Autos in die Augen schauen

Wie man das Aggressionspotenzial einer Gesellschaft an den Gesichtern ihrer Autos ablesen kann, zeigte kürzlich ein sehr lesenswerter Beitrag des Design-Professors Paolo Tumminelli in der Süddeutschen Zeitung. Tumminelli schreibt dort, was ich mir – schwammiger – schon länger denke:

„Die Ästhetik des Automobils hat sich binnen eines Jahrzehnts grundlegend verändert. Wie der Automobildesigner in einem unbewussten Prozess der Abstraktion sich von seiner Schöpfung entfernt hat (er entwirft nicht mehr per Hand, sondern an der virtuellen Wand), so ist das Automobilprodukt weit weg von der Menschenmaßlehre gerutscht.“

Die Menschenmaßlehre von Vitruv ist nun futsch. Statt dessen werden die Autos immer breiter und höher, die sogenannte Stirnfläche, also quasi das Gesicht eines Autos, nimmt an Umfang zu. Beispiel Ford Fiesta. In den 1970 sah das Auto so aus:

800px-Ford_Fiesta_(early_days)_Garmisch-Partenkirchen

Die neueste Version des Fiesta ist die konsequente Entwicklung in Richtung Ungetüm. Zielgruppe ist jetzt wohl die Sekretärin, die gerne Eindruck schinden möchte, sich aber keinen SUV leisten kann bzw. dann mit dem Einparken Probleme hätte:

800px-Ford_Fiesta_Mk7_20090223_front

Noch besser kann das dieser Audi namens Q7:

Audi_Q7_front_presentation

Nicht nur das Gesicht, auch Bauch, Po, Beine, nichts ist mehr im Lot. Dazu Tumminelli:

„Gäbe es einen Body-Mass-Index für Autos, so wären wir heute vom gesunden Schönheitsideal weit entfernt. Ein Panda wog 200 Kilo pro laufendem Meter, so wie früher ein Fiesta auch. Ein neuer Fiesta packt pro Meter 100 Kilo drauf. Mehr als damals ein Volvo Kombi. Und das ist ungesund: 50 Prozent BMI-Zuwachs bei lediglich elf Prozent mehr Länge. Von einem Kleinwagen darf nicht mehr die Rede sein.“

Warum ist das so? Findet es die Sekretärin wirklich geil, in so einem unförmigen Ding rumzufahren? Sind die heutigen Autos das Abbild von Bodybuildern? Ist das das neue Schönheitsideal? Oder steckt hinter dieser Art von brachialer Ästhetik mehr? Es ist anzunehmen.

Es ist ein Aggressivitätspotenzial, das in dem Maß zunimmt, in dem die Gesellschaft unsozialer wird. Dieses Unsoziale findet seinen Ausdruck in einem Abwehrverhalten, das grundsätzlich ein passives sein kann (man kann auch mit solchen Ungetümen einen sozialen Fahrstil pflegen und die Oma über die Straße lassen), das aber jederzeit unmissverständlich klarmacht, dass man auch anders kann. Es ist eine mögliche Rücksichtslosigkeit, für die man sich nicht mehr schämen muss, sondern die mittlerweile dazugehört, wenn man seinen Status zeigen will: Seht her, ich habe es geschafft! Dazu gehört keine Eleganz mehr, kein Stil, sondern Brachialität. Der Q7 macht es vor, die Fiestas und Corsas machen es nach.

Ästhetische Standards werden nach unten durchbrochen als Folge einer rücksichtsloser werdenden Gesellschaft, die die Solidarität mit Schwächeren als individuelle Leistung toleriert, aber als gesellschaftliches Prinzip ablehnt. Wer es geschafft hat, darf asozial sein und dennoch und deswegen auf gesellschaftliche Reputation hoffen. Hauptsache kein Weichei. Solidarität als individuelles Prinzip entlastet so nach Bedarf die unsozialsten Subjekte der Gesellschaft: Stiftungen gründen, moderne Kunst sammeln, am Zebrastreifen brav bremsen und den Penner mit einer generösen Handbewegung die Straße queren lassen, aber gleichzeitig klarmachen, dass ein leichter Druck aufs Gaspedal eine geräuschlose Liquidierung mittels Stirnfläche zur Folge hätte. Auch der Fahrer eines 1976er Fiestas sollte sich mit seinen 800 Kilogramm Leergewicht besser nicht mit den zwei Tonnen des Audi anlegen. Totschlaggeräte als Zeichen gesellschaftlichen Erfolgs.

Das Wesentliche dazu sagte übrigens kürzlich Clint Eastwood in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung:

„Diese Autos heute, sie schauen allesamt, als hätten sie in eine Zitrone gebissen! Diese verzweifelten und vulgären Visagen! Diese hochstehenden Ärsche! Was ist los? Nehmen die Designer die falschen Drogen? Will man in so einem Auto mit seinem Mädchen herumfahren?“

Wohl nicht. Er bevorzugte diesen Wagen, einen Ford Gran Torino:

800px-1974_Ford_Torino_from_Starsky_&_Hutch

Kein 70er-Jahre-Fiesta, aber doch eine ganz andere Art von Aggressivität als die eines Q7. Eine, die wahrhaft cool daherkommt. Eine Bulligkeit, die dennoch elegant ist und der protziges Gehabe durch falsche Proportionen peinlich wäre. Angeben mit Stil.

Tumminelli nennt die Q7-Autos die “Jurassic Cars”, die “keine Zukunft haben. Nur die Pandas dürfen weiterleben.” Das mag irgendwann aus ökologischen und ökonomischen Gründen so kommen. Das wäre eine rein formale, keine inhaltliche Korrektur. Das gesellschaftliche Aggressionspotenzial wird dann nach anderen Ausdrucksformen suchen.

(Fotos: Wikipedia)

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5 Antworten zu Autos in die Augen schauen

  1. Max Krapp schreibt:

    Ich bin zwar kein Autobesitzer, aber ich weiß nicht, ob das Ganze so einfach ist. Vielleicht sind die schweren Autos eher ein Zeichen für eine tiefgreifende Verunsicherung. Eher als eine Art Schutz, ein Panzer gegen die aggressive Umwelt zu sehen. Viele Leute haben Angst dieser Tage, sind verunsichert. Sicher gibt es solche, die das unbewußt mit so einem protzigen Auto nach außen tragen. Aber ich denke, für die meisten stellt sowas eher einen Schutz (eventuell auch ein Statussymbol) dar. Letztens habe ich einen Artikel im „Freitag“ gelesen, bei dem ging es darum, das viele MEnschen heutzutage massiv an Muskeln aufbauen, speziell im Zuge des Fitnessstudiobooms. Auch hier wurde die Vermutung geäußert, das diese Muskelpackete wohl eher als Panzer gegen die „böse“ Außenwelt gedacht sind. Aus eigener Erfahrung muss ich dem zustimmen. Die Angst, die viele Leute haben, führt zu dieser Reaktion.
    Manche werden aggressiv, manche nicht.

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  2. genova68 schreibt:

    Stimmt wohl, wobei das meinen Aussagen nicht widerspricht, finde ich. Das, was du mit „Schutz“ bezeichnest, ist ja eine Art Aufrüstung, die bei Bedarf auch eingesetzt werden kann, beispielsweise die Muskeln. Die Autos sind eben auch nicht nur Staffage, sondern sie brauchen ganz real mehr Platz und richten bei einem Unfall mehr Schaden an. Interessant dabei die Doppeldeutigkeit von „Panzer“. Einerseits eine passive Schutzeinrichtung, aber der militärische Panzer ist nur deshalb geschützt, damit er besser angreifen kann.

    Gerade beim Auto halte ich den Schutzgedanken für nicht so einleuchtend. Meinst du, der Fahrer eines Porsche Cayenne fühlt sich schutzbedürftiger als der eines 911er?

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  3. Max Krapp schreibt:

    Ich will`s mal so sagen:
    In einem SUV fühle ich mich sicherer als in einem Smart. Mehr Gewicht, mehr Panzerung.
    Sicher, das widerspricht Deinen Aussagen nicht wirklich. ICh denke, die Gründe sind vielfältig und oft denjenigen nicht wirklich bewußt. Ich denke, dass trotz des Ökobooms immer noch eine so große Nachfrage nach solchen zum Teil sehr massiven Autos besteht, lässt unter Anderem auf die von uns genannten Gründe schließen. Das Design einer Kultur, nicht nur was Autos angeht, spiegelt ja doch irgendwie unbewußt die Einstellung dieser Kultur und die Einflüße, denen sie ausgesetzt ist, wieder. Man kann das ja m.E. besonders schön an den Baustilen der verschiedenen Epochen erkennen. Wobei das aufzuschlüsseln sicher recht kompliert ist. Zuguterletzt ist der technische Aspekt des Designs nicht zu vergessen. Autos haben HEute ja eine andere Materialzusammensetzung als früher. Auch besitzten viele Autos wesentlich mehr elektronische Spielereien als Früher, von der technischen Anpassung gar nicht zu reden.
    Auch sind heute wesentlich mehr ausgebildete Designer am Werk. Ich studiere selber an einer Hochschule, deren Abgänger laut Direktor an praktisch jedem Auto der Welt irgendwie beteiligt sind. Allerdings bin ich selber kein Designer.
    Das Wort Panzer schließlich paßt nicht so schlecht zum Kampffahrzeug. Der Ritter hat sich das Ding sicher damals nicht aus Spaß an der Freude angezogen, sondern um besser töten zu können.

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  4. genova68 schreibt:

    Die Frage ist, warum man in den 1970er Jahren dieses Sicherheitsbedürfnis noch nicht hatte. Und die Frage ist, inwieweit es ein Sicherheitsbedürfnis ist oder der Hang zum Protzen. Protzen war in den 70ern noch nicht so opportun. Vielleicht hängen hier Sicherheitsbedürfnis und Protzen direkt zusammen.
    Der Smart-Vergleich: Du bist sicherer im SUV, aber wenn du mit dem Smart kollidierst, ist dessen Fahrer vielleicht tot, während du weiterfahren kannst. So verhält sich dieses sogenannte Sicherheitsbedürfnis zum Schaden anderer. Ein interessanter Aspekt: Damit ich Sicherheit habe, muss ich einen anderen schädigen, und zwar auf alle Fälle potenziell, auch wenn ich keinen Unfall baue.

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  5. Pingback: Sechs oder sieben Dinge, die ich von Bukarest weiß | Exportabel

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