Kleine Kapitalismuskunde, kindgerecht

Endlich mal ein einfaches Beispiel für alle, die wissen wollen, wie Kapitalismus funkioniert:

Meine Frisörin ist umgezogen. Aus einer hippen Straße in Berlin-Kreuzberg einen Kilometer weiter in eine unattraktive Gegend mit wenig Fußverkehr. Ihr blieb nichts anderes übrig, denn die Miete sollte um 30 Prozent steigen. Zuviel für meine Frisörin. Jetzt zieht dort der xte Feinschmeckerladen oder das x-te coole Café oder sonstwas rein. Sicher wird es da leckere Sachen geben, aber es ist ein weiterer Schritt in Richtung Gentrifizierung.

30 Prozent. Die Mietverträge in solchen Gegenden sind gewöhnlich zeitlich befristet, sodass man nach Ablauf von ein paar Jahren die Miete um 30 Prozent erhöhen darf. Auch im rot-roten Berlin kein Problem. Kürzlich habe ich hier den ersten Porsche Cayenne vor einem Kindergarten stehen sehen, der sympathische Papi holte sein sympathisches Söhnchen ab. Die Wohnungsmieten sind bei Neuvermietungen auf dem Niveau von Düsseldorf, kein Scherz.

So geht das. Der neue Feinschmeckerladeninhaber wird im coolen Kiez allerdings genausowenig reich wie meine Frisörin. Der einzige, der in dieser Konstellation reich wird, und zwar noch reicher, ist der Hausbesitzer, und genau der ist auch der einzige, der  keinen Finger rührt. Und es ist der, der kaum Steuern zahlt. So wie alle, die seit 1949 von den extremen Bodenwertsteigerungen profitierten, kaum etwas davon an die Allgemeinheit abgeführt haben. Alles politisch gewollt. Ich schätze mal, dass die meisten Altbaubesitzer in Berlin ihre Objekte geerbt haben, zumindest kenne ich nur solche. Da sich jetzt ja Leistung wieder lohnen soll, müsste die FDP hier Enteignung fordern.

Meine Frisörin hat noch erzählt, dass sich ein Ladenmieter in der hippen Straße vor kurzem erhängt hat, mitten im Laden. Er habe sich finanziell total übernommen.

So isser, der Kapitalismus. Die einen haben nichts und arbeiten, die anderen haben Kapital, in welcher Form auch immer, und lassen arbeiten. Herr und Knecht, Puntila und Matti. Vielleicht ist der Hausbesitzer in der hippen Straße auch sozial, wenn er betrunken ist. Systemisch betrachtet muss das natürlich die Ausnahme bleiben.

Vielleicht machen die Leute in der Brunnenstraße es richtig. Dort, ein paar Kilometer weiter, in Mitte, wurde gestern ein Haus von 600 Polizisten geräumt. Die Ex-Besetzer wollen sich jetzt wehren, nicht umziehen.

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4 Antworten zu Kleine Kapitalismuskunde, kindgerecht

  1. Christian schreibt:

    Das ist ein sehr schlichtes Weltbild, das Sie da haben, Friseur hier, Porschefahrer da, Hauptsache einfach. Springen Sie mal über Ihren Schatten und lesen Sie das hier: http://unterlinken.de/2009/11/06/urban-age/

    Vielleicht wird Ihnen dann auch klar, dass Berlin Gentrifizierung bitter nötig hat.

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  2. genova68 schreibt:

    Was heißt hier schlichtes Weltbild? Zeigen Sie mir einen porschefahrenden Frisör (jetzt bitte nicht den Starfrisör von Sabine Christiansen) und ich werde mein Weltbild überdenken.

    30 Prozent Mieterhöhung ohne jede Gegenleistung sind für Berlin also „bitter nötig“? Über welchen Schatten sollte ich springen, um solch einer Aussage beizupflichten?

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  3. tigger schreibt:

    Ach so. Starfriseure sind keine Friseure, denn die Fahren keine Kleinwägen. Genauso wie Hausbesitzer nur dann Hausbesitzer sind, wenn sie nicht viel arbeiten und wenig Steuern zahlen. Sonst passt es ja nicht ins Weltbild, und am Weltbild muss sich die Welt ausrichten.

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  4. genova68 schreibt:

    Blabla. Was soll dieses Herumreiten auf dem halben Promille Starfriseure? Warum sind Leute nicht willens, intellektuell halbwegs seriös aufzutreten?

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