Attac warnt vor weißen Kragen und abweichenden Meinungen

Politik ist interessant. Politische Menschen hingegen sind mir oft suspekt (ich mir selbst auch).

Jüngstes Beispiel, das meine Befürchtungen besätigt, ist Alexis Passadakis (Foto), ein hohes Tier bei Attac. Die Süddeutsche Zeitung hat ihn interviewt, herausgekommen sind eine Menge vernünftiger, aber erwartbarer Antworten (Vermögenssteuer notwendig, Umverteilung von oben nach unten ebenso etc.) und ansonsten ein erschreckendes Kingergartenverhalten.

So sagt Passadakis über mögliche Mitbewohner einer WG:

„Ich lege Wert darauf, dass sie dieselben politischen Einstellungen haben.“

Mit Menschen unterschiedlicher politischer Einstellung kann man also nicht unter einem Dach leben. Diskutieren? Bitte nur mit denen, die meiner Meinung sind. Vegetarier müssen sie übrigens auch sein, die Mitbewohner.

Noch kruder sind seine Ansichten über Frauen. Der wesentliche Aspekt einer Partnerschaft ist offenbar, dass die Frau die gleiche politische Einstellung hat:

„Eine Frau mit anderer politischer Meinung kommt nicht mehr in Frage“.

Er hat ja auch üble Erfahrungen gemacht mit Frauen, der Passadakis. Eine war gar „Richtung Mainstream SPD oder FDP“, da ging gar nix:

„Es fängt damit an, welche Kleidung man bei bestimmten Anlässen trägt. Wir waren in der Oper, bei Fidelio. Die Frau wollte chic hingehen. Ich gehe zur Oper, wie ich an dem Tag eben gerade angezogen bin. Jeans und T-Shirt. Das fand sie nicht gut. Und dann haben wir uns noch über das Stück gestritten.“

Mal abgesehen davon, dass man sich da irgendwie einigen können sollte, zeigt Passadakis hier ein typisches Manko der deutschen Linken: Schick anziehen, so finden sie, tun sich nur böse Kapitalisten. Und da man mit denen nicht verwechselt werden will, läuft man halt ständig vergammelt rum. Ist ja auch egal, es zählen nämlich die inneren Werte.

Diese pubertäre Haltung haben weite Teile der Linken nie ablegen können, wozu man bei pubertären Haltung aber grundsätzlich bereit sein sollte, früher oder später, zumindest, wenn man die Pubertät hinter sich lassen will. Kleidung ist natürlich Ausdruck einer inneren Haltung, die man nach außen trägt. Warum tut man so, als gebe es keine feierlichen Anlässe? Warum kann man sich bei einem besonderen Anlass kein gut sitzendes und gut gebügeltes Hemd anziehen? Ist das schon duckmäuserisch gegenüber dem Kapital? Wird man bereits Kapitalist, wenn man das T-Shirt mal nicht anzieht? Ist ein Kragen Verrat an der Arbeiterklasse? Oder spricht es vielmehr für fehlendes Selbstbewusstsein, nicht nur im Sinne von Bewusstsein von sich selbst? Was, bitteschön, ist gegen ein gut genähtes und stofflich hochwertiges Hemd einzuwenden? Was ist gegen ein Fest einzuwenden, bei dem man sich gut anzieht? Warum sieht man eine besondere Kleidung nicht auch als Ausdruck von Respekt anderen gegenüber? Und es muss ja nicht einmal ein schickes Hemd sein. Wer Wert darauf legt, in der Oper genau das zu tragen, was man den ganzen schwitzenden Tag schon anhatte, der normiert mit einer Freiwilligkeit sein eigenes Verhalten und sanktioniert diejenigen, die das T-Shirt einwechseln, und sei es auch nur gegen ein frisches.

Es ist in der Tat eine typisch deutsche Haltung. Auf den kommunistischen Feste del Unitá im Italien der 1990er Jahre traten selbstverständlich auch Popsänger auf, gerne fast schon im Schlagermilieu angesiedelt, schick angezogen und von jeder politischen Aussage auf der Bühne weit entfernt. Die Leute kamen zu Hunderttausenden mit Oma und Kind und haben es genossen, ganz nahe der These, dass es eh kein richtiges Leben gibt im Falschen, also was soll´s. (Der Philosoph Robert Pfaller beschreibt dieses Phänomen sehr lesenswert.)

Gibt es überhaupt Kulturen auf der Welt, die keinen Unterschied machen zwischen Alltagskleidung und Festkleidung? Die deutsche Linke wenigstens einmal als historische Avantgarde, das verbeulte T-Shirt als zeitgenössischer Mao-Anzug. Es wäre einem italienischen Linken (und jedem, der in einer Kultur des Respekts zuhause ist) peinlich, mit einem schlecht sitzenden Hemd in die Öffentlichkeitzu gehen. Passadakis wäre es wahrscheinlich peinlich, würde dem kapitalistischen Sitznachbarn in der Oper nicht wenigstens ein Essensfleck auf seinem T-Shirt auffallen, natürlich vegetarisch.

Dann findet er es noch schlimm, dass er zu einem Aktivistentreffen auf die Insel Lesbos geflogen ist, statt mit dem Zug zu fahren. Der Mann ist übrigens nicht 13, sondern 31 Jahre alt.

Nur, falls jemand meint, ich hätte etwas gegen Attac: Ich bin dort selbst seit vielen Jahren Mitglied.

(Foto: Indimedia)

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2 Antworten zu Attac warnt vor weißen Kragen und abweichenden Meinungen

  1. hanneswurst schreibt:

    Ich finde schon, dass man seine Überzeugungen ausleben darf. Ich zum Beispiel bin zwar nicht im Attac, aber im Adac und außerdem im C&A. Klar habe ich ein Palomino Pferdchen auf dem Amaturenbrett kleben und die Ische, die fragte ob das Elvis wäre, habe ich an der nächsten Tanke abgegeben.

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  2. genova68 schreibt:

    Völlig korrekt, dass du die Ische an der nächsten Tanke abgegeben hast. Jetzt müsste nur noch Attac den Passadakis bei C & A in der T-Shirt-Abteilung abgeben.

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