Sloterdijk, Cicero, Sarrazin

Ich habe Verständnis für jeden, der aufgrund dieser drei Namen nicht weiterliest. Würde ich auch nicht machen. Dennoch ein kurzer Satz zu einem Beitrag des sogenannten Philosophen im sogenannten Fachblatt für Rechtsintellektuelle  über den sogenannten Integrationsexperten.

Im Cicero behauptet Sloterdijk jetzt, Sarrazin sei nur so „unvorsichtig“ gewesen, „auf die unleugbar vorhandene Integrationsscheu gewisser türkischer und arabischer Milieus in Berlin hinzuweisen“. Daraufhin sei „die ganze Szene der deutschen Berufsempörer“ gegen Sarrazin auf die Barrikaden gegangen.

Nun ist es zum einen ja so, dass auch eine ganze Menge Prominenter für Sarrazin auf die Barrikaden gegangen sind (und jetzt auch Sloterdijk). Was mich, zum anderen, aber wundert, ist die Sloterdijksche conclusio zum Fall Sarrazin:

„Das Beispiel zeigt, wie tief bei uns der Sprachkarren im Dreck steckt.“

Was meint er genau? Wessen „Sprachkarren“ – um bei diesem sonderbaren Bild zu bleiben – steckt im Dreck? Der der Sarrazin-Kritiker? Oder der von Sarrazin, der ohne jeden Beleg behauptet, dass „70 Prozent der Türken und 90 Prozent der Araber integrationsunwillig“ seien, dass viele Türken „ständig neue kleine Kopftuchmädchen produzieren“ , dass „die Türken Deutschland erobern“? Sarrazin hat also nur auf etwas hingewiesen? Sagt der Sprachexperte Sloterdijk?

Ich weiß nicht so genau, was Sloterdijk meint, der Cicero veröffentlicht den Beitrag online nur auszugsweise. Ich habe aber das Gefühl, dass Sloterdijk hier ein weiterer Tiefschlag gelungen ist, sprachlich als auch semantisch. Das wäre nicht verwunderlich bei dem Mann, der schon vor Jahren vom Menschenpark plapperte und diesen Sommer ebenfalls im Cicero die  „Ausbeutung der Produktiven durch die Unproduktiven“ erkannte und zu einer Abhilfe riet, die die Gesellschaft in den Feudalismus zurückwirft, bestenfalls.

Man mag es für übertrieben haben, aber ich halte diesen Mann für gefährlich. Er ist, zusammen mit anderen Sozialdarwinisten wie Hans-Olaf Henkel, Henryk Broder (der sich gerade pikanterweise um den Vorsitz des Zentralrats der Juden bewirbt) und vielen anderen in publizistischer Zusammenarbeit mit Wolfram Weimer, Kai Dieckmann Thomas Schmid, Roger Köppel und vielen anderen mittlerweile jederzeit in der Lage, einen schwarz-braunen Sud massenwirksam anzurühren. Kein Ressentiment ist zu billig, um nicht ein paar Wochen durch die Medien zu geistern.

Nur, um dem Vorwurf zu entgegnen, ich würde Integrationsprobleme leugnen: Ich tue es nicht, mir geht jeder Macho-Türke und jeder Halbstarken-Araber auf den Sack. Ich finde es nur grauenhaft, dass immer mehr Leute, die den Stammtisch meiden könnten, ihn bewusst bedienen. Mit Erfolg. Und dass die Ruhigeren, die etwas zum Thema zu sagen hätten, hintenrunter fallen.

Der kurze Satz ist doch etwas länger geworden, sorry.

P.S.: Hannes Wurst betrachtet das Problem etwas philosophischer als es mir schnellem Schreiber gemeinhin liegt. Lesenswert.

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16 Antworten zu Sloterdijk, Cicero, Sarrazin

  1. Pingback: Fall Sarrazin: Sloterdijk fordert Absolution für rechtsabgerutschten Radikalspitzenbeamten? « hANNES wURST, Schwellenintellektueller

  2. Pingback: Fall Sarrazin: Sloterdijk fordert Absolution für rechtsabgerutschten Bundesbankvorstand? « hANNES wURST, Schwellenintellektueller

  3. Pingback: Sloterdijk und Eva Herrmann « Metalust & Subdiskurse Reloaded

  4. Der Bo schreibt:

    siehe da… schon tauchen artikel darüber im i-net auf!
    sehr interessant ist auch diese Diskussion über den Artikel:
    http://www.shortnews.de/start.cfm?id=794956

    Bo

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  5. Der Bo schreibt:

    äh sorry… jetzt hab ich hier grade mist gemacht… bitte lösche den 2. kommentar von mir und ersetze ihn durch diesen link:
    http://nachrichten.rp-online.de/article/politik/Angst-vor-Ruhestoerung/55715

    Bo

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  6. genova68 schreibt:

    Danke für die Hinweise. Der Chefredakteur der Rheinischen Post war zuvor Chef der Bild in Hamburg, die RP ist ein rechtes und vor allem geistloses Blatt. Dass die sich an Sarrazin hängen, war fast zu erwarten. Die Argumentation ist erwartungsgemäß dumm, ein Vorurteil wird an das nächste gehängt.
    Die Stern-Kommentare, tja. Das Internet ist vom Stammtisch bevölkert.

    P.S.: Ich sehe gerade einen RP-Artikel über Venezuela, lol: Dort wird der Eindruck erweckt, Chavez sei quasi am Ende: Seine „Zustimmung“ ist von 61 Prozent im Februar auf 53 Prozent im September gefallen.

    Das Blatt spiegelt so eine Art Stammtisch-FDP wider.

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  7. Katzenblogger schreibt:

    Slotty meint einfach, dass der prollnahe Pöbelton eines Sarrazin die Elite schmeichelt, der er sich ebenfalls zurechnet. Er meint, dass grobe Verallgemeinerungen und rüpelhafte Abwertungen genau das sind, worauf er als Philosoph in der Gesellschaft gewartet hat.

    Solange es zu seiner rabenschwarzen reaktionären Sicht auf die Gesellschaft passt. Jaja, unser Slotty.

    Da deformiert er den Widerspruch zum Unterschichten anpöblenden Bundesbanker zur „Empörungsindustrie“. Wie wohl wäre ihm, dem Super-Demokraten (lol), wenn es in der Öffentlichkeit statt einer heftigen Debatte (sehr unterschiedlicher Positionen) eine Unisono-Zustimmung zu Sarrazin gäbe, um anschließend den Steuerstreik aller Leistungträger auszurufen, nein besser noch, um in Reih und Glied nach Neuköln zu marschieren, und die Unterschichten von dort zu vertreiben.

    Oder so ähnlich. Ist ja auch egal, einfach, weil bei Slotty kaum ein längerer Gedankengang stimmig ist – oder gar bis zum Ende bedacht wurde. Um ehrlich zu sein, ich glaube, Slotty fehlt es insgesamt, und in kaum heilbarer Weise, an geistiger Frische.

    Alles, wirklich alles, was diese Flitzpiepe von einem Philosophen zu politischen Themen äußert, ist entweder völlig hohl oder von braungelblicher Dünnschiss-Konsistenz.

    Der Mann ist in seinem politischen Urteil hysterisch, einseitig bis hin zum äußersten Extremismus, tja – und eigentlich auch unwichtig. Das ist doch nur Kasperle-Theater, was dieser Mann in politischen Fragen abliefert. Er nährt die Ressentiments derjenigen, die sich auf höchst reaktionäre Weise als „Leistungsträger“ oder gar „Elite“ fühlen möchten.

    Doch werden sie nicht satt davon. Die geistige Mahlzeit, die ihnen Slotty auftischt, ist fad und wenig nahrhaft.

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  9. nheepapara schreibt:

    hallo allerseits, habe zufällig mal reingeschaut (gefunden beim gugeln wegen slotty und sarry und brody und henkely) und den artikel überflogen, muss loben, weil jemand den sachverhalt exakt so beschreibt, wie ich es tun würde, es bisher aber nocht nicht gelesen oder gehört hatte!

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  10. genova68 schreibt:

    Falls du mich meinst: freut mich, danke.

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  11. nheepapara schreibt:

    also ich musste erstmal suchen und kombinieren, ob du das bist, weil nicht klar (artikel hat keinen autor), ok, dich meine ich! mich selbst korrigiere ich hiermit: „Henky“ statt „Henlely“. passt besser und ist lustiger. übrigens habe ich die letzte slotty-show gesehen, war immer interessierter zuschauer, hat mich gefreut, dass heinsohn gesprochen hat, seine thesen finde ich spannend, habe sein eigentum-buch (langsam) durchgelesen und durchdacht (dabei viel gelernt!). habe immer noch (wie bei aller wissenschaft) skeptischen abstand, fand aber slottys urteil immer richtig, dass es sich bei heinsohn/steiger’s eigentumstheorie um einen möglicherweise fruchtbaren neuansatz handelt. jetzt, nach slottys einlassung mit sarry, beschleicht mich der verdacht, dass slotty das von ihm favorisierte werk gar nicht richtig gelesen, bestenfalls einige snippets für seine eigenen schriebe übernommen hat. heinsohn/steiger haben nie eine elitäre gesellschaftsordnung favorisiert (wenngleich auch mancher beifall dies vermuten liesse, da er aus der falschen ecke kommt) – im gegenteil, sie behaupten ja, dass die eigentumswirtschaft ausgelöst wurde durch eine revolution der umverteilung als antwort auf eine zusammengebrochene feudalwirtschaft. übrigens kam in der sendung eine bemerkenswerte empfehlung von heinsohn: die zentral(bundes-)bank sollte ihre gewinne nicht als billigkredite an die geschäftsbanken verschenken und damit die nächste blase füttern, sondern das geld lieber den sozial schwachen geben. slotty guckte irgendwie dunkel, hat aber keinen ton gesagt. ist ihm da was aufgefallen?

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  12. nheepapara schreibt:

    leider muss ich meinen kommentar updaten: der von mir gelobte heinsohn (heiny), gast bei slotty, hat jetzt buschkowsky (buschy) verteidigt, nachdem dieser sarry verteidigt hat. ausserdem las ich, dass wolfssohn (wolfy) sarry gegen stephan kramer verteidigt hat. auch giordano (giordy) hat sarry verteidigt, sogar schlöndorf (schlöny) hat sarry verteidigt. in diesem land, in dem man bekanntlich seine meinung nicht sagen darf, musste stephan kramer seinen nazivergleich entschärfen. sarry sei nicht hitler (addy). sarry sei aber rassist (rassy), darf er weiterhin sagen. immerhin. bravo! es gab mal den spruch: ausländer, lasst uns mit den deutschen nicht allein! dass aber juden deutsche rassisten gegen deutsche und juden verteidigen und selbst das alte neue deutsche kino rassistisch wird, das schlägt dem fass den boden aus (spruch von diogenes)!!

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  13. genova68 schreibt:

    Wolfssohn war schon immer ein rechter Jude, warum soll es die nicht geben? Heinsohn hat wirtschaftspolitisch ganz interessante Sachen gesagt, aber ich glaube, er überschätzt sich. Schreibt Bücher über alle möglichen Themen, ist aber keine Universalist, der er gerne wäre. Das merkt man spätestens bei seinen jüngsten Entgleisungen. Diese Leute, ob Wolfssohn, Sloterdijk, Heinsohn, schlittern alle auf dem dünnen Eis der Zivilisation, immer kurz vorm Einbruch, bei dem sie bemerkenswerter Weise ein wohliger Schauer erfasst.

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  14. nheepapara schreibt:

    @genova68
    Wolfssohn kannte ich schon als solchen, trotzdem dämlich von ihm. Womit ich nicht gerechnet hatte, ist Giordano. Man lernt immer dazu. Mir scheint aber, dass die Leute, wenn sie älter werden, ungenauer / emotionaler / selbstgefälliger werden. Und die alten Ressentiments kommen doch ans Tageslicht, bzw. ihre wahre politische Haltung. Das muß aber nicht sein. Es gibt (wenige) Gegenbeispiele wie zB. Heiner Geisler (natürlich kein Wissenschaftler!). Ich ordne diese „Entgleisungen“ aber zuerst einer mangelnden Intelligenz zu, Haltung und denkerische Sorgfalt sind Denk-Leistungen, ähnlich handwerklicher Präzision, die auf Gewissenhaftigkeit (da spielt im Deutschen das Gewissen herein) sich ebenso stützt wie auf „Kompetenzen“. Die Intelligenz eines „Denkers“, egal ob Wissenschaftler oder Publizist / Journalist, sind ja alle „nur“ Schriftsteller, sollte also Emotionales und Logisch-Rationales zusammendenken, nämlich weil die politische Haltung zunächst aus dem Emotionalen kommt, sich einer rationalen Erkundung aber nicht verschliesst usw. Ich meine also mit Intelligenz die allumfassende Fähigkeit, einen Sachverhalt oder „Ausschnitt“ der Welt zu erfassen und zu beurteilen, dabei nie zu vergessen, dass der Beobachter Teil des Versuchs ist, dass der Denkende immer Teil des Gedachten ist. Das schlösse Elfenbeintürme aus, würde sie zumindest auf das Minimum begrenzen. Adorno hat das gesehen. Natürlich liegt diese Latte hoch. Bei Heinsohn hatte ich von anfang an das Gefühl, dass etwas seltsam ist. Seine Eigentumstheorie geht, soweit ich sehe, auf Steiger zurück, der nicht mehr lebt, jetzt muss Heinsohn allein weitermachen, ohne vielleicht die Einsicht Steigers zu haben. Seine anderen Arbeiten haben Wurzeln in der linken Denke der 68er (Hexenverfolgung, Pogrome usw.) oder machen sich verdächtig (man muss nur die Anhänge und Anmerkungen bzw. die Literaturliste lesen), auf Auftragsstudien des FBI/CIA zu basieren. Auf der Blase der jungen Männer reitet Heinsohn zu offensichtlich, bringt es bei jeder Gelegenheit unter, als müsste er damit seine Unsicherheit auf wissenschaftlichem Parkett kaschieren. Seine Auskünfte zur Eigentumstheorie gehen nicht uber den Text der Buchausgabe hinaus, jeder, der das Buch intensich durchgearbeitet hätte, könnte so sprechen (auch du und ich). Das legt nahe, an seiner Autorenschaft / Kompetenz ein Bisschen zu zweifeln (siehe oben). Egal, ich fand und finde diese Theorie bedenkenswert und entwicklungsfähig, ganz egal, was Heinsohn alles sonst noch erzählt. Ist aber dämlich (siehe oben) von ihm.

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  15. nheepapara schreibt:

    zum Thema:

    „Haben Sarrazin, Buschkowsky und Co recht?“

    http://www.weissgarnix.de/2009/11/04/haben-sarrazin-buschkowsky-und-co-recht/

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