Sloterdijk: Der Pitbull, der nur spielen will

Zu der Sloterdijk-Honneth-Debatte erschien vor ein paar Tagen in der Berliner Zeitung ein angenehmer Beitrag von Dirk Pilz, der die Chose auf einen politischen Punkt bringt: Die Sloterdijkschen Ausführungen seien

„letztlich eine Aufforderung zum politischen Umsturz. Wehe uns, wenn sie gehört wird.“

Ergänzen sollte man, dass es ein rechter politischer Umsturz wäre. „Klassenkampf von oben“ nennt das Honneth. Um genau diesen politischen Gehalt geht es, denn das philosophische Niveau der Debatte ist ja überschaubar. Sloterdijks Merkmale werden von Peitz noch einmal komprimiert dargestellt: Eine verquaste, umständliche Schreibe, das Erfinden „abstruser Thesen“, seine Fixiertheit auf die Kritische Theorie und deren Verteter (mittels dessen er überhaupt erst seinen Bekanntheitsgrad erreichte), und sein Sozialdarwinismus, dessen Ursprünge man psychologisch suchen sollte.

Auf diese Punkte möchte ich kurz zu sprechen kommen.

Die Gemengelage führt dazu, dass Sloterdijks Thesen kaum einmal als das bezeichnet werden, was sie sind: Bullshit. Das ganze ist intellektuell so unterbelichtet, dass man paradoxerweise kaum die Energie aufbringen kann, es zu widerlegen: es ist doch offensichtlich. Die Reichen sollen mittels eines Steuerboykotts einen Bürgerkrieg von oben beginnen. Wenn sie Lust haben, zahlen sie einen Obulus, wenn nicht, dann nicht. Das macht also eine Gesellschaft freier Bürger aus. So eine Art radikalisierte Reaganomics. Sloterdijk und Co. fordern, dass der Staat den Gestrauchelten  in der Gosse liegen lässt, bis ein Reicher vorbeikommt, der gerade gute Laune hat und hilft. Natürlich ist das alles nur ein „Denkspiel“. So wie der Pitbull, der nur spielen will.

Alle zur Verfügung stehenden Zahlen belegen das finanzielle Auseinanderlaufen der Gesellschaft, die verwehrten Aufstiegschancen; wer es wissen will, weiß es und auch um die kapitalistische Logik, die dahintersteht. Wie man in dieser Situation einfach das Gegenteil behaupten und eine Verschärfung der Situation fordern kann, erschließt sich nicht mehr auf einer sachbezogenen Ebene, sondern ist wohl, wie gesagt, eher psychologisch zu erklären.

Dazu fällt mir ein: Sloterdijk und Bohrer, Henkel, Miegel, Sinn und die anderen Verdächtigen haben wahrscheinlich eine langentwickelte Abneigung gegen alle, die nichts in ihrem Sinn Herausragendes leisten. Also kein Unternehmen gründen, kein Millionärserbe antreten, nicht über ein sechsstelliges Jahreseinkommen verfügen, nicht einmal den Unterschichtlern hin und wieder verbal die Fresse polieren. Bei der Lektüre von Meinhard Miegels ebenfalls sozialdarwinistisch gelagertem Bestseller „Die deformierte Gesellschaft“ vor einigen Jahren hatte ich einen ähnlichen Eindruck. Diese Leute engen den Begriff des Menschseins auf einen ökonomischen ein. Dazu kommt das typisch deutsche Fabulieren vom ewigen Kampf, dass man der Beste sein müsse oder eben gar nicht. Dass es  eine Freude darstellen kann, sich mit einem Bier in die Sonne zu setzen, ist nicht begreiflich. Deshalb muss gegen die vorgegangen werden.

Pikant ist daran noch zweierlei: Zum einen, dass sich die biertrinkende Unterschicht ja gerade in einem kapitalistischen Sinn vorbildlich verhält. Die besetzen keine Arbeitsplätze (wenn sie vom Amt nicht dazu gewzungen werden), sondern verballern ihr gesamtes Einkommen im Konsum. Zufriedene Verbraucher, die nichts produzieren, was wiederum zusätzlicher Konsumenten bedürfte. Was will das System eigentlich mehr? Doch diejenigen, die sich der fortgeschrittenen Systemlogik am besten anpassen, werden von denen am meisten gehasst, die für diese Logik verantwortlich sind und deren exzessiv produktivesVerhalten das System am schnellsten kollaborieren lässt. Zum anderen der Gedanke, auf den mich der Bloggerkollege Momoroulez in einem Kommentar zu diesem Beitrag gebracht hat: Der Neokonservatismus ist eine Form des Leninismus, was das Elitedenken angeht. Während im Original die Arbeiter von einer Elite diktatorisch in die Revolution geführt werden sollten, übernimmt die Elite bei den anderen lediglich die Funktion, sich vom Rest abzusetzen – finanziell und sozial, und geographisch vielleicht irgendwann auch.

Lechts und Rinks kann man hier tatsächlich leicht verwechslern.

Alle wichtigen Texte zu der Debatte findet man übrigens bei den Nachdenkseiten.

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4 Antworten zu Sloterdijk: Der Pitbull, der nur spielen will

  1. Bersarin schreibt:

    Ja, der Beitrag in der Berliner Zeitung von Dirk Pilz war sehr gut. (Er verfaßt oft gute Beiträge.)

    Zur Konzeption der Elite: Am Sonntag hielt Sloterdijk einen Vortrag in Berlin über sein Buch „Du mußt Dein Leben ändern“, ich war dabei, habe auch in meinem Blog dazu etwas geschrieben. Vieles, was Du kritisierst, tauchte dann auch, affirmativ gewendet natürlich, im Vortrag von Sloterdijk auf.

    Trotzdem: ich werde mir sein neues Buch wohl besorgen. Schließlich muß man seine Pappenheimer ja kennen.

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  2. nheepapara schreibt:

    hi, habe gerade slottys erwiderung auf honneth gelesen, erinnerte mich an die lektüre des besagten aufsatzes von slotty, und an meine eigene reaktion auf den text. ich war nie gegner slottys, habe immer gespannt auf das nächste quartett gewartet und slotty sogar gegen exkommunistische freunde verteidigt. allerdings vor längerer zeit festgestellt, dass seine formulierungskünste nicht halten, was sie sprechen, wenn man sie nämlich in seinen büchern aufsucht, wo sie, weit weniger kunstvoll, auf hunderten seiten breitgetreten, ihren geist aufgeben. trotzdem blieb ich wohlwollend, verkniff mir zwar seine werke, hörte aber gern zu, wenn er was sagte, ordnete es eher unter freiem geist als unter schule unter. der besagte aufsatz hinterliess allerdings wie schon die anderen texte das dumpfe gefühl, er wisse nicht, wohin denken, keine klarheit, vielleicht eine selbst nicht erkannte implikation, in diesem fall eine fatale. ich legte die unbestimmtheit immer noch zu slottys gunsten aus. in seiner replik interpretiert er seinen text als ganz harmlosen und kehrt ihn um. er sei ein verfechter des sozialstaates und der steuer, der hinweis auf die möglichkeit der schenkung sei eher eine wohlmeinende anregung. seit seiner sarrazin-verteidigung (durch die er sich verraten hat) weiss ich aber: so spricht der wolf im schafspelz, nachdem er kreide gefressen – oder der feigling – oder beides. als solcher macht er sich gerade mit denen gemein, die er bei sarrazins verteidigung noch beschimpft hat: die sich aus feigheit den vermeintlichen meinungsmachern beugen. da fällt einem doch, nicht zufällig, walsers moralkeule ein …

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  3. genova68 schreibt:

    Wolf im Schafspelz, so ist es. Dass jemand seine brandgefährlichen Thesen relativiert, gehört zum Diskurs. Man darf es nicht übertreiben, sonst schmeißt es einen aus der Kurve. Also zwischendrin mal kurz bremsen, bevor man wieder Vollgas gibt.

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  4. Pingback: Die taz macht Rechtspopulismus salonfähig « Exportabel

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