Zur Praxis der neoliberalen Ideologie (4)

Wie man bei der Süddeutschen Wirtschaftsredakteur wird

Tobias Dorfer interviewt den Sozialethiker Friedhelm Hengsbach und fragt:

„Herr Hengsbach, wegen der Wirtschaftskrise wird Deutschland bis zum Jahr 2013 insgesamt 310 Milliarden Euro an neuen Schulden auftürmen. Die künftigen Generationen müssen diese Verbindlichkeiten abtragen. Ist das nicht ungerecht?“

Hengsbach weicht erst aus, als wolle er Dorfer mit seiner Antwort nicht blamieren. Ein paar Fragen später insistiert der Journalist erneut:

„Trotzdem: Milliarden fließen – und die Belastungen für die kommenden Generationen bleiben.“

Antwort Hengsbach:

„Staatsschulden sind an sich nicht ungerecht. Die Nachkommen erben ja nicht nur Verbindlichkeiten, sondern auch Forderungen.“

In aller Kürze: Man sieht hier die vollkommene volkswirtschaftliche Ahnungslosigkeit des Herr Dorfer. Alleine von „kommenden Generationen“ zu reden und somit die Kinder von Vermögenden und Hartz-IV-Eltern in einen Topf zu werfen, ist atemberaubend. „Kommende Generationen“ müssen überhaupt nix abtragen. Ein Teil davon trägt ab, ein anderer verdient an den Zinsen hervorragend. Die Staatsschulden von heute sind gewissermaßen die künftigen staatlichen Sozialleistungen an die Kapitalbesitzer.

Wer ist Tobias Dorfer? Er gibt im Internet (Update, 1/2010: Dorfers Biographie ist jetzt nur noch für Eingeloggte sichtbar; warum wohl?) freudig über sich Auskunft:

Zuerst hat er ein paar Semester Humanmedizin in Ulm studiert, danach Informationswirtschaft an der Hochschule für Medien in Stuttgart. Seine Fächer: Informationswissenschaft, Betriebswirtschaft, Marketing, Kommunikation. Anschließend Journalistenschule München. Seit vergangenem Jahr ist er Wirtschaftsredakteur bei der Süddeutschen.

Was er bräuchte, wären Volkswirtschaft, Soziologie, Wirtschaftsgeschichte. Dann hätte er zumindest die Voraussetzungen, um zu wissen, was er fragt.

Der Fall ist bezeichnend für die unglaubliche Niveaulosigkeit der öffentlichen Debatte über Staatsfinanzen und allem, was damit zusammenhängt. Ein Marketingexperte wird Wirtschaftsredakteur einer angesehenen Zeitung und garantiert damit, dass er keine störenden Fragen stellen wird. Das ist die Logik des Neoliberalismus: Die Chancen der Durchsetzung seiner Ideologie steigen umso mehr, je weniger kritische Köpfe existieren. Da eine volkswirtschaftliche Perspektive der neoliberalen Ideologie entgegensteht, setzt man volkswirtschaftlich ausgebildete Journalisten am besten gar nicht mehr ein. Dennoch muss man natürlich so tun, als hätte man das große Ganze („die künftigen Generationen“) im Auge. Ein Marketingexperte als Wirtschaftsredakteur ist da genau das richtige. In Verbindung mit einer soliden journalistischen Ausbildung kann man auch fachliche Unbildung als engagiertes Fragen verkaufen.

Fast erschütternd zu sehen, wie schnell und umfassend gesellschaftliches Wissen verlorengeht. Fundierte Diskussionen über kapitalistische Verwertungsprozesse gab es beispielsweise in den 20er und den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Heute ist das alles verschüttet und wir müssen wieder von vorne anfangen. Mit etwas Glück kommt etwas dabei heraus.

Vielleicht sogar bei Tobias Dorfer.

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4 Antworten zu Zur Praxis der neoliberalen Ideologie (4)

  1. Jean Stubenzweig schreibt:

    Sowas ähnliches hatten wir hier.

    Ob man nicht vielleicht doch besser fragen sollte: Nach welchen Kriterien wird ein Wirtschaftsredakteur eingestellt? Was sagt das über den praktizierten «Qualitätsjournalismus» der Süddeutschen Zeitung aus? Oder noch einen Schritt zurück: Nach welchen Kriterien wird an Journalistenschulen ausgebildet? Und was wird dort gelehrt?

    Das mit den «60er Jahren des vergangene Jahrhunderts» mag ich ohnehin so nicht stehen lassen. Ein bißchen länger – etwa bis in die Achtziger – ging das schon noch. Bis alles begann, in die sich vermehrenden Journalistenschulen zu rennen – überwiegend eingerichtet von den Verlagskonzernen …

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  2. genova68 schreibt:

    Jean,
    nach welchen Kriterien bei der SZ ein Wirtschaftsredakteur eingestellt wird, versteht man vielleicht nach der Lektüre dieses Artikels: https://exportabel.wordpress.com/2009/07/14/noch-einmal-die-wirtschaftskompetenz-der-sz/

    Von mir aus ging das bis in die 80er. Interessant finde ich deine These, dass die Journalisten Schuld sind an diesem Scheiß-Journalismus. Zumindest lernt man dort, wie man auch ohne Fachwissen gut schreibt.

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  3. andi1789 schreibt:

    Also ich möchte doch in Zweifel ziehen, dass mehr Volkswirte in den Wirtschaftsredaktionen etwas an der herrschenden Grundtendenz änderten. Das heute vorherrschende neoklassische Dogma ist geradezu die theoretische Grundlage für den Neoliberalismus. Daher würden die meisten Volkswirte wohl die gleichen Thesen vertreten, nur dass sie einem noch ein Tafelbild mit lustigen Kurven bzw. Gleichungen malen können, um die Aussagen mit der neoklassischen Wirtschaftstheorie zu stützen.

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  4. genova68 schreibt:

    Ich denke, dass Volkswirte das strukturelle Problem, das wir gegenwärtig haben, besser verstehen, von einem makroökonomischen Standpunkt her. Die Chancen sind des Verstehens sind bei einem VWLer wesentlich höher als bei einem BWLer. Aber es kann auch so laufen, wie von dir beschrieben.

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