Deutschland, einig Angstland

Zwei Meldungen aus der Süddeutschen:

  1. Die Dänen liefern ihre schlachtreifen Tiere zur Verarbeitung immer öfter nach Deutschland, weil dort in den Schlachthöfen die Löhne niedriger sind, teilweise unter fünf Euro pro Stunde. Dänische Schlachter, gewerkschaftlich organisiert, verdienen allesamt rund 20 Euro.
  2. Die Deutschen haben im EU-Vergleich fast die längsten Arbeitszeiten. Länger arbeiten nur Österreicher, Tschechen, Polen und Rumänen. Am wenigsten arbeiten übrigens  die Franzosen. Auf die kann man sich verlassen.

Alle Blogleser, die älter sind als 15, erinnern sich: Vor ein paar Jahren war das arme Deutschland ja in einer schlimmen Krise, weil die Deutschen so wenig arbeiten und weil sie so hohe Löhne haben. Dann kam Schröder und hat das alles geändert. Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht: 2,6 Millionen Niedriglohnjobber, niedrige Krankenstände, unbezahlte Überstunden. Jetzt müssen wir keine Angst mehr haben vor den bösen Ausländern, die uns die Arbeit wegnehmen. Jetzt nehmen wir den Ausländern wieder die Arbeit weg, so wie sich das gehört, zumindest für einen guten Deutschen.

Die geopolitische Mittellage, die Angst, von allen Seiten gleichzeitig angegriffen zu werden, nutzten über Jahrhunderte die Herrschenden, um Angst zu erzeugen. 1914 war so ein Fall. Der Neoliberalismus setzt diesen Effekt erfolgreich ein. Ob es der Pole war oder der Ire, der Portugiese oder der Lette, alle wollen sie uns ans Leder, an unser schönes Geld.

Wir haben also den Spieß wieder umgedreht. Wenn der Deutsche etwas macht, dann gründlich. Das gilt nach wie vor. Den dänischen Schlachter wird das zwar nicht freuen, den Fünf-Euro-Schlachter in Norddeutschland auch nur begrenzt. Aber so isser nunmal, der Deutsche. Manchmal unangenehm, ängstlich. Dann geht er wahrscheinlich in einen nahen romantischen Wald und spürt Mutter Erde.

Jetzt müssen folglich die Dänen auf drei Euro pro Stunde runter, wir kontern dann mit der 60-Stunden-Woche. Wolln mal sehen, wer den längeren Atem hat.

Ganz aus der Luft gegriffen ist das nicht. Otto Kentzler, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, fordert jetzt längere Arbeitszeiten. Warum? Begründung: „Schließlich brauchen wir unsere Facharbeiter für den prognostizierten Aufschwung“. Im selben Gespräch sagt er, dass dieses Jahr im Handwerk „30.000 bis 40.000 Jobs“ vernichtet werden. Ja, wir brauchen unsere Facharbeiter.

Diese Mischung, die deutsche Angst gepaart mit intellektueller Unterbelichtung, die man vielen offenbar als Fachwissen verkaufen kann, ist skurril, aber wirksam: Wir verlängern jetzt also die Arbeitszeiten wegen des Aufschwungs, entlassen gleichzeitig Arbeitnehmer wegen des Abschwungs, senken die Löhne sicherheitshalber weiter wegen der Rumänen und freuen uns dann, dass wir es allen gezeigt haben. Wenn auch etwas verbittert.

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Eine Antwort zu Deutschland, einig Angstland

  1. Georg Wolf schreibt:

    Danke für diese klare Analyse. Das Unverständliche ist eigentlich, dass die Dinge so evident sind und gleichzeitig von wesentlichen Teilen der Öffentlichkeit oder besser gesagt der Veröffentlichtheit ohne merklichen Widerspruch, ohne die beißende Ironie, die sie verdienten, hingenommen werden. Vielleicht ist es ja, sei es aus Resignation, sei es aus Trägheit, eine postmodern erzwungene Liebe zur geistigen Inkohärenz, die allerdings fallweise in politische Inkontinenz übergehen könnte. Nur ab und an findet sich in den Konformedien noch ein Schlenkerlein, das aus dem Strom der Medienkrität hinausführt. Und die Stupidität der marktistischen Sinnhütherhundte scheint derjenigen der seinerzeitigen Marxisten-Leninisten völlig vergleichbar. So wie diese auf jedes Problem als Antwort Verstaatlichung und staatliche Repression bereit hielten, offerieren jene mit automatenhafter Gleichförmigkeit Privatisierung und kollektive Deprivation als Allheilmittel. Mit ähnlichen Folgen. Seitens sog. Geistesgrößen herrscht offenbar primär opportune Emanationsverhaltung oder tentativer Affirmationsdurchlauf. Auch fehlt es nicht an persönlichen Demonstrationen dafür, wie flinkzüngig sich das Leitbild des unbestechlichen Intellektuellen in der Gestalt des diensteifrigen Hinternlecktuellen inkarnieren kann. Sollte man nicht tatsächlich Angst ganz anderer als der beschriebenen Art haben vor so viel myopisch rationalisiertem Realitätsverlust angesichts einer Welt, deren globale, multizentrische Probleme in den nächsten Jahrzehnten aus mehreren Richtungen zusammenlaufen werden? Oder sollte das nur die andere und doch verwandte Spielart der deutschen Angst sein? Mit freundlichem Gruß

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