Griebnitzsee: Was Zivilcourage mit einer Gartenschere zu tun hat

Kleiner Kursus in Sachen Zivilgesellschaft:

Am Potsdamer Griebnitzsee gibt es einen Uferweg, der bis 2007  für Fußgänger und Radfahrer öffentlich nutzbar war. Direkt hinter dem Weg, also etwa fünf Meter vom Seeufer entfernt, befinden sich großzügige Villengrundstücke mit großen Gärten

Kurz zum Hintergrund (ausführlich, mit einer sehr guten Beschreibung der historischen und architektonischen Hintergründe, siehe Link oben): Der See stellt bis 1990 die Grenze zwischen Potsdam und West-Berlin dar, zwischen 1961 und 1989 nutzten die DDR-Grenztruppen den Uferweg zur Patrouille. Ab 1990 war er frei zugänglich, Menschen gingen dort joggen und spazieren, ein Radweg rund um Berlin führte auch vorbei. Irgendwann hat wohl ein findiger Jurist entdeckt, dass die rechtliche Situation des Weges ungeklärt ist. Jedenfalls haben acht Villenbesitzer – allesamt nach der Wende zugezogen im Bewusstsein des existierenden Uferwegs – vor zwei Jahren ihre Grundstücke mit Zäunen illegal und über Nacht bis an den See verlängert, der Weg war nicht mehr passierbar. Es folgten öffentliche Entrüstung und von den Villenbesitzern engagierte Wachleute, die mit der Präsenz dicker Muskeln die Menschen fernhielten, es gründete sich der Verein „Griebnitzsee für alle“.

Ein Gericht hat den Anwohnern zwischenzeitlich recht gegeben, juristisch ist der Fall aufgrund der ehemaligen deutsch-deutschen Grenzlage dennoch knifflig. Die Argumentation der Stadt („freie Landschaft“, „Sozialpflichtigkeit des Eigentums“) fruchtete nicht. Jetzt denkt sie über Enteignung des schmalen Streifens nach, was wahrscheinlich Jahre und Millionen kostet, die die Millionäre dann bekommen.

Jedenfalls gilt der Status quo. Der Weg ist auf einer Länge von mehreren Kilometern gesperrt und verwildert, manche Anwohner sollen den Asphaltbelag schon zertrümmert haben, um vollendete Tatsachen zu schaffen. So wie es aussieht, hat kein Anrainer ein Interesse daran, den Seezugang zu nutzen. Da die Grundstücke ja schon jahrzehntelang vom Uferweg mit einem Zaun abgetrennt waren (siehe unteres Foto), kommt nun überhaupt niemand mehr ans Wasser. Die Atmosphäre erinnert an die Mauerzeit.

Worauf ich hinauswill: Auch von seiten der Sperrungsgegner passiert nichts. Obwohl es so einfach wäre: Eine bessere Gartenschere oder ein Bolzenschneider und zehn Minuten Zeit würden genügen, und der Weg wäre wieder frei. Eine ganze Stadt lässt sich hier von acht Villenbesitzern an der Nase herumführen (von „terrorisieren“ will ich nicht reden), die formaljuristisch im Recht sein mögen und daraus das Recht zu asozialem Verhalten ableiten. Zumal die Anwohner sich selbst nicht einig sind. Der Regisseur Volker Schlöndorff beispielsweise wohnt dort auch, ist aber gegen die Sperrung, weil er dann selber am Ufer nicht mehr joggen kann. Die Anrainer schneiden sich ja auch selbst den Weg ab. Zu ihnen gehört auch die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung. Die sind hier bestimmt in ihrem Element.

In einer vitalen Zivilgesellschaft hätten die Betroffenen das Problem längst kreativ gelöst, wie gesagt. In der verwalteten Welt wartet man lieber fünf oder zehn Jahre Entscheidungen der Verwaltung ab. Konkretes, human und rational legitimierbares Handeln wird vermieden zugunsten von Aktenzeichen.

Die Situation erinnert an die Enclosure-Bewegung in England. Dort besetzten im 18. und 19. Jahrhundert Landlords Flächen, die bis dato zur allgemeinen Verwendung oder in Erbpacht einfacher Bauern standen. Das Parlament hatte dieses Vorgehen zuvor gebilligt. Die Vertriebenen blieb nichts anderes übrig, als in die Städte zu ziehen, wo sie als Industrieproletarier ausgebeutet wurden – von derselben herrschenden Klasse, die sie zuvor vertrieben hatte.

Natürlich ist der Griebnitzsee damit nur bedingt vergleichbar. Gemein ist beiden Konstellationen die Unverschämtheit im Wortsinn, mit der sich Bonzen auf Kosten der Allgemeinheit bereichern, und das auch noch visuell so dreist. Genau diese fehlende Scham ist es, die eine Gartenschere zur Anwendung kommen lassen sollte. Man muss halt Grenzen ziehen.

Übrigens: Der Umweg, den Spaziergänger und Radler nun machen müssen, führt durch die Karl-Marx-Straße, und zwar auch direkt an den Villengrundstücken vorbei, nur oberhalb. Man könnte fast sagen, die Bonzen sind eingezingelt, von Marx und Gartenschere. Das sollten selbst Potsdamer checken.

Der Uferweg am Griebnitzsee in Potsdam im Jahr 2004…(Foto: Jorges)

Griebnitzsee

und 2009: eine bessere Gartenschere würde am „Privatgarten“ gute Dienste leisten.

IMG_3874 - Kopie

(Foto: genova, 2009)

Noch mehr zum Thema bei BildungstadtSchloss.

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8 Antworten zu Griebnitzsee: Was Zivilcourage mit einer Gartenschere zu tun hat

  1. Bärbel Moll schreibt:

    Zur Richtigstellung: Der Weg war noch im April 2009 öffentlich zugänglich. M. E. erfolgte die endgültige Sperrung am 18. April. Ich bin Potsdamerin und dort gewesen, vorher und nachher. Ändert natürlich an der derzeitigen Sachlage nichts.

    Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass es bald noch mehr Griebnitzseen in den neuen Bundesländern geben könnte, da der Verkauf von ca. 15 000 Hektar ostdeutschen Seen durch die Treuhandnachfolgegesellschaft BVVG ansteht, der zwar z. Z. durch die großen Proteste gestoppt ist, aber wenn die Gesetzeslage nicht geändert wird, irgendwann weiter geht. Informationen dazu auf meiner Mini-Website.

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  2. genova68 schreibt:

    Sie haben recht, der Weg ist erst seit 2009 dauerhaft gesperrt. Allerdings ist die Chronologie kompliziert, ich habe sie vereinfacht. Der Weg wurde auch schon 2007 gesperrt, eigenhändig von den Villenbesitzern. Die Stadt hat die Sperrungen damals wieder aufgehoben.

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  3. bildungstadtschloss schreibt:

    Hey – schicke Aufarbeitung…

    Ist zwar gar nicht unbedingt unser Steckenpferd, aber danke für den Link.

    Wir beschäftigten uns ja eher damit, den Leuten zu zeigen, dass Bildung der Grundmaßstab für quasi alles andere ist – wobei solche Themen ja auch dazu gehören…

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  4. Sisyphos schreibt:

    Wie könnte man sagen: rechtlich einwandfrei, aber moralsich höchst bedenklich.

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  5. genova68 schreibt:

    So könnte man sagen.

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  6. Franz Kien schreibt:

    „Die Anrainer schneiden sich ja auch selbst den Weg ab. Zu ihnen gehört auch die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung. Die sind hier bestimmt in ihrem Element.“

    Was soll das? Die Friedrich-Naumann-Stiftung bietet eine der wenigen Zugänge ans Wasser, direkt über ihr Grundstück. Der Zugang ist der beste von allen: Zum einen sehr schön gestaltet, zum weiteren behindertengerecht, weil keine Treppen oder steile Steigungen zu bewältigen sind.

    Ich bitte um Richtigstellung oder Eindeutigkeit der zitierten Textstelle.

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  7. genova68 schreibt:

    Franz Kien,
    meine erkennbar saloppe Bemerkung zur FNS nimmt Bezug auf die privatisierungsfreundliche Grundhaltung von FNS und FDP. Dass die einen Zugang zum Ufer ermöglichen, ist sicher nett von denen und somit danke ich Ihnen für den Hinweis. Allerdings geht es bei dem Thema um einen Weg, nicht um einen einzelnen Zugang.

    Die „Potsdamer Neuesten Nachrichten“ schreiben dazu:

    „Auch Naumann-Stiftungsvorstand Rolf Berndt hat im Fall Griebnitzsee längst „sozialpolitischen Sprengstoff“ erkannt. Als Lösung schlägt Berndt vor, den Weg vielleicht nur am Tag und nur eingeschränkt mit dem Fahrrad zu nutzen. Er setze auf Dialog statt auf Enteignungen.“

    Dass dieser „Dialog“ auf die Entsperrung des Uferwegs hinausläuft, wage ich zu bezweifeln.

    http://www.pnn.de/potsdam/180915/

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