„No Berlusconi Day“: Italiens Blogger proben den Aufstand

Was meiner Meinung nach in Deutschland und in der berühmten Bloggosphäre viel zu wenig beachtet wurde: In Rom haben vergangenes Wochenende 350.000 Menschen (laut Polizei 90.000) gegen beim „No Berlusconi Day“ gegen den Mafiosi im Ministeramt demonstriert. Aufgerufen haben weder Parteien noch Gewerkschaften, sondern Blogger, sonst niemand. Von null auf hundert vom virtual ins real life. So sollte das öfter gehen. Riesige Menschenmengen via unkontrollierter und massenhafter virtueller Verbreitung im Netz zusammenbringen, die sich lautstark und sonstwie für oder gegen etwas „engagieren“, wie man sagt. Wäre das in Deutschland möglich? Kann ich mir nicht vorstellen. Vielleicht käme es auf einen Versuch an. Die neue Regierung ist, nassforsch ausgedrückt, kaum weniger scheiße als die in Italien.

Ein weiteres schönes Beispiel für das, was mir schon vor Jahren aufgefallen ist: Die Italiener sind in Gänze weder unpolitisch noch berlusconiverseucht. (Einigen wir uns auf) 200.000 Menschen, die ohne gewerkschaftliche oder parteiliche Organisationsapparate in einem geographisch ungünstig gestalteten Land weite Wege nach Rom auf sich nehmen und offenbar alle ganz gut informiert sind, trotz der Übermacht Berlusconis in den Medien.

Und noch was angenehmes: Laut Süddeutsche waren die meisten Demonstranten jung und „kamen überwiegend aus dem linken und kommunistischen Spektrum“. In Italien ist es wohl immer noch kein Problem, Hammer und Sichel zu zeigen, ohne dafür blöd angemacht zu werden. Zuerst also für den Kommunismus demonstrieren, und danach gut essen gehen. Man sollte öfter nach Italien fahren.

Mein Eindruck nach wie vor: Die italienische Gesellschaft ist politischer und dazu wesentlich toleranter als die deutsche, außer in Stilfragen.

Und jetzt bitte wieder Feuer frei ob meiner undifferenzierten Verallgemeinerungen.

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5 Antworten zu „No Berlusconi Day“: Italiens Blogger proben den Aufstand

  1. T. Albert schreibt:

    In Deutschland findet man den doch eher gut, oder? Hier haben wir Blocher, bei Euch fehlt so einer.

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  2. genova68 schreibt:

    Bei uns fehlt so einer, stimmt, hängt mit der Geschichte zusammen. Es haben ja schon viele probiert: Möllemann, Schill, unzählige andere mediokre Gestalten. Da die aber alle im Dunstkreis der Nazis stehen, haben sie es hierzulande (noch) schwer.

    Berlusconi findet man aber nicht so toll, glaube ich. Selbst Rechte finden ihn eher lächerlich, mit seiner Haarverpflanzung und dem Gepose.

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  3. Was halt schon noch ein bisschen unterschiedlich ist: ganz so offensichtlich korrupt könnte in Deutschland (derzeit) kein Politiker vorgehen. Ich bin ja auch gern mit solchen Vergleichen dabei ;-) , aber in Italien ist die Regierung wirklich in fast allen Bereichen deutlich schlimmer als unsere (und es fällt mir nicht leicht, das zu sagen …)

    Außerde arbeiten in Italien die Kommunisten ja schon lange mit den Sozialdemokraten (und teilweise sogar mit den Christdemokraten) zusammen, während in Deutschland eine Partei, die für den demokratischen Sozialismus steht, von den Medien und selbst von einigen Politikern einer anderen Partei, die ebenfalls für den demokratischen Sozialismus eintritt (auch wenn dies im Moment leider nur wenige dort wirklich tun) als Anti-Demokraten und Extremisten verteufelt wird.

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  4. hanneswurst schreibt:

    Verallgemeinerungen positiver Attribute halte ich für wesentlich vertretbarer als negative Verallgemeinerungen. Das ist zwar unlogisch, psychologisch jedoch erklärbar. Man sperre zwei Freiwillige aus einem Raum aus, und entwickele dann in diesem Raum eine Route und einen Zielpunkt. Der erste Freiwillige wird hereingerufen und ihm wird mitgeteilt, dass er einen Zielpunkt im Raum finden soll. Sodann buhen die Teilnehmer laut, wenn der Freiwillige sich in die falsche Richtung bewegt und schweigen, wenn die Richtung stimmt. Danach wird das Experiment mit dem zweiten Freiwilligen wiederholt. Nur mit dem Unterschied, dass der Freiwillige Nummer zwei angefeuert wird, wenn die Richtung stimmt, ansonsten wird geschwiegen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird der Freiwillige eins das Ziel wenn dann nur mit Mühe, der Freiwillige zwei dagegen erstaunlich schnell finden.

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  5. genova68 schreibt:

    So ist das. Mögen die Italiener durch mein Lob auf den rechten Weg zurückkehren.

    Guardian, wir sind da nicht auseinander, ich bin weit davon entfernt, Merkel mit Berlusconi gleichzusetzen (update: ich habe es formal in dem Artikel allerdings in der Tat gemacht. Ist mir rausgerutscht, so ohne Schlussredaktion. Also danke für die Kritik!). Mir ging es um die Gesellschaft, um alle Glieder, und da sehe ich, zumindest in Deutschland, schon die Tendenz, die Italiener als unpolitisch, aufs Formale fixiert und mafiaaffin zu beschreiben. Oder gleich als dauerlustiger und singender Pizzabäcker.

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