Günter Wallraff? Nie gehört!

So funktioniert Öffentlichkeitsarbeit:

Ein Azubi eines pfälzischen Luxusrestaurants bat kürzlich Günter Wallraff um Hilfe. Der 16-jährige musste 80 Stunden die Woche arbeiten und wurde „körperlich und psychisch“ schikaniert. Andere Azubis dort berichteten das gleiche.

Wallraff ruft nun bei dem Restaurantchef an und schlägt ein Treffen mit den Beteiligten vor. Wallraff selbst will als Schlichter fungieren. Was macht der Chef? „Er lehnte ab und zeigte sich absolut uneinsichtig“.

Das muss man erstmal hinkriegen. Man stelle sich vor: Es klingelt, Wallraff ist dran, erzählt was von unmenschlichen Arbeitsbedingungen und der Chef sagt: „Ist mir wurscht“ und legt auf. Jetzt steht die Story in allen Zeitungen, nicht nur in der Pfalz. Selbst das Zeit-Magazin berichtet darüber. Konnte der Chef mit dem Namen  Wallraff nichts anfangen?

Das Restaurant hat von der Wirtschaftskrise übrigens noch nichts gehört. Auf der Website liest man:

Wir sind stets auf der Suche nach engagierten und motivierten Mitarbeitern die uns unterstützen und unser Team verstärken.

Woran das wohl liegt?

Das Restaurant habe „ein bundesweit einmaliges Ausbildungsprogramm entwickelt“, steht da noch, haha. Wallraff widerspricht:

„Das Schlimme ist, dass es leider überhaupt keine Ausnahme ist. Solche Arbeitsbedingungen nehmen immer mehr zu, gerade jetzt, wo jeder um seinen Arbeitsplatz zittert.“

Nebenbei ist das natürlich wieder ein schönes Beispiel für die Logik des Systems: Auch wenn der Kunde für das „Menü komplett“ 119 Euro zahlt, muss man den Lehrling noch lange nicht menschenwürdig behandeln.

Vielleicht darf er ja wenigstens die Reste essen.

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Eine Antwort zu Günter Wallraff? Nie gehört!

  1. Max Krapp schreibt:

    Ein weiteres schönes Beispiel für die Kluft zwischen Recht und Rechtsdurchsetzung. Das Gesetz ist ziemlich eindeutig, was überlange Arbeitszeiten betrifft. Ich gönne dem Wirt jetzt, dass ihm der Wallraff im Nacken sitzt.
    Auch wenn das am grundsätzlichen Problem leider nichts ändert…

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