wird der „Baufachmann“ keine befriedigenden Lösungen anbieten, „weil er gegen den Egoismus der Besitzenden machtlos ist“.

Ein Kongress des „Forschungsinstituts für die lombardischen Städte“ brachte es 1962 in Stresa auf den Punkt: Gewänne der Westen nicht stärkeren Einfluss auf die „Kontrolle des Grund und Bodens“, könne er niemals gegen den „Osten“ gewinnen. Man höre und staune. Nach gängiger Deutung war der Kampf 1962 schon längst entschieden. Die fehlende Bodenspekulation im Osten führte immerhin dazu, dass in den Innenstädten noch Menschen wohnten und nicht nur Büroangestellte arbeiteten.

Dennoch kann sich auch Mitscherlich einer nur vermeintlich rationalen Denkweise nicht entziehen, die sich schließlich als eine herausstellt, die leicht ins irrationale abkippt. So beklagt er, „dass die Stadt nach wie vor kein rational gesuchtes Gebilde ist, sondern dass in ihr eine Menge zum Scheitern verurteilter irrationaler Hoffnungen zusammenfließen.“ Mitscherlich kritisiert folgerichtig nicht die Stadtplanungen der Sechziger an sich, sondern er beklagt, dass Anthropologen und Psychoanalytiker dabei keine Rolle spielen. Die Frage, ob Siedlungen überhaupt aus einem Guss planbar sind oder geplant werden sollen oder ob man von Stadt immer nur als work in progress sprechen kann, wird sich erst zehn oder fünfzehn Jahre später stellen.

Wie auch immer: Es kam in der Bundesrepublik nie zu einer Abschöpfung des Wertzuwachses des Bodens. Es wurden die reich, die zufällig ein paar ursprünglich fast wertlose landwirtschaftliche Grundstücke geerbt hatten, deren Wert erst durch Maßnahmen der öffentlichen Hand (Ausweisung als Baugelände, Straßenbau) überhaupt real wurde. Mitscherlich spricht hier in Bezug auf die CDU/CSU auch von der „christlich dekorierten Unterwürfigkeit vor den Bodenbesitzern“. Die Heiligkeit des Besitzes eben.

Die Untwirtlichkeit der Städte ist genau genommen eine Aufsatzsammlung, die Anstiftung zum Unfrieden ein weiteres lesenswertes Referat darin. Dort geht es ans Eingemachte. Die gestaltungshemmenden Bodenbesitzverhältnisse waren zur Zeit der Niederschrift, 1965, wohl noch mehr ein Thema als heute, doch die ästhetischen Aspekte machten das Buch damals, weit vor postmodernen sozialen und ästhetischen Diskussionen der 1980er Jahre, ganz richtig zu etwas Besonderem. Aus der Sicht der Psychoanalyse schreibt Mitscherlich: „Wir beobachten zugleich die Flucht in Raumästhetik, welche die fehlenden menschlichen Affektbeziehungen trügerisch ersetzen soll.“ Er liefert auch gleich eine, an Thomas Bernhard erinnernde Erklärung: „Noch nie zuvor in der Geschichte hat eine so bedenkenlose und vorerst noch keineswegs abgeschlossene Traditionsvernichtung stattgefunden.“ Moderne Raumgestaltung, die das Primat des Ästhetischen vertritt und reale soziale Bezüge unbeachtet lässt. Eine Moderne-Kritik, die regressiv wäre, würde sie nicht differenzieren. Denn zum einen sieht er keineswegs einen Ausweg zurück in die Vergangenheit. Die „Mietskasernenepoche“, also die Hobrechtsche Stadterweiterung in Berlin in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, war ebenfalls gekennzeichnet vom „brutalen Niedertrampeln der Individualitätsfreuden“, die man ja heute in geschichtsseeliger Vergessenheit gerne ausblendet. Zum anderen lobt Mitscherlich ausdrücklich die Ideen Le Corbusiers und seiner Wohnmaschinen, die eine „Intensivbesiedelung“ zum Ziel gehabt hätten. Allerdings habe er zuwenig beachtet, dass diese Besiedelung „eine neue Form der städtischen Gemeinschaft“ vorausgesetzt hätte „und auch von einer anders akzentuierten Privatheit“ ausgegangen sei, „als sie das überkommene Gewohnheitsschema suggeriert“.

Mitscherlich will mehr Demokratie, mehr Mitbestimmung und der Regionalplanung einen höheren Stellenwert einräumen, den vor allem die Bewohner erkennen müssten. Trabantenstädte führten zur Entdemokratisierung, zur fehlenden Identifizierung mit der konkreten Umwelt, zu Sprachlosigkeit, zur Asozialität. Die moderne Stadt im Kapitalismus schafft keine „libidinöse Einbindung“, sondern „aggressive Enttäuschtheit“. Heute Standardwissen, damals nicht. Und das führt wiederum zu verzogenen Kindern:

„Vornehmlich in Deutschland wird die Verfügungsgewalt über das Kind mit der gleichen Rücksichtslosigkeit ausgeübt, die man auch sonst Minoritäten gegenüber für angebracht hält. Der faktische Unverstand bildet sich auf die Roheit seiner Methodik noch etwas ein.“

Architekturkritik als Modernekritik und Modernekritik nicht als eine, die zurück will in eine verklärte Vergangenheit, sondern so genau hinschaut, dass der Text auch fünfundvierzig Jahre später noch lesenswert ist. Komisch, wenn man dann erfährt, dass das Buch im Psychologiestudium keine Rolle mehr spielt.

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Architektur, Deutschland, Gentrifizierung, Geschichte, Kapitalismus, Politik abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Die Unwirtlichkeit unserer Besitzverhältnisse

  1. hanneswurst schreibt:

    Stichwort Bodenreform: in der Weimarer Republik konnte nicht genutztes, für die Allgemeinheit jedoch wertvolles Land per Gesetz enteignet werden. Ein Revoluzzer war Adenauer also auch damals nicht. Es ist sicherlich wünschenswert, Lebensraum nicht zugunsten spekulativer Interessen vergammeln zu lassen (vgl. Hausbesetzung). Es ist jedoch auch überaus schwierig, da Land und Haus als Privateigentum gelten. Prinzipiell würde also nur eine Bodenreform helfen, die das Land gleich in Staatsbesitz bringt und dieses den Bürgern gegen Gebühr wieder zur Nutzung überlässt. In den 1930ern wurde ja dann auch beschlossen, von Deutschland aus eine Landreform in halb Europa durchzuführen.

    Mir ist nicht klar, wie Bodenbesitz grundsätzlich vom Besitz anderer Ressourcen abzutrennen ist. Ich fürchte auch, dass der freie Handel von Grundstücken (deren Handelswert keineswegs eine Einbahnstraße ist) durch landreformerische Ideen gefährdet würde, was letztendlich dazu führt, dass Baltus Powenz sein Traumhaus nie und nimmer bauen kann.

    Wenn es darum geht, Eigentumskonglomerate über Generationen zu verhindern, halte ich es für sinnvoller, bei der Regelung von Schenkungen und Erbschaften anzusetzen. Damit Gevatter Tods Sense einen fairen Schnitt setzen kann. Jedoch: auch dies bringt uns der Chancengleichheit nur ein Quäntchen näher, da die Lebensumstände der Bessergeborenen weiterhin vorteilsbeladen bleiben. Es hilft nur, das Neugeborene gleich nach der Geburt in die Obhut des Staates zu geben, worauf sie alle so gedeihen, wie der liebe Gott es ihnen gegeben. Obwohl: äußerst ungleich sind auch die Talente verteilt! Und sind es nicht die Talente, die schlussendlich vielleicht die stärkste Macht über unser Wohl und Wehe haben? Es hilft nur: ein einheitliches Genom und gleiche Lebensbedingungen für jedes Menschenkind. Vorher kann diese Welt niemals gerecht genannt werden.

    Gefällt mir

  2. genova68 schreibt:

    Das, was du über die Enteignung in der Weimarer Republik schreibst, ist eins zu eins auch im heutigen Deutschland möglich. Eigentum verpflichtet und Enteignung zum Gemeinwohl. Es ist nur eine Frage der Umsetzung. Adenauer war kein Revoluzzer, aber genau deshalb ist seine Aussage bemerkenswert. Aus der konservativen Mitte kamen solche Anregungen, nicht von linksaußen.

    Man sieht im Nachhinein, wie durchkapitalisiert unsere Gegenwart ist. Man hat sich halt daran gewöhnt.

    Was Dir nicht klar ist: Es gab in den 50er Jahren in der BRD Diskussionen, dass die vielen landwirtschaftlichen Flächen, die dann Bauland wurden und massiv im Wert stiegen, vom Staat wertlich abgeschöpft werden. Nach Verkauf eine entsprechende Steuer entrichten. Was ist daran kompliziert? Es wäre schlicht EINE Möglichkeit gewesen, die Vermögensverhältnisse in Deutschland nicht wieder in Richtung vor 1789 zu entwickeln.

    Gefällt mir

  3. hanneswurst schreibt:

    Ich bin keineswegs grundsätzlich gegen eine Besteuerung von Spekulationsgewinnen oder von Kapitalerträgen gleich welcher Art. Ich halte es auch tatsächlich für sinnvoll, Erbschaften und Schenkungen viel stärker zu besteuern. Man könnte außerdem darüber diskutieren, ob Land überhaupt in den Privatbesitz gehört. Die amerikanischen Ureinwohner zum Beispiel kannten das Prinzip des individuellen Landbesitzes gar nicht (naja, sie hatten ja auch genug). Vielleicht sollten Landbesitzrechte ähnlich wie das Urheberrecht zeitlich beschränkt werden.

    Andererseits können bestehende Verhältnisse und Einigungen auch nicht ignoriert werden, wenn es darum geht, etwas zu verändern. Deswegen habe ich meinen Kommentar bis auf die unterste Ebene des Gerechtigkeitsempfindung herunterspiralt. Tatsächlich ist es schwer, sich einer Gerechtigkeit über den materiellen Ausgleich auch nur zu nähern. Trotzdem meine ich auch, dass es versucht werden sollte – aber ohne zu vergessen, dass manche Menschen auf ihren Besitz so stolz sind wie andere Menschen auf ihre Talente.

    Gefällt mir

  4. genova68 schreibt:

    Sehr richtig, das alles. Es ging mir aber nur um eine Abschöpfung, die in den vergangenen 50 Jahren nicht stattgefunden hat. Ich wollte keine Revolution anzetteln.

    Kein privater Grundbesitz wäre cool, dazu bräuchte es dann aber doch eine Revolution.

    Gefällt mir

  5. Pingback: Des Deutschen heilige Kuh « Exportabel

  6. genova68 schreibt:

    Guter Artikel und interessante Kommentare zur Unwirtlichkeit der Städte und Mitscherlich im Freitag:
    http://www.freitag.de/politik/1123-1965-die-spur-der-steine

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.