Ganz schlimmer Linksextremismus

Deutschland ist nach links gerückt. Diese Meinung vertreten viele, darunter solch luzide Fachleute wie der emeritierte Politikprofessor und Barrikadenkämpfer Arnulf Baring.

Ein kleines Beispiel für die Absurdität dieser These lieferte der Deutschlandfunk heute Morgen in einem Interview mit Oskar Lafontaine. Die Moderatorin (Name ist mir entfallen) fragte, wie die Linkspartei denn koalitionsfähig werden wolle, wenn der Landesverband Nordrhein-Westfalen „linksextreme“ Forderungen vertrete. Was fordert der Landesverband NRW? Die Moderatorin nannte drei Beispiele:

  • „Vergesellschaftung“ der Energiekonzerne
  • Abschaffung des konfessionellen Religionsunterrichts an Schulen
  • Recht auf Rausch

Das also ist linksextrem. Mit dieser Perspektive gewinnt man interessante Einsichten. Wäre eine Vergesellschaftung bzw. Verstaatlichung von Energiekonzernen linksextrem, hätte die Regierung Kohl bis Mitte der Neunziger Jahre linksextreme Politik gemacht. Frankreich und die USA wären linksextrem, weil staatlicher Religionsunterricht dort verboten ist; in Deutschland ist das Grundgesetz offenbar nahe dran am Linksextremismus, erklärt es doch die Trennung von Kirche und Staat.  „Recht auf Rausch“ ist in den Niederlanden seit Jahrzehnten Praxis. Die sind nun auch linksextrem.

So geht das. Politische Forderungen, die ihre Berechtigung haben und inhaltlich diskutiert werden könnten, werden kurzerhand in die extremistische Ecke abgeschoben, auf dass nur niemand auf die Idee kommt, mit diesen Extremisten zu koalieren.

Wie sieht es denn nun aus mit der Verschiebung des politischen Koordinatensystems? Links ist heute, eine Erhöhung der ALG-II-Sätze zu fordern. Linksextrem ist es wahrscheinlich, die Abschaffung von Hartz IV auf der Agenda zu haben.

1968 hätte man sich nicht so lumpen lassen. Da wurde kurzerhand die Enteignung von Springer gefordert. Ob das nun als links oder linksextrem galt, war diesen Barrikadenkämpfern wurscht. Was die DLF-Moderatorin wohl dazu gesagt hätte?

Update, 12.10 Uhr: Ich habe jetzt das Interview auf dradio.de nachgelesen (was heute morgen noch nicht verfügbar war). Die Moderatorin heißt Silvia Engels und hat nicht von „linksextrem“ gesprochen, sondern von „radikal“. Kommt aufs selbe raus, weil hier das „linksradikal“ intendiert ist. Da war ich wohl heute Morgen um viertel nach sieben noch nicht ganz wach.)

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21 Antworten zu Ganz schlimmer Linksextremismus

  1. T. Albert schreibt:

    Jaja, das ist der Witz: wir haben früher in West-Europa, wenn man mal die faschistischen Diktaturen, die von den sogenannten Eliten der bürgerlichen Demokratien tatkräftig unterstützt wurden wie schon Franco mit der „Legion Condor“ von den deutschen „Eliten“, ausnimmt, in linksextremen Verhältnissen gelebt. Überall Staatswirtschaft bei Bahnen , Energie, Post, usw. Nach der Funktionstüchtigkeit der Strukturen damals sehnt man sich ja nachgerade zurück, unabhängig von sozialdemokratischen oder konservativen Regierungen. Dafür gabs keine Boni für durchgeknallte „Manager“, sondern Gehalt für Ministerialdirektoren, die ihre Arbeit gemacht haben.
    Die Frau Haderthauer ist ja jetzt auch linksextrem, die habe ich bei A. Will Stärkung der Binnennachfrage wie Lafontaine, dieser Kommunist, fordern hören. Komisch.

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  2. hanneswurst schreibt:

    „Radikal“ kann alles Mögliche sein, eine Kur, eine Diät, die Abkehr von schlechten Gewohnheiten. „Linksextrem“ ist auch weitläufig definiert, hat im Normalfall jedoch etwas mit revolutionärer Gewalt zu tun.

    Die Verständnisschwierigkeiten lagen daher in diesem Fall meiner Meinung nach beim Blogautor.

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  3. genova68 schreibt:

    Du findest also, die Aussage „die Linkspartei ist radikal“ steht semantisch auf der gleichen Ebene wie die Aussage „Ich mache eine Kur, bei der ich radikal entschlacke und danach radikal entspanne“ oder „Der Kettenraucher wird morgen radikal mit dem rauchen aufhören“, also von 50 auf null? Stecken da keine unterschiedlichen Wertungen drin?

    Die Verständnisschwierigkeiten lagen uhrzeitbedingt in der Tat beim Autor, was aber seinem geradezu instinktiv richtigen Erfassen des problematischen Gehalts der DLF-Aussage keinen Abbruch tut.

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  4. mondoprinte schreibt:

    Für mich stehen solche Aussagen auf einer semantischen Ebene wie das Geschwätz von der Firmen-„Philosophie“ oder der Vereins-„Philosophie“ oder „Konzeptfußball“.

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  5. hanneswurst schreibt:

    Meine Anmerkung sollte vorsichtig andeuten, dass ich der Meinung bin, dass die Aussage des Artikels dadurch zerfällt, dass sich der Aufhänger des Artikels als bloßes Missverständnis des Autors herausgestellt hat. Man kann das Programm der LINKEN in NRW meiner Meinung nach durchaus radikal nennen (es muss dadurch nicht weniger sinnvoll sein). Es wäre jedoch vollkommen blödsinnig, das Programm „linksextrem“ zu nennen. Insofern sollte der Blogautor meiner Meinung lieber zurückrudern, anstatt radikal und mit durchaus linksextremer Gesinnung (Aussagenvergewaltigung) auf seiner inzwischen zerbröckelten These zu insistieren. Spare er sich solche Tiraden für die Vielzahl von Medien, die das Niveau des Deutschlandfunks weit unterbieten. Drei Tage Blogverbot.

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  6. genova68 schreibt:

    Deine Unterscheidung von radikal und extrem in Ehren, aber das sind in diesem Fall semantische Spielereien, die im politischen Geschäft untergehen. Wer in Deutschland einer politischen Partei Radikalismus unterstellt, versucht sie zu schädigen. Und dass der Vorwurf des Radikalismus in Bezug auf die Linkspartei Linksradikalismus bedeutet, ist klar.

    Die FDP in NRW beispielsweise vermischt das alles und redet Klartext: Sie bezeichnet unter anderem die Forderungen nach Verstaatlichung der Energiekonzerne und die Abschaffung des Religionsunterrichts an Schulen als „Sammelsurium kommunistischer Forderungen und abstruser Spinnereien“.

    In derselben Verlautbarung wird die NRW-Linke innerhalb von zwölf Zeilen als „linksradikal“, „linksextremistisch“ und „schräge Truppe marxistischer Sektierer“ bezeichnet.
    http://www.fdp-fraktion-nrw.de/webcom/show_article.php/_c-706/_nr-219/i.html

    Immerhin eine Regierungspartei im Land und im Bund, die so redet.

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  7. hanneswurst schreibt:

    Was die FDP-Spinner daherreden, steht auf einem anderen Blatt. Der Artikel ranzte jedoch Frau Dr. Engels an, die meiner Meinung nach ein journalistisch hochwertiges Lafontaine Interviews abgeliefert hat. Es ist natürlich richtig, dass nicht nur die politischen Gegner sondern auch viele Medien, nach wie vor gerne die Springer-Presse, hemmungslos gegen die LINKE polemisieren. Das war hier aber gerade nicht der Fall, sondern der Blogautor hatte sich verhört. Möge er andere Medien beschuldigen.

    Der Meinung dass „radikale Stimmen innerhalb der Linkspartei“ im üblichen Sprachgebrauch etwas Ähnliches bedeutet wie „linksextreme Stimmen innerhalb der Linkspartei“ möchte ich aufs schärfts widersprechen. Als Beleg führe ich folgenden Vergleich an:

    A) http://news.google.de/news/search?aq=f&pz=1&cf=all&ned=de&hl=de&q=radikale+reform

    B) http://news.google.de/news/search?aq=f&pz=1&cf=all&ned=de&hl=de&q=linksradikal

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  8. genova68 schreibt:

    Ja, der Blogautor hat sich verhört. Aber worin genau besteht der Beleg? Bitte um Erläuterung.

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  9. hanneswurst schreibt:

    Die vorgelegten einheitlichen Quellenzeiger A und B führen zu Seiten, die belegen sollen, dass der Ausdruck „radikal“ mit dem Ausdruck „linksextrem“ ungefähr so weit verwandt ist wie der Ausdruck „unbekümmert“ mit „gewissenlos“. Ich spreche nicht über semiotische Feinheiten, sondern über gravierende Bedeutungsunterschiede. Die Quellenzeiger waren jedoch nicht 100% treffend, besser sind die folgenden.

    A) http://news.google.de/news/search?aq=f&pz=1&cf=all&ned=de&hl=de&q=radikal
    B) http://news.google.de/news/search?aq=f&pz=1&cf=all&ned=de&hl=de&q=linksextremismus

    Der Beleg funktioniert so: vergleiche den Kontext der Verwendung der Ausdrücke „radikal“ und „linksextrem“ in aktuellen Nachrichten. Es sollte Auffallen, dass „radikal“ oft positiv verwendet wird:

    – so wirkt der weitgehende Verzicht auf freie Dissonanzen in der Musik von Peter Philips radikal
    – Rösler will Krankenkassen radikal umbauen
    – „Wir sind“, so ein pragmatisches Mitglied des Linksparteivorstands, „nicht zu radikal. Unser Fehler ist, dass wir Dinge versprechen, die wir in NRW gar nicht durchsetzen können.“

    Die letzte Aussage durch ein Mitglied der LINKEN dürfte bereits hinreichender Beleg dafür sein, dass die LINKE selber kleinere Probleme mit der Formulierung von Frau Dr. Engels hat als der Blogautor.

    Gegenprobe „linksextremismus“:

    – Behörden: In Frankfurt Gefahr durch Linksextreme
    – Hauptstadt der linksextremen Gewalt
    – Höger weist Vorwürfe zu großer Nähe zu Linksextremisten zurück

    Damit soll belegt werden, dass „linksextrem“ typischerweise mindestens eine starke negative Konnotation, wahrscheinlich kann auch davon ausgegangen werden, dass „Linksextremismus“ eher einen Straftatbestand als eine Art der politischen Partizipation darstellt.

    Ich finde es sehr wichtig, Aussagen in Medien zu überprüfen, halte dies sogar für einen Hauptsinn des Bloggens. Ich meine aber auch, dass man sehr sorgfältig die Spreu vom Weizen trennen muss.

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  10. Pingback: NRW: vornehmstes Bildungsziel ist „Ehrfurcht vor Gott“ « Exportabel

  11. genova68 schreibt:

    Naja, so richtig seriös finde ich Deine Vorgehensweise nicht. Sicher hat „radikal“ sowohl positive als auch negative Konnotationen, je nach Umfeld der Anwendung. Da sind Deine Beispiele richtig. Wenn ich davon rede, dass das Wetter zuerst sehr schlecht war und sich dann radikal gebessert hat, ja, diese Form von Radikalität ist toll. Wenn ich aber einer politischen Partei Radikalität unterstelle, dann sieht es anders aus. Politischer Radikalismus wird von praktisch jedem abgelehnt, und er wird aufgeteilt in Rechts- und Linksradikalismus. Das ist beides definitiv negativ konnotiert, und der Unterschied zwischen linksradikal und linksextrem ist ein marginaler. Sicher hat die Moderatorin nicht „linksradikal“ gesagt, sondern „radikal“, aber in Zusammenhang mit der Linkspartei schwingt das doch mit. Wenn ich sage, die Linkspartei ist radikal, dann ist die Konnotation eindeutig, und zwar innerhalb der politischen Rezeption, nicht im sprachwissenschaftlichen Seminar. In NRW wird in einem halben Jahr gewählt, und da tritt jetzt also eine linksradikale Partei an, das ist die unterschwellige Botschaft.

    Wenn Rösler vom radikalen Umbau des Gesundheitssystems spricht, schwingt das mit, was man marktradikal nennen könnte. Das ist weithin auch eher negativ konnotiert (vor allem aufgrund der Annahme vieler Menschen, dass das Gesundheitssystem für sie dann schlechter wird), aber es ist weder links-, noch rechtsradikal.

    Das heißt also, dass die Semantik von „radikal“ nur im konkreten Fall bewertet werden kann. Eine radikale Verbesserung ist toll, politischer Radikalismus ist nicht so toll. Radikale politische Forderungen können im Einzelfall positiv konnotiert werden, im Fall der Linkspartei ist das aber kaum der Fall. Hier wird das alte Klischee bedient: SED-Nachfolger, die die Demokratie abschaffen wollen und die Freiheit, die den Bürgern an den Kragen wollen etc.

    Der entscheidende Punkt in unserem Streit ist vielleicht der, inwieweit man im vorliegenden Fall das „links“ bei „radikal“ mitdenken kann, auch wenn es von der Moderatorin nicht ausgesprochen wurde.

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  12. hartmut schreibt:

    Aus Heinrich Böll, Die verlorene Ehre der Katharina Blum:

    „Unter der Überschrift „Rntnerehepaar ist entsetzt, aber nicht überrascht“ fand Blorna noch auf der letzten Seite eine rot angestrichene Stelle: „Der pensionierte Studiendirektor Dr. Hiepertz und Frau Erna zeigt sich entsetzt über die Aktivtäten der Blum, aber nicht „sonderlich überrascht“. „Eine in jeder bezihung radikale Person, die uns geschickt getäuscht hat“
    (Hiepertz, mit dem Blorna später telefonierte, schwor, folgendes gesagt zu haben: „Wenn Katharina radikal ist, dann ist sie radikal hilfsbereit, planvoll und intelligent“)

    Scheint, dass Böll Genova Recht gibt ;-)

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  13. Pingback: Nach der Wahl ist vor der Wahl… « Lowestfrequencys Blick nach draußen

  14. Das Schlimme ist, dass nicht nur Neocon-Rechsaußen wie Arnulf Baring diese Rhetorik verwenden, sondern auch Medien, die in anderen Bereichen meist seriös berichten (DLF) darauf mit aufspringen.
    In wirtschaftspolitischer Hinsicht haben dich die Koordinaten der Mainstream-Journaille in den letzten Jahren (v.a. seit der Agenda 2010) massiv nach rechts verschoben, wie die wirtschaftspolitische Agenda von SPD und CDU. Dass die Linke da Positionen vertritt, von denen die meisten früher ganz normal sozialdemokratische waren, kann man aber so nicht stehen lassen. Also ist dies jetzt linksradikal.

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  15. @ T. Albert:
    Klar, Keynsianismus ist ja auch böser Linksextremismus, und außerdem ist er wiederlegt. Nur der freie Markt kann uns helfen, das ist unwiderlegbar! Erzählen uns doch die Medien …

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  16. hanneswurst schreibt:

    Die Diskussion schlafft ab. Ich möchte noch einmal betonen, dass ich keinesfalls leugne, dass von verschiedenen Seiten versucht wird, die LINKE auch mit sprachlichen Mitteln in eine dunkle linke Ecke zu stellen. Diese Strategie hat in den letzten 20 Jahren oft funktioniert, langsam sterben jedoch die Leute aus, die die LINKE noch mit der SED assoziieren. Insofern: das Anliegen des Blogartikels ist völlig berechtigt, das Beispiel meiner Meinung nach jedoch falsch gewählt.

    Warum müssen Kommentare hier übrigens neuerdings durch die Zensurschleuse? Weckt unangenehme Erinnerungen an einen gewissen Herrn Knüwer.

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  17. genova68 schreibt:

    Na, wenn sogar Böll mir recht gibt, will ich mich nicht beschweren.

    Noch ein Gedanke: Meiner Meinung nach wurde in den Medien bei neoliberalen Ideen in den vergangenen Jahren selten von radikalen Forderungen gesprochen (was ja bei der Agenda 2010 berechtigt gewesen wäre), sondern eher von „weitreichenden“ Forderungen. Klingt auch netter, oder? Oder auf unseren Fall bezogen: Die von der FDP bis zur SPD seinerzeit geforderte Privatisierung der Energiekonzerne wurde in den 90er Jahren meines Wissens nicht als „radikal“ bezeichnet, sondern eher als modern und vernünftig. Die Forderung nach Reverstaatlichung dagegen ist plötzlich radikal. Das zeigt doch die ideologische Grundierung dieser Bezeichnung. Nur aus einer neoliberalen Perspektive ist Privatisierung normal, Reverstaatlichung dagegen radikal. Es zeigt, wie sehr sich die neoliberale Ideologie in unser aller Köpfe eingenistet hat.

    Hannes, WordPress verschiebt Kommentare mit mehr als einem Link automatisch in Quarantäne (zumindest bei mir) und die muss ich dann von Hand freischalten.

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  18. hanneswurst schreibt:

    Dann will ich nichts geschrieben haben. Ich dachte schon, eine neue Welle meinungsunterdrückerischer Linkstendenzen macht sich breit.

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  19. genova68 schreibt:

    Nein, wir sind hier ja nicht bei der Linkspartei.

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