Noch einmal: Die Wirtschaftskompetenz der SZ

Ich hoffe, es wird nicht langweilig, und außerdem habe ich gar nicht vor, mich auf die Süddeutsche Zeitung einzuschießen. Aber man muss nur eine Viertelstunde Radio hören und bekommt erneut einen SZ-Hampelmann in Hochform präsentiert. Diesmal im Deutschlandfunk gleich Marc Beise, Leiter der Wirtschaftsredaktion der SZ und somit Chef unseres jungen Freundes Tobias Dorfer. Außerdem Nachfolger des denkwürdigen Nikolaus Piper.

Beise hat ein Buch geschrieben, das die Auszehrung der Mittelschicht beklagt. Darüber kann man sich beklagen, in der Tat. Die Ursache dafür sei einfach: Nur bei der Mittelschicht könne der Staat sich noch Einnahmen besorgen, denn

„…er kann sie nicht unten nehmen bei den Armen, und oben kann er sie nicht nehmen, weil es nicht genügend Reiche gibt…“

Das ist atemraubend. Es gibt also nicht genügend Reiche. Ich habe jetzt keine Lust, ausführlich darzustellen, dass diese Behauptung Blödsinn ist. Jeder, der es wissen will, weiß das. Ein Hinweis auf einen Spiegel-Artikel über eine Studie des kapitalfreundlichen Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung und einen taz-Artikel sollen reichen. Mehrere hundert Milliarden Euro, über die man hier reden könnte, wischt Beise beiseite mit dem Hinweis, dass es „nicht genügend Reiche“ gebe.

Was schlägt Beise statt dessen vor? Weniger Staat, mehr Privatschulen, Fokus auf Bürgerpflichten statt Bürgerrechte und dann noch die lustige Forderung: mehr Stabilität ins Bankensystem bringen.

Man muss davon ausgehen, dass Beise genau weiß, wie es um die Vermögensverhältnisse in Deutschland und um ihre Entwicklung steht. Er will also ganz konkret, dass die Reichen reicher und die Armen zahlreicher werden.

Zeitgeistig abgefedert wird das mit dem üblichen Gequatsche, das durch ständige Wiederholungen nicht origineller wird:

  • Wer Freiheit will, muss Ungleichheit aushalten
  • Rückkehr zu einer wirklich sozialen Marktwirtschaft (die INSM lässt grüßen)
  • Schluss mit der Rundum-Sorglos-Erwartung des Bürgers

Beise will so allen Ernstes die Mittelschicht größer machen. Mit Privatschulen und mehr Ungleichheit. Man könnte jetzt einfach vermuten, Beise ist intellektuell unterbelichtet. Aber das glaube ich nicht. Er weiß genau, dass seine Vorschläge die Mittelschicht weiter ausdünnen werden. Er weiß genau, dass seine Forderungen sozialdarwinistisch sind. Was wirklich dahinter steckt, weiß ich nicht. Man kann das Schlimmste vermuten.

Die Rezensentin im Deutschlandfunk, eine Sandra Pfister, peilt auch nichts:

„Abgesehen von diesen Übertreibungen und den allzu banalen Selbsthilferatschlägen für Mittelschichtler, lässt die wirtschaftspolitische Analyse zur Lage der Mittelschicht nichts zu wünschen übrig.“

So schnell also ist man beim Deutschlandfunk wunschlos glücklich.

Bemerkenswert dann noch dieser Beisesatz: Man müsse

sich klar machen, dass nach aller Erfahrung wirtschaftliche Dynamik und umfassende Verantwortung sich ab einem gewissen Punkt ausschließen.

Vielleicht sollte man sich so langsam Gedanken machen über Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Neoliberalismus und Faschismus. Könnte fruchtbar sein.

[Nachtrag: Ein lesenswerter Beitrag eines Bloggerkollegen zum Fall Beise: „Der Untergang des kritischen Journalismus am Beispiel eines SZ-Redakteurs„]

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7 Antworten zu Noch einmal: Die Wirtschaftskompetenz der SZ

  1. fk schreibt:

    das f-wort!

    du bist ja nun nicht der einzige der hier den faschismusbegriff ins spiel bringt. der werte kollege finkeldey hat den begriff ja auch erst kürzlich in seinem blog genutzt. ich finde das um so bemerkenswerter, da ich sowohl diesen blog als auch etwa kritik-und-kunst immer in einer recht gemäßigten begrifflichkeit erlebt habe.

    ich persönlich würde mich diesen aussagen – auch wenn es mir gar nicht so leicht fällt – ebenfalls langsam anschliessen. zumindest was die ästhetik der oberflächlichen erscheinung unserer massenkultur angeht, würde sich wohl auch so mancher scherge des dutzend-jährigen reichs mittlerweile ins fäustchen lachen. mission erfüllt.

    dennoch, wäre es mir wichtig den begriff einmal näher zu definieren. ist es wirklich bereits faschismus was wir erleben? oder ist die ideologie eventuell zwar in einem totalitären, aber eben noch nicht faschistoidem stadium? gibt es da überhaupt unterschiede in den kategorien? totalitär ist der neoliberale konsumkapitalismus wohl mit ziemlicher sicherheit. aber tun wir den opfern faschistoider system nicht eventuell etwas unrecht und dramatisieren wir die situation nicht, wenn wir für den aktuellen zustand das f-wort nutzen?

    was ist faschismus, abseits dessen was guidoknopp, spon und ntv uns an definierenden bildern ins bewusstsein schreiben wollen?

    beste grüße
    fk

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  2. hartmut schreibt:

    ui, habe ich wirklich etwas vorschnell von „faschismus“ gesprochen? nun ja, da können einem die gäule schon durchgehen. die art, in der man erwerblose unter die stiefel nimmt derzeit, empfinde ich schon als sagenwirmalnunja…ja, als faschistisch. das ist wirklich übel.

    viel wichtiger aber: derzeit findet eine sinn- und realitätsentlehrte debatte statt. also keine. der kaiser ist nackt, und niemand sagt das (von uns paar bloggern abgesehen).

    dass diejenigen, deren politische mitverantwortung für das desaster überhaupt nicht streitig sein kann (steinbrück, asmussen, hier in hamburg peiner und freytag) einfach fröhlich weitermachen können empfinde ich…noch nicht als faschistisch. aber als gespenstisch. und es macht mir schon ein wenig angst.

    mfg

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  3. genova68 schreibt:

    Hallo, fk,

    den Faschismusvergleich habe ich einfach hingeschrieben, weil ich da schon länger ein gewisses Gefühl habe, aber eben keine Begrifflichkeit. Darüber nachzudenken wäre sicher nicht verkehrt, wobei ich den Ball grundsätzlich flach halten würde.

    Mir schwebt der Vergleich eher formal vor: Beide Ideologien kamen als etwas vermeintlich neues, modernes, unideologisches, frisches, attraktives daher, die das Bestehende als veraltet, unbeweglich, besitzstandswahrend und fortschrittsfeindlich darstellten. Beide Ideologien verdecken dadurch ihre reaktionäre, menschenverachtende und demokratiefeindliche Substanz.

    Inhaltlich wird es schnell grundverschieden: Den Neoliberalismus interessieren weder Rasse noch Nation. Imperialismus und Antiindividualismus hingegen schon.

    Ähnlich ist beiden die grundsätzliche Dummheit. Gesellschaftliche Verhältnisse und Bedingtheiten werden negiert zugunsten des einzigen Ziels: Die weltweite Herrschaft des Ariers auf der einen, die des Kapitals auf der anderen Seite.

    Nun ja, vielleicht zu weit aus dem Fenster gelehnt. Aber wo, wenn nicht in einem Blog?

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  4. fk schreibt:

    ein in der tat schwieriges thema. grundsätzlich ja, ball flach halten, dieser meinung bin ich auch. nichts desto trotz entsteht bei mir zunehmend ein ähnlicher verdacht. habe ich vor ein paar jahren noch unter freunden eher im scherz von den ‚faschisten‘ gesprochen, wenn ich von teilen dessen sprach, was wir nun als system und damit als relevant verkauft bekommen. mittlerweile sind mir die scherze diesbezüglich etwas vergangen bzw einer gewissen ernsthaftigkeit gewichen.

    interessant finde ich in diesem zusammenhang deine nutzung des faschismus-begriffs als bezeichung einer ideologie, eben dem historischen faschismus – was natürlich korrekt ist. für mich ist faschismus mittlerweile aber neben der bezeichung dieser historischen phase aber auch kategorie für etwas. faschismus als eine art extremausschlag einer kapitalistisch organisierten technoökonomie. dabei stellt sich mir die frage, das mag auch an mangelndem wissen liegen – kann es faschismus außerhalb einer kapitalistischen matrix überhaupt geben?

    aber zurück zum jetzt. allem bisher geschriebenen gebe ich recht. meiner ansicht nach könnte es lohnen und sinnvoll sein, in bezug auf den rassismus des ‚klassischen‘ faschismus eventuell einfach stärker zu abstrahieren. denn auf dieser linie laufen die gemeinsamkeiten: beide ideologien, neoliberalismus und faschimsus leben vom gedanken der diskriminierung und ausgrenzung. aktuell läuft es über die einkommen, im anderen fall über rassezugehörigkeit.

    letztlich läuft es wohl aber auch auf eine eigene positionsbestimmung hinaus. nach dem ich noch einmal wikipedia/faschismustheorie zum schnellen abgleich genutzt habe, muss ich doch mit einem gewissen schmunzeln feststellen, dass ich mich mit meinem faschismus-begriff irgendwo zwischen dimitroff-these und frankfurter schule bewege.
    schmunzeln, da ich selber aus gutbürgerlichem hause stamme und vor einigen jahren sicherlich nicht von mir erwartet hätte einmal ansichten zu teilen, welche auf eine marxistisch/stalinistische positionen zurück zu führen sind.

    dennoch und wenn man bzw ich diese positionen ernst nimmt, ist faschismus schon ein passender begriff. somit schliesse ich mit einem wikipedia-zitat von dimitroff:
    „Faschismus sei „die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“.“

    mit besten antifaschistischen grüße :)
    fk

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  5. genova68 schreibt:

    Aus gutbürgerlichem Hause kommen oft die besten Ideen, siehe Frankfurter Schule :-)

    Eine schwierige Sache mit Faschismus und Neoliberalismus. Antidemokratisch, sozialdarwinistisch, menschenverachtend – so allgemein kann man das beiden Bewegungen attestieren. Dann wird es schon schwierig. Wirtschaftlich ist der Faschismus ja eher korporativ organisiert, also eher miteinander, unter einer starken Führung. Die ist nun entpersonalisiert, nur noch als Form von Kapital und Effizienz präsent. Im Faschismus spielte der Mensch eine Rolle innerhalb des Volkskörpfers, im Neoliberalismus nur noch die des Kunden. Ohne Kundenfunktion ist der Mensch nicht existent bzw. nur noch eine Entsorgungsfrage.

    Sagen wir so: Die prinzipielle Menschenverachtung ist in beiden Systemen ähnlich, die Ähnlichkeiten der Mittel gälte es zu untersuchen.

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