Lettre International auf Tuchfühlung mit dem Stammtisch

Was ich mich bei der Aufregung um Thilo Sarrazin frage: Warum bietet die eigentlich doch sehr lesenswerte Zeitschrift Lettre International diesem Trottel Platz für sein Geplapper? Es ist seit Jahren bekannt, dass Sarrazin gerne drauflospöbelt, so wie Millionen anderer Stammtischler das auch tun. Warum räumt Lettre International diesem Herrn mehrere Seiten frei? Aufmerksamkeitstechnisch ist es verständlich: Soviel Werbung für die Zeitschrift gab es noch nie, und dazu kostenlos. In allen deutschen Medien ist der Name des Blattes genannt worden und jetzt kennt es der letzte Bild-Leser.

Es gibt eine Menge kluger Leute, die zum Heftthema „Berlin auf der Couch“ interessantes sagen könnten. Sarrazin kann es nicht, das war zuvor schon klar. Die Redaktion ist der Versuchung erlegen, den Sozialdarwinisten ins Blatt zu holen, um die Auflage zu steigern. Das ist ihnen sicher geglückt. Von Dauer wird der Trubel nicht sein.

Die laufende Debatte (die auf einer anderen Ebene durchaus nötig wäre) hat keinen Sinn, außer dem, dass sich Weggefährten wie Hans-Olaf Henkel  (der einen, ohne Scherz, „unglaublichen und schändlichen Vernichtungsfeldzug gegen einen Menschen“, nämlich Sarrazin, diagnostiziert) und Henryk Broder als quasi-braune Gesellen outen dürfen. Aber das kennt man ja schon. Wobei zumindest Broder sich selbst kein gutes Zeugnis ausstellt, wenn er Sarrazins Interpretationen unterstützt: Er wohnt in Berlin, der Stadt, die – laut Sarrazin – ihren Intellekt von außen beziehen muss.

Alles weitere zu dem Thema ist schon gesagt, glaube ich. Deshalb schließe ich mich einfach dem prima Artikel auf Kritik und Kunst an.

P.S.: Lesenswert zu dem Thema sind noch folgende Beiträge:

  • aus der Zeit
  • vom Muslimmarkt (hier der Gedanke, dass die Sarrazinsche Hetze gegen Hartz-IV-Bezieher auf einer Ebene liegt mit seinen aktuellen Statements. Gegen Hartz-IV-Bezieher lässt sich allerdings nicht mehr so leicht hetzen, weil fast jeder einen kennt und man spürt, dass es einen selbst erwischen kann. Türken und Araber taugen als Feindbild besser.)
Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Aufmerksamkeitsökonomie, Berlin, Fremdenfeindlichkeit, Zeitschriften abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Lettre International auf Tuchfühlung mit dem Stammtisch

  1. hanneswurst schreibt:

    – Offener Kommentar an Frank Berberich –

    Vielen Dank, sehr verehrter Herr Berberich, für das von Ihnen genial geführte und in der von Ihnen verlegten Zeitschrift Lettre International veröffentlichte Interview mit Thilo Sarrazin, das Ihnen meiner Meinung nach den Pulitzer-Preis einbringen muss, was auch deshalb so denkwürdig ist, weil Sie latente Denkstrukturen aufdecken, deren Existenz passend zu Ihrer Quartalszeitschrift mehr als nur kurzfristige Relevanz hat. Zunächst war ich etwas erschrocken über den schieren Umfang des aktuellen Lettre. Meine erste Befürchtung war, dass die Zeitung (?) wohl bald öfters erscheinen wird, um das reichlich verfügbare Material zu publizieren. Ich hoffe jedoch, dass Sie auch in Zukunft Qualität vor Quantität stellen. Weiterhin ist es natürlich schade, dass es aufgrund eines solchen Sonderheftes ein Quartal lang keine wissenschaftlichen oder philosophischen Beiträge zu lesen gibt. Das Interview mit Sarrazin allein war jedoch Entschädigung genug.

    Die völkische Argumentation Ihres Gesprächspartners haben Sie sensibel erforscht, den tief verwurzelten Hass eines Mannes, der vor kurzem noch Berliner Senator war, auf Mitbürger, die aus balkanischen oder arabischen Ländern stammen, haben Sie meisterlich in der Schwebe gehalten, so dass dem Interviewten offensichtlich nicht bewusst wurde, in welches Delir er sich redete. Im Rausch deklariert der so sich selber Vorführende nicht nur ganze Volksgruppen als sich vermehrende Stadtplagen, sondern verlor außer der Bodenhaftung auch jeden Sinn für Logik. So proklamiert er einerseits, dass eine höhere Bildung eine wichtige Voraussetzung für Integration ist, andererseits forderte er die Zahl der Studenten zu senken und nur noch die Besten aufzunehmen. So kann nur argumentieren, wer sich selber nicht mehr ernst nimmt, was Sarrazin offensichtlich tatsächlich nicht tut, da er selber proklamiert, dass keine guten Leute für das Gehalt in den Senat gezogen werden können, in dem er selber gedient hat.

    Nicht schwer zu erkennen, dass Sarrazin vor allem polarisieren und provozieren will. Ihrem Interview, Herr Berberich, ist zu verdanken, dass eine reale Chance darauf besteht, dass am Beispiel Sarrazins vorgeführt wird, dass jemand, der tragende öffentliche Ämter bekleidet, sich eben dies nicht leisten kann. Es bleibt nur zu hoffen, dass Herr Sarrazin wirklich mit Schimpf und Schande aus dem Vorstand der Bundesbank entfernt wird und dass ihm der Vorwurf der Volksverhetzung Schlimmeres einbringt, als die Notwendigkeit sich zu entschuldigen.

    Gefällt mir

  2. genova68 schreibt:

    Na, hoffentlich nimmt Herr Berberich deinen Brief zur Kenntnis. Er hat im Moment jedenfalls viel zu tun:

    Aus dem „Stern“:
    Mit seinen Äußerungen hat Sarrazin „Lettre International“ einen echten Erfolg beschert. Seit Mitte der 1990er Jahre führt in Berlin die kleine Redaktion der Zeitschrift vier Mal im Jahr einen philosophisch-wissenschaftlichen Diskurs – sie setzt sich mit religiösen Fragen auseinander, mit Literatur, mit Kunst. Bis jetzt wurden die Debatten vor allem von einem sehr kleinen, überschaubaren Fachpublikum zur Kenntnis genommen. Bis jetzt. „Die Telefone stehen überhaupt nicht mehr still“, sagt Esther Gallodoro, Projektbeauftragte der Redaktion. Sie schafft es kaum, den Anfragen nach einer Abschrift des Sarrazin-Interviews nachzukommen. Sarrazin sells. Immer noch.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.