Kein guter Tag in Zlín

Dass die Dialektik der Aufklärung nach Auschwitz führen kann, ist bekannt. Doch auch abseits diese Katastrophe stolpert man beim Blick aufs Detail oft über Rational-Irrationales, beispielsweise in Zlín.

In der osttschechischen Stadt hat der Industrielle Tomás Bata um 1900 eine Schuhfabrik samt Wohnmöglichkeiten für die Arbeiter gebaut. Bei einer Reise in die USA erwärmte sich Bata für tayloristische und fordistische Arbeitsprinzipien, also Arbeitsteilung und Fließbandproduktion. Das führte nach seiner Rückkehr dazu, dass er die Effizienz- und Rationalisierungsmöglichkeiten auf die Spitze trieb. So verbot er seinen Mitarbeitern Begrüßungsformeln am Telefon und kontrollierte die Einhaltung dieser Vorschrift durch Gesprächsmitschnitte, die sogar auf Grammophonplatten aufgenommen wurden. „Guten Tag“ oder „Wie geht es Ihnen“: überflüssiges Kauderwelsch, das Zeit kostet und zu Lasten des Profits geht.

Heute läuft es anders herum, aber nicht weniger erstaunlich. Kein Supermarkt-Angestellter, kein Blumenhändler, kein Verkäufer einer Obdachlosenzeitschrift, der einem nicht „einen schönen Tag noch“ wünscht. Selbst mein local dealer macht das (wobei das in diesem Fall ein Vehikel ist, das illegalem Verhalten etwas legales, offizielles geben soll, was auch fast gelingt). Dieser Spruch nach dem Kaufakt kommt so zuverlässig wie Weihnachten und hat mit individueller Kommunikation nichts zu tun. Wahrscheinlich überwachen anonyme Tester die Einhaltung dieser Vorschrift, die Ergebnisse werden sicher auch festgehalten, wenn auch nicht auf Grammophonplatten. Das Standardisierte und Künstliche solcher Dialoge wird besonders deutlich, wenn die Brötchen-Verkäuferin morgens um halb acht einen „schönen Tag noch“ wünscht, wo er doch gerade erst begonnen hat.

Der Verblendungszusammenhang reicht bis in die kleinste Ritze. Freundlichkeit als zur Floskel reduziertes zweckrationales Handeln. Fast noch verlogener als Batas Ansatz, sie wegzulassen.

(Quelle: bauwelt 26/09)

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