Lafontaine: Deutscher Journalismus endlich am Ziel

FAZ, Spiegel, Focus, Bunte, Bild und ein paar hundert epigonale Provinzblätter samt obrigkeitsdevoter Fernsehanstalten und unzähliger rechter Pressure Groups können sich freuen: Ihr Erzfeind Oskar Lafontaine ist an Krebs erkrankt. Damit sind sie wohl am Ziel. Nach Jahren strategischer Berichterstattung unter der Gürtellinie waren die angeblichen Enthüllungen über eine Affäre Lafontaines mit Sarah Wagenknecht der vorläufige Höhepunkt. Beweise gab es keine, Lafontaine und Wagenknecht dementierten, aber wer ordentlich Gerüchte streut, kann davon ausgehen, dass etwas hängenbleibt. Gerade bei solch heiklen Geschichten wäre sorgfältige Recherche und eine klare Beweislage unabdingbar. Doch es ging ja nur um Lafontaine. FAZ, Spiegel, Focus, selbst die tolle taz machte mit. Zum Vergleich: Handfeste Gerüchte um eine Liaison Kohls mit seiner Vorzimmerdame waren jahrelang unter Journalisten im Umlauf. Nichts davon drang nach außen.

Nichts in den vergangenen Jahren war bekloppt genug, als dass man es nicht gegen Lafontaine hätte verwenden können: Kürzlich noch seine angebliche Rückkehr zur SPD, die die Bild vermutete, der Privatjetcharter vor vier Jahren, den ihm unter anderem Focus anhängen wollte, tägliche millionenfach gedruckte Fotos eines wutverzerrten, rotgesichtigen Lafontaine, die im Wahlkampf immer wiederholten Behauptungen, der Populist Lafontaine verspreche alles mögliche, ohne es gegenzufinanzieren, die Unterstellungen, er würde im Saarland schon wieder einen Rückzieher machen: Es gab nichts, was von diesen Schmierenjournalisten nicht versucht worden wäre, keine Lüge war zu billig. Wenn es um Lafontaine ging, war man sich unausgesprochen einig, dass Fairness in der Berichterstattung nicht sein müsse, ja, nicht sein dürfe. Mit Fairness hätte man sich in diesen Kreisen schon verdächtig gemacht. Dazu die persönlichen Herabsetzungen: Er sei unberechenbar und jetzt auch schon so alt.

Bewundernswert, wie Lafontaine immer wieder versuchte, über Sachpolitik zu reden, selbst mit denen, die ihn ansonsten fertig machen wollten, weil es ihm um die Sache ging und geht. Vielleicht hätte er sich ausdrücklicher wehren sollen. Aber wie? Die Hetze wäre noch aggressiver geworden. Doch um Politik ging es dem Blätterwald nie: Dazu hätte man sich mit Inhalten auseinandersetzen und volkswirtschaftliche Zusammenhänge verstehen müssen. In wie vielen Interviews und Gesprächen und Artikeln wurde Lafontaine immer wieder mit der Erkenntnis konfrontiert, dass Journalisten sich keinerlei Mühe machen, sich halbwegs objektiv zu informieren? In wie vielen Redaktionen galt die Weisung, die Linkspartei nicht als eine von mehreren Parteien im demokratischen Spektrum zu behandeln, sondern mit der NPD auf eine Stufe der Aussätzigen zu stellen? Es ist für den vom intellektuellen und moralischen Standpunkt her seit geraumer Zeit neoliberal verkommenen deutschen Journalismus bequemer, nach oben zu buckeln und nach unten zu treten, in wunderbarer deutscher Tradition.

Es sind, zum Teil, ähnliche Mechanismen wie das Medienevent des Selbstmords von Robert Enke. Es geht immer mehr nur noch um die Kampganenfähigkeit, die sich Journalisten wohl gegenseitig beweisen müssen. Pro Sieben sendet einen Beitrag über die Ankunft seiner Witwe am Tatort („Lebt er noch?“), Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff darf bei der pathetischen Trauerfeier im Fußballstadion widerspruchslos die Leistungsgesellschaft beklagen, die er seit Jahren tatkräftig mit einrichtet, sämtliche Boulevardmagazine ergehen sich in distanzlosem Hype und sind bemüht, alles Private öffentlich zu machen. Enke selbst und auch das Thema Depression sind scheißegal. Es geht nur darum, irgendwas durch den medialen Fleischwolf zu drehen. Bei Enke war die Zielvorgabe, die ganze Nation zum heulen, bei Lafontaine, sie zum hassen zu bringen. Bei Lafontaine standen immerhin die Vermögensverhältnisse in diesem Land auf dem Spiel. Da hört der Anstand auf.

Wie gehts weiter mit dem Qualitätsjournalismus? Ein Leserkommentar in der taz bringt es auf den Punkt: „Vielleicht wird Lafontaine ja im Stadion operiert, wie wär´s?“

Ich sehe die Fernsehmoderatoren schon umschalten auf Dackelblick. Bei Bedarf gerne mit Krokodilstränen. Die Journaille, bei der im Hinterzimmer wahrscheinlich gerade die Sektkorken knallen, wird nichts unversucht lassen.

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Aufmerksamkeitsökonomie, Deutschland, Fernsehen, Neoliberalismus, Zeitschriften, Zeitungen abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

12 Antworten zu Lafontaine: Deutscher Journalismus endlich am Ziel

  1. Gedankenpflug schreibt:

    Sehe ich ähnlich.

    Und vor allem sollten die Leute/Medien sich um ihr eigenes ‚Liebesleben‘ kümmern, sei’s just Seehofer, Lafontaine oder wer immer, über den ‚berichtet‘ wird.

    Liken

  2. bersarin schreibt:

    Und weil all dies, insbesondere die unendlich miese Qualität einer fast gleichgeschalteten Presse, so derart zum Kotzen ist, daß man nicht mehr nur die Faust in der Tasche ballen möchte, beschäftige ich mich ausschließlich mit Ästhetik, enthalte mich in meinem Blog jeglichen politischen Kommentars, fertige Photographien.

    Daß dann so Vogelpfeifen wie der Flachdenker Fleischhauer schreiben, der Journalismus sei tendenziell links, das macht dann schier sprachlos. Ist der so doof oder tut der so?

    Ich müßte eigentlich jeden Tag zehn bis zwanzig Polemiken schreiben, so wie ich es zur 12-Ton-Musik machte. Aber ich bin nicht Gremliza von „konkret“, ich habe die Zeit nicht, die Kraft nicht, die Lust nicht. Freue mich aber, daß es Blogs wie den Deinen gibt (und viele andere natürlich auch).

    Liken

  3. genova68 schreibt:

    Aber du wirst nicht behaupten wollen, dass das Ästhetische unpolitisch ist, Bersarin, oder :-)

    Du hast recht, mir sind solche Themen eigentlich auch zuwider. Ich schreibe sowas auch nur unter Druck, schnell und zum Kanalisieren von Wut. Deshalb bin ich manchmal einen Tag später selbst überrascht von der Heftigkeit.

    Gedankenpflug,
    ja und nein. Wenn das Privatleben etwas mit Politik zu tun hat, sollte man auc h darüber berichten. Der Spiegel entschuldigt seine Berichterstattng ja damit, dass Lafontaine nur wegen Wagenknecht aus der Bundespolitik wegwollte.

    Liken

  4. Bersarin schreibt:

    Na ja, das Ästhetische bei Bohrer schon :-)

    Aber im Ernst: Es ist im Rahmen der Ausdifferenzierung als eigene Sphäre unpolitisch und es ist es zugleich nicht.

    Liken

  5. Sehr gut geschrieben von Dir, finde ich.

    Ich hatte es beim nächsten Beitrag schon gepostet, aber hier passt es vielleicht besser: http://guardianoftheblind.wordpress.com/2009/11/17/es-gibt-tage-da-schreibe-ich-nur-noch-damit-die-nachwelt-sieht-dass-nicht-alle-so-waren/
    Wenn man sich ankuckt, wie die Presse unmittelbar auf das Bekanntwerden von Lafontaines Krebserkrankung reagiert hat, kann einem schon schlecht werden. Man hat Lafontaine gezielt zum Hassobjekt auserkoren, und man macht auch jetzt weiter.

    Liken

  6. mondoprinte schreibt:

    „FAZ, Spiegel, Focus, selbst die tolle taz machte mit. “
    Ohne auch nur eins der genannten Käseblätter für irgendwas auch nur ansatzweise in Schutz nehmen zu wollen, aber: Auch Lafontaine machte mit – als BILD-Kolumnist.

    Liken

  7. genova68 schreibt:

    Guardian, danke. Vielleicht sollte man noch erwähnen, dass Bodo Ramelow von der Linkspartei keinen Deut besser war als die genannten Journalisten. Er gab einen Tag nach Bekanntgabe der Erkrankung, was auch einen Tag vor der OP war, der Leipziger Volkszeitung ein Interview, in dem er die Nachfolgedebatte anzettelte und seinen Hut in den Ring war. Eigentlich unglaublich.

    Mondoprinte, exakt so ist es. Lafontaine ist ein Machtpolitiker, und vielleicht könnte man sogar darüber spekulieren, warum ihm der „Fremdarbeiter“ im nationalistischen Chemnitz rausrutschte und nicht in Tübingen oder Göttingen. Andererseits wurde die Geschichte seinerzeit doch allzusehr aufgeblasen und Machtpolitiker sind da oben doch alle.

    Lafontaine ist sicher Teil des Systems. Das System hat ihn allerdings vor geraumer Zeit ausgestoßen.

    Liken

  8. che2001 schreibt:

    @“die im Wahlkampf immer wiederholten Behauptungen, der Populist Lafontaine verspreche alles mögliche, ohne es gegenzufinanzieren,“ —- Die tatsache, dass die Partei Die Linke ein eigenes Finanzkonzept zur Finanzierung sozialer Leistungen hat (Abschaffung des Arbeitnehmeranteils an der Sozialversicherung, dadurch drastische Senkung der Lohnnebenkosten und Finanzierung dieses Segments durch eine wertschöpfungsabgabe der Unternehmen, also Entkoppelung von Sozialversicherungsleistungen und individuellen Arbeitsplatzkosten) wird zum Beispiel in der öffentlichen Diskussion total unterschlagen.

    Liken

  9. Stimmt, Ramelows Verhalten war auch schlimm, das stimmt (mir ging es aber erstmal um die Rolle der Medien).
    Lafontaine ist kein Sympathieträger klar, und ich mag seine Art auch nicht. Aber hat er so eine Behandlung verdient? In Wahrheit geht es doch den Medien darum, politisch linke Positionen zu diskreditieren. Mit allen Mitteln, die sie haben.

    Liken

  10. T. Albert schreibt:

    Der „Fremdarbeiter“ – da erinnere ich mich gut, wie sich allerlei Liberale und andere Anti- Anti- Rassisten gar nicht mehr einkriegten, als sie ihre Lechts_Rinks-Schemata unter die Leute brachten.
    Seitdem weiss ich, was ich, wie alle Linke, bin, ein nationaler Sozialist, ein Linksfaschist, ein sozialistischer Rassist und Antisemit. War ja sehr spannend. Mit Sarrazin und solchen Schwätzern haben sie die Probleme alle nicht.

    Liken

  11. genova68 schreibt:

    Die Bespitzelungsgeschichte ist ja auch nicht von schlechten Eltern:
    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,662853,00.html

    Mal sehen, was da noch rauskommt.

    Liken

  12. che2001 schreibt:

    Dass dies die Partei ist, die mit weitem Abstand am Meisten für Flüchtlinge und Asylsuchende tut fällt dabei auch ganz runter.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.