Ein paar Bemerkungen zu „Inglorious Basterds“

Obwohl  Oftundgernekinogänger, vermeide ich, über Filme zu schreiben. Ich habe das Gefühl, mir fehlt das Vokabular. Bei Quentin Tarantino nehme ich das Risiko der Sprachlosigkeit auf mich. Einer der besten Regisseure überhaupt, was Erzählstruktur, Psychologie, Kamerafahrten, Dialoge und Atmosphärisches angeht. Die Spannung, die sich aufbaut ohne jeden billigen Effekt, auch wenn es billige Effekte gibt.

„Inglorious Basterds“ bietet, so gesehen, nicht einmal Überraschungen. Es ist ein echter Tarantino, ein sorgfältiger. Erneut der absurd lange Anfangsdialog (schreibt Tarantino die Drehbücher wirklich selbst bzw. wer hilft ihm dabei?) mit extremem Ende, erneut die Diskrepanz zwischen im vernünftigen Sinn überflüssigen und ausufernden Lösungsversuchen für nicht vorhandene Probleme einerseits und dem Nebenbeitöten andererseits. Erneut der Mut von Tarantino, alle Zuschauer zu vergrätzen. Dem Gewaltseher wird es zwischendrin zu fad, dem Beobachter fein gewebter psychologischer Netze zu brutal.

Auch nicht neu, aber mir zum ersten Mal so deutlich aufgefallen: Tarantino gibt allen Schauspielern sehr viel Raum zur Entfaltung. Die schauspierlerischen Leistungen sind ungemein gut. Christoph Waltz ist faszinierend, August Diehl ebenfalls, selbst Till Schweiger fällt nicht negativ auf, weil er im Hintergrund bleibt. Kein Darsteller fällt in dieser Freiheit auf Klischees zurück. Diane Kruger bleibt teilweise etwas zurück, vor allem in der Szene, in der ihr eine Kugel aus dem Bein operiert wird, aber das passt eben auch zum B-Movie-Touch.

Die, wie man das heute nennt, unökonomische Erzählstruktur Tarantinos: Er lässt sich viel Zeit für Details, jede Szene für sich funktioniert, alles Hollywoodeske ist abwesend oder als Persiflage vorhanden. Er macht gar nicht erst den Versuch, eine logisch nachvollziehbare Handlung zu basteln. Wenn es nicht passt, dann passt es halt nicht. Wenn er keine Lust hat, eine Figur vorzustellen, malt er ins Bild einen Pfeil in Richtung der Figur und schreibt den Namen daneben, wie früher bei den Montagsmalern. Dazu Tarantinos Talent des Genrewechels. In die spannendsten Momente pflanzt er Komödienhaftes ein, und es funktioniert in seiner Absurdität. Und wenn das Komödienhafte verschwindet, folgt nicht Tragödie, sondern Farce.

Angenehm, dass die Juden einmal nicht als lammfromme Angsthasen dargestellt werden, die sich widerstandslos ins KZ abtransportieren lassen, sondern als Indidividuen, die meist sympathisch eigenwillig sind, im Extremfall aber Nazis mit Baseballschlägern langsam und nach und nach und bestienmäßig den Schädel zertrümmern.

Schön auch, dass sich die stille Hoffnung des Zuschauers erfüllt: Zum Schluss verbrennen alle Nazis in einem großen Kino. Keine pseudointellektuellen Kompromisse, wo doch noch ein Nazi gar kein Böser ist und entkommen darf, nein, alle Nazis und somit alle Deutsche sind scheiße und Hitler wird am Ende nicht mit fünf oder zehn Kugeln erschossen, sondern mit mindestens einhundert. So lange, bis von seinem Gesichts nichts mehr übrig ist. Dazu auf der Leinwand übergroß das Gesicht einer Jüdin, die den vor Angst kreischenden Nazis im Zuschauerraum Rache verspricht. Vielleicht mag das mancher kitschig finden oder zu dick aufgetragen. Ich fand es überhöht, aber beeindruckend, eine Jüdin sitzt übermächtig Gericht und fällt bei allen die Todesstrafe. Es erinnert an einen Traum Adornos, eine Hinrichtungsszene: Im März 1944 „findet in einer Arena unter meinem Befehl die Hinrichtung einer großen Anzahl von Nazis statt“ (Adorno, Traumprotokolle, Ffm 2005).

Letztlich affiziert Tarantino, weil ihm sein Faible für B-Movies nicht peinlich ist. Der ganze Exploitation-Kram aus den Siebzigern schwingt mit, billige Italo-Western, schlechte Drehbücher. Tarantinos Filme sind immer eine Mischung aus B-Movie und Autorenkino, und beide Aspekte kommen zur ihrem vollen Recht. Dazu gute Musik.

Tarantino ist der wahre Geschichtenerzähler, der kapiert hat, dass zu einer guten Geschichte auch Trash gehören kann. Dabei bescheiden: „Inglorious Basterds“ ist ein Kammerspiel. Rückblenden gibt es dieses Mal kaum, und man merkt, dass sie auch weggelassen werden können.

Fade out.

Quentin Tarantino

(Foto: Pinguino)

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8 Antworten zu Ein paar Bemerkungen zu „Inglorious Basterds“

  1. hanneswurst schreibt:

    Aus jedem Besuch des Kinos kommst Du bei aller Wachsamkeit dümmer und schlechter wieder heraus.

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  2. Bersarin schreibt:

    Na ja, Adorno kannte halt nicht Godard und Lynch.

    Danke für den Text. Ich bin auf den Film schon gespannt, werde womöglich auch etwas schreiben. Schaun wir mal.

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  3. genova68 schreibt:

    Der Satz ist von Adorno? Dann schließe ich mich Bersarin an.

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  4. Rene schreibt:

    Also mir hat der Film gut gefallen. Würde ihn sogar nochmal anschauen!

    Schon nach zwei Wochen ist Inglorious Basterds der erfolgreichste Tarantino-Streifen in Deutschland:
    http://www.movie-village.com/2009/inglorious-basterds-ist-erfolgreichster-tarantino-film-in-deutschland/

    lg Rene

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  5. hanneswurst schreibt:

    Habe mir den Film eben wachsam angesehen (OmU), bin dümmer und schlechter wieder herausgekommen. Allerdings ist Tarantino jetzt erst recht mein FILMGOTT. Von wegen „billiger Italo-Western schwingt mit“, die an „Spiel mir das Lied vom Tod“ angelehnte Anfangsszene ist der beste Filmprolog den ich je gesehen habe. Die Todesharmonika-Imitation die dann elegant in „Für Elise“ überführt wird deutet musikalisch an, was Tarantino einzigartig macht: er verbindet, was zunächst nicht zu passen scheint. Er tut das so kompromisslos und leichtfüßig, dass der Eindruck entsteht, es hätte so und nicht anders immer schon verbunden sein müssen. Und wie jeder Gott beschert Tarantino am Ende allen das, was sie verdienen.

    Vielleicht ist „Inglourious Basterds“ der „letzte Nazifilm“, so wie es hieß „Erbarmungslos“ wäre der „letzte Western“. Das würde passen, weil Tarantino einige der wenigen verbliebenen Perspektiven beleuchtet, die so noch nicht abgefilmt wurden. Der meiner Meinung nach gar nicht so schlechte Film „Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“ hätte Ähnliches erreichen können, wenn er nicht in Deutschland produziert worden wäre.

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  6. Dana_Tools schreibt:

    viel gelernt

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  7. mondoprinte schreibt:

    Hut ab! Sehr scharfsinnig. Was dagegen, wenn ich Sie in meine Blogroll packe?

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  8. genova68 schreibt:

    Es ist mir eine Ehre.

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