Peter Frey: „Du sollst nicht lügen“

Der Fernsehjournalist Peter Frey war schon öfter der Mann fürs Grobe. Beispielsweise interviewte er vor der Bundestagswahl Oskar Lafontaine in der Reihe „Sommerinterview im ZDF“. Wer es sich anschaut und danach das in derselben Reihe geführte Interview mit Angela Merkel mag sich selbst ein Urteil darüber bilden, wie überparteiisch es da zuging. Frey behauptete damals mehrfach, Lafontaine habe „hingeschmissen“, was niemand mehr behauptet, der politisch ernst genommen werden will. Lafontaine ist ihm dann ein paarmal über den Mund gefahren, was Frey offenbar bis heute nicht verwunden hat. Jedenfalls berichtete er vorgestern in den heute-Nachrichten:

heute-Nachrichten

Beim oberflächlichen Gucken fällt einem vielleicht nichts auf. Dennoch – oder gerade deswegen – ist dieser Beitrag ein schönes Beispiel für perfiden Journalismus, und zwar aus drei Gründen:

  1. Frey behauptet, der Spiegel habe am Wochenende „die Beziehungen zu einer Parteigenossin enthüllt“. „Enthüllung“ ist klar definiert: Der Sachverhalt ist wahr. Enthüllen kann man nur, was real vorhanden ist. Die Spiegel-Enthüllungen sind aber keine, es gibt keinen Beleg, keine Zeugen, keine Fotos, keine eidesstattlichen Erklärungen und die Betroffenen streiten alles ab. Sicherlich kann der Spiegel-Bericht trotzdem stimmen, aber es weist im Moment nichts darauf hin. Frey weiß das natürlich.
  2. Die Linke bzw. PDS hat im Saarland bei der Landtagswahl 2004 2,3 Prozent geholt, fünf Jahre später 21,3 Prozent. Es ist meines Wissens der höchste Zuwachs, der jemals bei einer politischen Wahl in Deutschland erreicht worden ist. Was macht Frey daraus? Er wertet das Wahlergebnis der saarländischen Linken als persönlichen Misserfolg von Lafontaine, da er nicht Ministerpräsident geworden sei. Kann man noch dämlicher argumentieren?
  3. Schließlich wird es persönlich. Frey: „Aber [also trotz des Misserfolgs im Saarland] bei den Linken zweifelt heute niemand daran, dass der Saarländer auch in Zukunft das strategische und programmatische Zentrum bleibt, selbst wenn er dann kürzer treten muss.“ Man bedenke: Lafontaine hatte ein paar Stunden zuvor mitgeteilt, dass er Krebs hat, alles weitere war und ist unklar. Nur Peter Frey weiß, dass Lafontaine das „Zentrum“ bleiben wird. Sein Kronzeuge: alle Linken, die er vorher sicher gefragt hat.

So geht Medien. Nicht etwa bei RTL II oder Fox News, sondern beim gebührenfinanzierten ZDF. Und es wird folgenlos bleiben.

Wer ist dieser Frey? Er hat bei Professor Werner Weidenfeld promoviert, der wiederum Chef des Centrums für angewandte Politikforschung (CAP) ist. Das CAP ist quasi eine Tochter der Bertelsmann-Stiftung und völlig von ihr abhängig. Über die Rolle der Bertelsmann-Stiftung ist schon viel geschrieben worden, lesenswert ist etwa ein Artikel im Tagesspiegel von Harald Schumann. Kurzform: Sie treibt den neoliberalen Umbau von Staat und Gesellschaft ohne jedes demokratische Mandat voran, immer im Gewand von Beratung und Kompetenz.

Frey ist seit drei Jahren sogar Fellow des CAP. Das bedeutet, er ist sozusagen offiziell der Ideologie dieser Gruppen verpflichtet. Und insofern wohl auch verpflichtet, sich in den Medien so zu benehmen, wie er sich benimmt. Da Frey auch Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken ist,  könnte man nun über das soundsovielte Gebot („Du sollst nicht lügen“) nachdenken, doch das wäre zu abgegriffen, setzte es doch voraus, dass Katholiken dieses Gebot in der Regel befolgten.

Lafontaine ist kein Heiliger, er ist mir nicht einmal übermäßig sympathisch. Aber er ist ein drastisches Beispiel, wie die politische und die mediale Klasse mit jemandem umgeht, der die etablierte Herrschaft infrage stellt.

Und das Beste zum Schluss: Aus Gründen des Proporzes achten die Öffentlich-Rechtlichen ja genau darauf, dass die politischen Gewichtungen stimmen. Frey wurde seinerzeit als Gegengewicht zu Peter Hahne installiert. Hahne ist der religiös motivierte Moralist, der alle paar Monate neue christliche Erbauungsliteratur auf den Markt wirft.  („Schluss mit lustig“, „Zeit zum Innehalten“, „Wir sind getröstet“, „Wir bleiben fröhlich“, „Wir sind geborgen“, „Wir sind glücklich“ etc.).

Frey ist also der Gegenpart zu Hahne: von links. Alles eine Frage der Perspektive.

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8 Antworten zu Peter Frey: „Du sollst nicht lügen“

  1. resus schreibt:

    Schön zu sehen, dass noch anderen dieser peinliche Auftritt aufgefallen ist. : )
    Wieviel Hass muss Frey mittlerweile auf Lafontaine habe, dass ihm selbst in solch unpassenden Momenten derart die Kontrolle abgeht. Der Mann ist einfach nur peinlich ;D

    P.S.Achtet mal auf das Gesicht von Gundula Gause (bin mir nicht sicher ob sie das ist) wenn zurück ins Studio geblendet wird…
    Ich habe noch nie ein besseres Bsp. für peinliche Berührtheit im Fernsehen gesehen…

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  2. T. Albert schreibt:

    Ja, sehr spannend. Berlusconia. Das geht ja nun schon Jahre so, nicht nur bezüglich Lafontaines.

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  3. T. Albert schreibt:

    Achso, dieser Artikel zur widerlichen Bertelsmann-Stiftung: Schon lustig, dass so viel über „den Parteienstaat“ diskutiert wird – ist das auch von denen vorgegeben? Kann man gegen diese Art der Korruption eigentlich Verfassungsklage erheben?
    Abwählen kann man diese ungebetenen Gäste ja nicht.

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  4. genova68 schreibt:

    Ich glaube, die heißt Petra Gerster, nicht Gundula Gause. Peinlich berührt kann sie da gewesen sein, stimmt.

    Das mit dem Parteienstaat, ja, das sind meiner Meinung nach schöne Ablenkungsgeschichten. Wobei es funktioniert: Selbst Herr Jörges vom Stern schimpft auf den Einfluss von Parteien, kann aber an Bertelsmann nichts schlimmes finden (so gehört kürzlich auf einer Veranstaltung mit ihm in Berlin). Und das Kuriose: Ich habe ihm diese Ahnungslosigkeit abgenommen.

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  5. Frey ist damit nicht alleine. Auch die Berichterstattung anderer Medien über Lafontaines Krebserkrankung sind ziemlich widerlich geraten:
    http://guardianoftheblind.wordpress.com/2009/11/17/es-gibt-tage-da-schreibe-ich-nur-noch-damit-die-nachwelt-sieht-dass-nicht-alle-so-waren/

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