Anmerkung zu einem pervertierten Freiheitsbegriff

Das damalige SED-Politbüromitglied Günter Schabowski über die Rolle der Russen am 9. November 1989. Die Frage des Zeit-Redakteurs lautete, ob Schabowski Sorge hatte, „dass die Russen eingreifen könnten, oder hatten Sie Signale aus Moskau, dass sie diese Entwicklung akzeptieren?“

Schabowskis Antwort:

„Sie wussten, dass wir ein neues Reisegesetz verabschieden würden. Gorbatschow selbst hatte uns ja veranlasst, zu solchen Kompromissen zu kommen. Honecker war dazu viel zu stur gewesen. Gorbatschow hat uns gewissermaßen den Weg dorthin gewiesen.“

Schön, dass Schabowski das gerade rückt. Im Mauerfalltaumel der letzten Tage ging das unter. Gorbatschow hatte die Liberalisierung schon Jahre zuvor vorgegeben, Polen war gefolgt, Ungarn hatte die Grenzen geöffnet. Die Demonstrationen der Ostdeutschen, vor allem am 4. November, waren sicher die Voraussetzung der Maueröffnung ein paar Tage später, und den Mut dieser Leute will ich keinesfalls kleinreden, aber die strukturellen Grundlagen wurden anderswo gelegt. Diese Feststellung ist deshalb wichtig, weil man sonst auf die Idee kommen könnte, die Deutschen hätten 1989 zum ersten Mal in ihrer Geschichte eine Revolution erfolgreich und ohne fremde Hilfe auf die Reihe bekommen. Es war natürlich nicht so.

Überhaupt: Dass jetzt ständig von der „Freiheitsliebe“ der DDR-Bürger geredet wird, ist nur möglich, weil der Freiheitsbegriff in kapitalistischen Gesellschaften pervertiert ist. Eigentlich geht es doch nur darum, sich den neuesten Plasma-Fernseher ohne Wartezeit holen zu können. Anderes Beispiel: Die Bundesfinanzaufsicht BaFin erklärte im Sommer 2009, dass sie schon ein Jahr zuvor über die katastrophale Schieflage bei der Hypo Real Estate Bescheid gewusst hatte. Warum sie nicht eingegriffen haben? Weil ein „direkter Eingriff in das Geschäftsmodell kaum vereinbar mit der unternehmerischen Freiheit“ gewesen wäre, wie eine Mitarbeiterin offenherzig angab.

Tja, da war also die Freiheit des Unternehmers bedroht. Das darf natürlich nicht sein, auch wenn die Folgen für den Staatshaushalt eine Belastung von einhundert Milliarden Euro oder mehr bedeuten.

Dieser pervertierte Freiheitsbegriff zeigte sich nach dem 9. November ja auch recht schnell. Die Montagsdemos fanden weiter statt, doch es ging plötzlich nicht mehr so sehr um Freiheit, sondern um Plasma-Fernseher. Die Parolen lauteten nun

„Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, gehn wir zu ihr“

Immerhin ehrlich. Wobei man sich fragen kann, ob das nicht ein wenig dreist war. Was hätte man eigentlich gesagt, hätten die Bewohner irgendeines anderen fremden Landes so unverhohlen mit einer Invasion gedroht?

Mittlerweile schwant vielen Ossis, dass das mit der Freiheit doch nicht ganz so einfach ist und dass sie seinerzeit von Kohl verarscht wurden. Zu spät.

Ein paar andere gab es aber auch. Das Bild zeigt eine Demonstration am 19. Dezember 1989 in Berlin gegen die Wiedervereinigung. Diese Leute sind vergessen, obwohl sie – das kann man aus der zeitlichen Distanz nun sagen – wesentlich mehr Durchblick hatten als die Plasmafernseherheinis.

Bild 183-1989-1219-036(Foto: Bundesarchiv)

Dieser Beitrag wurde unter Berlin, Deutschland, Finanzkrise, Geschichte, Kapitalismus abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Anmerkung zu einem pervertierten Freiheitsbegriff

  1. hanneswurst schreibt:

    Vielen Dank für diesen schönen Kontrapunkt zur aktuellen Jubelossizurschaustellung.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.