Berlin: Die herrschende Klasse plappert sich warm

Der Berliner Tagesspiegel bietet hin und wieder guten und kritischen Journalismus. Bei manchen Reizthemen muss er allerdings reflexartig klarmachen, dass er die Interessen der herrschenden Klassen vertritt. Beispiel Mieten. Heute berichtet die selbsternannte „Zeitung für Berlin und für Deutschland“ in großer Aufmachung über eine Studie des Bonner Immobilienberatungsunternehmens Quaestio, das herausgefunden hat, dass die Mieten in Berlin „billiger als gedacht“ seien (wer hat da gedacht?). Noch besser: Laut der Studie darf es „verzweifelte Wohnungssucher eigentlich gar nicht geben“. Und natürlich erliegt Redakteur Thomas Loy der Versuchung, das beliebte Argument zu bringen, dass München doch viel teurer sei. Bei der Gelegenheit zeigt auch die Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer von der SPD, aus welcher Perspektive sie auf die Stadtbewohner herunterschaut:

„Überall in der Stadt gibt es Möglichkeiten, preisgünstige Wohnungen zu mieten“.

Dieser Satz ist eine Lüge. Die Zahl der innerstädtischen Kieze, in denen man kaum eine Wohnung bekommt, geschweige denn eine günstige, steigt immer weiter an. Oder wie soll ich das interpretieren, dass in akzeptabler, aber nicht bonziger Kreuzberger Lage bei einem Wohnungsbesichtigungstermin für eine Erdgeschoßwohnung mit einer Miete von zehn Euro warm pro Quadratmeter 40 Leute auf der Matte stehen?

Altmietverträge sind oft noch günstig. Doch es ist hier seit Jahren ein Thema, dass das Mietniveau bei Neuvermietungen auf dem Niveau von Köln oder Düsseldorf ist. Also noch nicht ganz München, aber wir sind auf einem guten Weg.

Die Quaestio-Studio hat die Investitionsbank IBB in Auftrag gegeben. Ziel ist es, das Potenzial für Mietsteigerungen in Berlin deutlich zu machen. Um nichts anderes geht es hier. Der Tagesspiegel schreibt es zum Ende hin sogar ganz deutlich:

„Die neue Studie dient vor allem dazu, den Berliner Wohnungsmarkt als günstigen Standortfaktor anzupreisen. Unternehmer können ihre Lohnkosten entsprechend nach unten kalkulieren.“

So isses. Warum die Zeitung darüber auf der ersten Seite berichtet, weiß die Redaktion sicher am besten. Beim letzten Satz des Artikels ist der Autor dann wieder ganz PR-Maschine: „Für die Berliner Mieter bleibt die Erkenntnis, dass es ihnen objektiv besser geht als angenommen“. Es schwingt mit, dass es ihnen zu gut geht, vor allem dem ganzen Prekariatspack.

Der Sozialwohnungsbau ist vor Jahren schon zum Erliegen gekommen, die Mietpreise bei neuen Mietveträgen steigen seit ebensoviel Jahren überdurchschnittlich an. Und die Zeitung für die Hauptstadt erledigt das Geschäft der Bonzen.

Vielleicht findet man hier noch was Günstiges: Zwischennutzung in einem Sanierungsgebiet in Berlin-Mitte (oder schon Prenzlauer Berg?)

Passend dazu ein Artikel in derselben Tagesspiegel-Ausgabe über die „wirklichen“ Erbauer des Stadtschlosses. So bekommt die Reaktion endlich ein Gesicht: Wolfgang Thierse (SPD), Hans-Joachim Otto (FDP), allen Ernstes der Berliner Kulturstaatssekretär André Schmitz (der in den 1990er Jahren Verwaltungsdirektor der Berliner Volksbühne war, so ändern sich die Zeiten), Hermann Parzinger, alles Mitglieder im Stiftungsrat der Schlossstiftung. Dazu kommen der Präsident der Humboldt-Universität, Christoph Matschies, und die Chefin der Landesbibliothek, Claudia Lux. Wenigstens von ihr hätte man erwarten können, dass sie ein paar Geschichtsbücher liest und die Geschichtsklitterung dann ablehnt. Aber auch das ist offenbar zuviel erwartet. Warum ist eigentlich der Oberhampelmann, der FU-Präsident Lenzen nicht dabei?

Von einem „Meilenstein“ ist die Rede im Artikel über die Schlosserbauer, von einem „Zukunftsprojekt“, das eine Referenz sei für die „Bildungsnation“ Deutschland. Es wird auch begrüßt, dass mit dem Schloss „der Hype um Berlin zementiert“ werde und man endlich „in der selben Liga wie London oder Paris“ angekommen sei – was auch wieder einen dezenten Hinweis auf das avisierte Mietniveau gibt, das es freilich noch ein wenig zu hypen gilt.

Vielleicht ist im Druckhaus des Tagesspiegel ja eine Fahne der Titanic dazwischengeraten.

Die Mieten sollen steigen, dass Schloss soll wiedererstehen, der Tagesspiegel druckt PR-Artikel und den Rest besorgen Pöbler wie Sarrazin und Sloterdjik. Keine Sorge, es läuft.

(Foto: genova 2009)

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