„Erfahrungen will man nicht machen“

„Jedes Argument ist auf die Absicht zugeschnitten, unbekümmert um Stichhaltigkeit. Was der Kontrahent sagt, wird kaum wahrgenommen; allenfalls damit man mit Standardformeln dagegen aufwarten kann. Erfahrungen will man nicht machen.“

Das schreibt heute die FAZ über die Anne-Will-Sendung von gestern Abend.

Falsch. Das schrieb Theodor W. Adorno 1969 in einem Aufsatz* über die Diskussionskultur eines Teils der Achtundsechziger.

Tja, die Revoluzzer als Avantgarde unzivilisierter Kommunikation. Wobei man ihnen zugute halten muss, dass sie sich im Versuchsstadium befanden und es nicht einfach war, bei hundert oder tausend Teilnehmern in einem Hörsaal Diskussionskultur zu entwickeln. Dass sich die Lauten durchsetzen, spricht für eine gerade nicht antiautoritäre Kultur dieser Leute. Und was ist von jemandem wie Arno Widmann zu halten, der, Student und Teil der Lederjackenfraktion, Adorno fast schon physisch bedrängte, mit wenigen Leuten Vorlesungen sprengte und heute Feuilletonchef der Frankfurter Rundschau ist? Frechheit siegt.

Vielleicht ist genau deshalb heute das kommunikative, diskursive Niveau im Fernsehen so im Arsch. Je doller jetzt im Wahlkampf Politiker so tun, als würden sie sich für die Meinung von Individuen interessieren, die kurzzeitig die Aufmerksamkeit von Kameras erlangen, desto intensiver werden diese Leute instrumentalisiert. Ein arbeitsloser Facharbeiter darf seine Geschichte anreißen, Steinmeier oder sonstwer kümmert sich. Gerade hier, wo Erfahrung gemacht werden könnte, bleibt das Gespräch außen vor. Jeder Politiker könnte sofort die Position des Gegners einnehmen, sämtliche Argumente sind schubladenhaft geordnet, alles Fassade. Da hier offensichtlich nicht gedacht wird, braucht es „Denkfabriken“.

Die Achtundsechziger als Vorreiter dieser Unkultur, des konkreten Instrumentalisierens der Umwelt? Selbst Adorno sprach von „der idiotischen Brutalität der Linksfaschisten“ und meinte damit keineswegs die Kaufhausanschläge von Baader und Ensslin 1968. Die Lederjackenfraktion als besonders agitatorischer, gewalttätiger, aber auch agiler Teil der Bewegung, aus dem später leitende Redakteure und Minister hervorgingen.

Die Leiseren gehen unter, damals wie heute.

*Adorno: Marginalien zu Theorie und Praxis, Gesammelte Schriften, Band 10.2, S. 761.

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2 Antworten zu „Erfahrungen will man nicht machen“

  1. Bersarin schreibt:

    Dem kann ich mich, wieder einmal, nur anschließen. Schön auch die Erwähnung von Arno Widmann, den man ja noch aus der „Berliner Zeitung“ kennt. (Schlecht hat er ja nicht geschrieben.)

    In der Tat: so ist es, die Frechheit siegt meist, und Erfahrungen werden kaum noch gemacht, so wie das Adorno vollkommen zutreffend beschreibt.

    Liken

  2. Pingback: Thomas Bernhard und der „Verrat in den Köpfen“ « Exportabel

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