„Titus, iss noch ein Stück Biobanane!“

Umweltbewusste Konsumenten sind unpolitisch. Das denke ich mir schon länger und jetzt gibt es erfreulicherweise ein Buch, dessen Autorin das auch so sieht: Kathrin Hartmann heißt sie, und das Buch heißt „Ende der Märchenstunde“.

Der unpolitische Konsument ist zeitgeistig auf der Höhe und sieht sein Leben als Projekt. Er findet es toll, dass Automobilkonzerne für jedes verkaufte Auto einen Baum spendieren. Er glaubt, „mit seinem Einkaufskorb die Welt retten“ zu können. Unpolitische Konsumenten finden überhaupt vieles toll, denn sie denken positiv. Man will ja irgendwie vorne dabeisein, so hat man das als Angehöriger der Post-No-Future-Generation gelernt. Mach dein Ding. Kritik muss dann begrenzt sein auf Einzelphänomene, die sich – Grundbedingung – partytauglich wiedergeben lassen.

Ganz komisch auch die aktuelle Ausgabe der Zeit. Dort geht es fast ausschließlich um den anstehenden Klimagipfel in Kopenhagen und um persönliche CO2-Bilanzen. Betroffene vierköpfige Familien schauen den Leser aus großen Fotos an und es begegnen einem Ausrufe, die mittlerweile angeblich auf Spielplätzen en vogue sind: „Titus, iss noch ein Stück Biobanane!“ Daneben stehen Grafiken, die zeigen, wie fortschrittlich sich diese Familien verhalten. Ein Papi und Zeit-Redakteur hat ein schlechtes Gewissen, weil er sich bei einem Dienstflug nach Singapur wie „eine Dreckschleuder“ verhalten habe: „über sieben Tonnen Kohlendioxid“! Außerdem wohnt er in Hamburg weit draußen, wegen der innerstädtisch hohen Mieten. Warum die Mieten so hoch sind? Darüber wird auf den zig Themaseiten der Zeit nicht diskutiert.

Diese unpolitischen Ansätze passen in unsere unpolitische Zeit. Jetzt ist es plötzlich total interessant, ob ich von A nach B den Zug oder das Auto oder das Flugzeug nehme, als ob die Umwelt davon in irgendeiner Weise Notiz nehmen würde. CO2 ist ein öffentliches Problem, kein privates. Es müsste deshalb, beispielsweise, gefragt werden, warum die Bundesregierung die Bahn laut Koalitionsvertrag immer noch privatisieren will und damit ein effektives verkehrspolitisches Instrument aus der Hand gibt. Es müsste gefragt werden, warum Inlandsflüge in der Regel billiger sind als Inlandszugfahrten. Es müsste gefragt werden, warum ein Einzelfahrschein des öffentlichen Nahverkehrs in Passau teurer ist als in Paris. Es müsste gefragt werden, warum es immer noch kein Tempolimit auf Autobahnen gibt. Es müsste gefragt werden, warum der LKW-Verkehr in Deutschland bis 2025 um prognostizierte 40 Prozent zulegen wird. Es müsste gefragt werden, warum Mieter keinerlei Einfluss auf die Energiesanierungsbereitschaft ihres Vermieters haben. Es müsste – gerade von dem skurrilen Papi und Zeit-Redakteur – gefragt werden, warum innerstädtische Wohnungen in annehmbaren Wohnlagen immer unbezahlbarer werden und deshalb ein Leben der kurzen Wege schon am Geldbeutel scheitert.

Die Zeit könnte sich das zigseitenfache Gelaber sparen, wenn sie schlicht feststellen würde, dass mit der herrschenden neoliberalen Politik ökologisch kein Blumentopf zu gewinnen ist. Und solange sie das nicht tut, ist es völlig ok, wenn ihre Redakteure morgens mit 180 Sachen aus der Wohnung auf dem Land in die innerstädtische Redaktion brausen. Das muss dem Redakteur nicht peinlich sein. Peinlich sein sollte ihm nur, dass er Zusammenhänge nicht kapiert. Oder zumindest, dass er das Buch von Kathrin Hartmann nicht gelesen hat.

Die Welt wurde in den vergangenen 20 Jahren privatim zugerichtet und entpolitisiert. Alles im Sinne des Kapitals. Insofern ist es kein Wunder, dass auch der durchschnittliche Zeit-Redakteur heute total engagiert ist und gleichzeitig keinen Durchblick hat. Aber wer hat den noch, außer Kathrin Hartmann und mir.

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12 Antworten zu „Titus, iss noch ein Stück Biobanane!“

  1. bersarin schreibt:

    Das Abartige an diesem ganzen Umweltgelalle und dem Betroffenheitsgegurke sowie dem Bekenntniszwang, welchen die „Zeit“ mit ihren Redakteuren betreibt, ist, daß wieder einmal gesellschaftliche Dinge individualisiert und also ins Subjekt hineinverlegt werden. „Du mußt Dein Leben ändern!“, der beständige Imperativ, welcher einem in die Ohren geblasen wird, damit sich eben nichts ändert.

    Und wieder einmal läuft es auf einen Beicht- und Ablaßzwang hinaus: ich fliege in die Fernreise: dann spende ich als Ausgleich für ein Ökoprojekt, und beim Saufen von Krombacher rette ich den Regenwald. (Wobei ich mir letzteres durchaus gefallen lasse. Ich nehme dazu immer einen schönen Riesling oder einen Bordeaux. Beim Trinken denke ich mir dann, daß ich irgend etwas Bedeutsames in der Welt rette, nach der zweiten Flasche steigt dann sogar der Glaube und auch das Rettungsbewußtsein eminent an: ich imaginiere, daß das Trinken von Riesling den Rhein und die darin lebenden Robben am Leben erhält. Am nächsten morgen erwache ich glücklich ob meine guten Taten.)

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  2. genova68 schreibt:

    Das machst du sehr gut mit dem Riesling, Bersarin. So geht es dir gut und den Robben. Schreib das mal den Zeitredakteuren, die freuen sich sicher auch.

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  3. T. Albert schreibt:

    Ha, das mach ich jetzt auch so. Find ich gut.
    Wenn ich das Konzept richtig verstehe, dann rette ich auch umso mehr, je mehr ich saufe.
    Feine Sache, das.

    Wie im Irak-Krieg 1 in Köln: Künstler saufen für den Frieden; war auch ne reelle Sache.

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  4. Robert Michel schreibt:

    Dass ich den Tag noch erleben darf, an dem Linke über Gutmenschen lästern.

    @genova: Wenn all diese Probleme öffentlich gelöst würden, dann wäre das doch noch in einem viel größerem Ausmaß Verdrängung, Ablasshandel und sich nicht verantwortlich fühlen. Verantwortung kann es nur auf individueller Ebene geben. Insofern sind mir Gutmenschen näher als die technokratischen Ansätze (Mietpreiskontrollen, Lenkung des Transportwesens usw.) auf die du anspielst.

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  5. genova68 schreibt:

    Verantwortung nur auf individueller Ebene, das ist so ein typischer liberaler Satz. Sagt nichts aus, klingt aber gut. So wie Manger ja total viel Verantwortung haben und deshalb auch viel verdienen müssen.

    Mit deiner Individualstrategie hast du eben genau die Probleme, die ich oben angesprochen habe.

    Lösungen gemeinschaftlich suchen nennt man Politik.

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  6. Robert Michel schreibt:

    Lösungen gemeinschaftlich suchen, das ist so ein typisch linker Satz. Sagt nicht aus, klingt aber gut. So wie Politiker und Bürokraten ja total viel gemeinschaftlich agieren und deshalb auch viel Macht haben müssen.

    Mit deiner Gemeinschaftsstrategie hast du eben genau die Probleme, die du schon oben nicht überzeugend lösen konntest.

    Individuelle Haftung übernehmen nennt man Verantwortung.

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  7. genova68 schreibt:

    Ok, und wie soll man mit deinem Konzept den CO2-Austoß senken?

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  8. Jean Stubenzweig schreibt:

    Was mir dabei zusätzlich ständig unangenehm aufstößt, daß es dazu offensichtlich immer die Celebritäten braucht. Bisweilen habe ich den Eindruck, Hollywood und sein oberster Kämpfer für das Gute in der Welt allein retteten die Welt. Aber offensichtlich benötigt die solche individualistischen (An-)Führer, solche Fairen Ritter. Es ist schon erstaunlich, was der Mensch dem Billigheimer alles so abkauft, wenn nur irgendwas mit Bio draufsteht, wo auch immer das Zeug herkommen und was drinnen sein mag. Demnächst fährt er dann Elektroauto, Strom ist ja so umweltverträglich und kommt schließlich aus der biodesinfizierten Steckdose. Ach, endlos das Thema.

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  9. Robert Michel schreibt:

    @genova: In der Theorie sähe das so aus, dass die Gesamtschäden des CO2-Ausstoßes ermittelt werden und die CO2-Produzenten dafür haftbar gemacht werden. Da die Produzenten diese Kosten antizipieren, wurden sie schon im Vorfeld versuchen sie zu vermeiden und den CO2-Ausstoß senken. Das Konzept hat den Vorteil, dass die Einsparungen dort vorgenommen werden, wo sie die niedrigsten Kosten verursachen. So wie Klimaschutz zurzeit betrieben wird, als Bündel populistischer Einzelmaßnahmen, die sich zum Teil wieder aufheben, entstehen unnötige Kosten in immenser Höhe.

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  10. genova68 schreibt:

    Ein sehr schönes Konzept. Das würde beispielsweise bedeuten, dass ein Inlandsflug von Berlin nach Köln deutlich teurer werden müsste und die Bahnfahrt auf der gleichen Strecke deutlich billiger. Nichts anders habe ich geschrieben. Das funktioniert allerdings über Steuern, und das sind gemeinschaftliche Aufgaben.

    Wie sehen denn die derzeitigen populistischen Einzelmaßnahmen aus? Ich kann mir darunter nichts vorstellen.

    Was du da forderst, hätte mit der FDP oder sonsteiner liberalen Formation keine Chance. Es würde unendliche viele Produkte deutlich teurer machen. Die Liberalen haben doch schon bei der Ökosteuer gejammert.

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  11. Jobst schreibt:

    Diese „Konsumentenmacht“ geht mir auch schon lange auf den Keks. Wahrscheinlich, weil mir wegen mangelnder Konsumlust auch zuwenig von dieser Macht bleibt. Wie soll ich zB die umweltfreundlichsten Autohersteller belohnen, wenn mir mein Fahrrad und meine Bahncard reicht. Und ich fahr nicht mit dem Rad, um die Welt zu verbessern, sondern zB weil mir das Autofahren und die Autohalterei zu stressig wären, weil ich kein Fitnesscenter brauch, mehr an der frischen Luft bin und so fort. Nichts gegens Weltverbessern, aber dazu such ich mir andere Hebel.

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  12. Robert Michel schreibt:

    @genova: „Wie sehen denn die derzeitigen populistischen Einzelmaßnahmen aus? Ich kann mir darunter nichts vorstellen.“

    Tatsächlich nicht? Mir fallen da spontan das EEG, diverse Bauvorschriften, Förderung von Biospritt und das Glühbirnenverbot ein.

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