Zur Praxis der neoliberalen Ideologie (3)

Andrian Kreye findet den solidarischen Kapitalismus

Andrian Kreye beschreibt in der Süddeutschen Zeitung vom 3. April 2009 (online leider nicht mehr verfügbar), dass derzeit „der Volkszorn ins Leere“ läuft, weil die Ideologien fehlen, die ihn anleiten könnten. Kreye begründet das nicht neu, aber ganz nett, und natürlich gut geschrieben: Die 68er wussten noch, gegen wen sie rebellieren mussten. Ihre Kinder wissen das nicht mehr, außerdem ging es ihnen lange Zeit gut. Gleichzeitig ist die Rebellion der Eltern „in den Ritualen der Popkultur zu Phrasen erstarrt“. Die Kleinen wissen nichts mehr von Ideologien und Antworten, sie kennen nur noch Unübersichtlichkeit und Fragen. Die junge Generation ist entpolitisiert.

Soweit verstehe ich das. Kreye geht nun einen Schritt weiter und behauptet, dass in Wirklichkeit „nicht die Linke die Forderung nach internationaler Solidarität und Gerechtigkeit“ erfüllt habe, sondern „die freie Marktwirtschaft.“

„Der Kapitalismus gab in China, Indien, Lateinamerika und Afrika einer neuen Mittelschicht die Chance, den Wohlstand weltweit und nicht nur in den westlichen Suburbias zu demokratisieren. Da war sie, die Umverteilung des Reichtums. Auf Kosten der westlichen Bürger. Darauf hatte die Linke keine Antworten.“

Starker Tobak. Welche „Umverteilung des Reichtums“ meint Kreye? Ist Deutschland ärmer geworden? Natürlich nicht. Der Kuchen ist größer geworden, die chinesische, die indische UND die deutsche Volkswirtschaft haben zugelegt. Kreye meint, wenn die Chinesen reicher werden, müssten wir ärmer werden. Volkswirtschaftlicher Nonsense. Im Gegenteil: Der Exportweltmeister sollte sich freuen, wenn ihm jemand den ganzen Krempel abkauft, den er herstellt.

Die neue chinesische Mittelschicht kommt vom shoppen:

CHINA Wanderarbeiter

Und das zweite: Was an den riesigen Wohlstandsgefällen innerhalb der Länder solidarisch und gerecht ist, habe ich nicht begriffen. Der Kapitalismus zeigt, was er kann, aber eben NICHT solidarisch und gerecht. Kreye führt hier sogar das abgestandene Argument aus den frühen Nuller Jahren an: „Wir Deutschen“ müssten nun auf einen Teil unseres Wohlstands verzichten, damit die armen Chinesen auch was abkriegen. Und wenn wir nicht freiwillig abgeben, dann nimmt es sich der Chinese einfach. Deshalb Lohnverzicht, deshalb Zuzahlungen, deshalb Hartz IV. Den deutschen Kapitalisten hat´s gefreut, wahrscheinlich wunderte er sich damals über die Blödheit seiner Untertanen.

Nebenbei: Dass Kreye hier allen Ernstes Afrika aufführt, gibt Anlass zur Vermutung, die Süddeutsche verzichte mittlerweile komplett aufs Gegenlesen. Selbst einPraktikant hätte an dieser Stelle stirngerunzelt.

Die Welt sei mittlerweile zu kompliziert, um sie auf ein Transparent zu bringen, schreibt Kreye noch. Ein Werbetexter lacht sich über sowas tot. Die Welt war schon immer kompliziert und die Kunst des Slogans bestand schon immer in der Komplexitätsreduktion.

Kreye gibt somit direkt ein Beispiel für seine These von der entpolitisierten Jugend: sich selbst. Er kennt die Zusammenhänge nicht, im fehlt, um mit seinen Worten zu reden, die Ideologie.

Dumm nur, dass er schon 56 ist. (Nachtrag, Oktober 09: Kreye hat mich darauf hingewiesen, dass er jünger ist, 1962 geboren, also zum Zeitpunkt der Artikelveröffentlichung erst 46. Ich bitte um Entschuldigung.)

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7 Antworten zu Zur Praxis der neoliberalen Ideologie (3)

  1. Max Krapp schreibt:

    Im Grunde will uns diese Type also nur erklären, dass nicht die Umverteilung von Unten nach Oben per Kapitalismus an der relativen Armut eines nicht geringen Teiles der Bevölkerung schuld ist, sondern der „böse“ Chinese. Die Zitronengesichter nehmen uns also die Arbeitsplätze weg….
    Das ist Bullshit, wie Du schon erwähnt hast.
    EIn ziemlich dreister Versuch, den Kapitalismus in der jetztigen Form zu rechtfertigen und gleichzeitig noch auf den bösen „Ausländern“ rumzuhauen. Wenn man das in letzter Konsequenz betrachtet, dann wirft der Autor den Ausländern vor, uns die Arbeitsplätze wegzunehmen (sozusagen aus dem Ausland heraus). „Ausländer“, „Arbeitsplätze“, „wegnehmen“, scheiße, wo habe ich das schon mal gehört…
    Im übrigen dachte ich, das der Spiegel die offizielle Funktion hat gegen China und die Chinesen zu hetzen. Naja, vielleicht sind die so mit dem Russenbashing beschäftigt, dass für anderes kein Platz mehr bleibt.

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  2. hanneswurst schreibt:

    Ob Kreye mit der Vermutung, dass die internationale Ausweitung marktwirtschaftlicher Prinzipien (ein wesentlicher Aspekt der Globalisierung) zu einer Verbesserung der Lebensumstände geführt hat, weiß ich nicht. Ob der Blogautor mit seiner Kritik richtig liegt ebenfalls nicht. Weil weder Kreyes Belege wiedergegeben werden (wahrscheinlich gibt es auch keine), noch eigene Belege angeführt werden.

    Ein Beleg wäre zum Beispiel, die pro Kopf Kaufkraftparitäten einiger Entwicklungs- und Schwellenländer und Deutschland miteinander zu vergleichen. Betrachtet man dabei getrennt die 20% der Ärmsten dieser Länder, dann weiß man etwas vom positiven oder negativen sozialen Effekt der Globalisierung.

    Meine Vermutung: der Vergleich von China und Deutschland sieht in etwa so aus, wie der Vergleich der Nutzung von Print- und Onlinemedien. Die kann sich jeder auf http://www.ivw.de/ in der rechten Spalte ansehen. Deutschland ist Print.

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  3. Frank schreibt:

    Kreye hat anno dazumal für das Lifestyle-Magazin tempo Artikel über Hip Hop geschrieben. Davon hatte er auch keine Ahnung.

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  4. genova68 schreibt:

    Max,
    sehe ich genauso, wobei Kreye das mit den „bösen Ausländern“ wohl nicht meint. Er meint, dass die Chinesen völlig recht haben, wenn sie sich unseren Wohlstand holen und dass das Gejammer der Linken zeigt, dass die Linken in Wahrheit unsozial sind.

    Hannes,
    in dem Artikel gibt es keine Zahlen, das ist Feuilleton. Deutschland ist nicht print, das ist der alte, fast schon Mythos.
    Wenn du die 20 Prozent Ärmsten in China anguckst, ich vermute, das fällt eindeutig aus. Die haben nix.

    Frank,
    in Bezug auf Hip Hop hat Kreye dann etwas mit mir gemeinsam. Vielleicht sollte ich auch mal drüber schreiben.

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  5. nullachtneun schreibt:

    Na ja, wie das mit dem Redigieren bei der SZ momentan abläuft, hat man ja neulich schön gesehen:

    Da hat doch jemand tatsächlich übersehen, dass die amerikanische Flagge falsch herum abgebildet war und das dann auch noch mit der schönen Bildunterschrift „Berliner Bekentnisse“ versehen (in dem Artikel dazu ging es um die deutsch-amerikanischen Beziehungen anlässlich des Washington Besuchs der Frau Merkel)
    Hermeneutisch das Potenzial einer Atombombe…

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  6. Max Krapp schreibt:

    „Max,
    sehe ich genauso, wobei Kreye das mit den “bösen Ausländern” wohl nicht meint. Er meint, dass die Chinesen völlig recht haben, wenn sie sich unseren Wohlstand holen und dass das Gejammer der Linken zeigt, dass die Linken in Wahrheit unsozial sind.“
    Da habe ich den Kerl wohl glatt überschätzt…

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  7. hanneswurst schreibt:

    Etwas off topic: Fredmund F. Malik spricht so etwas wie ein Kondensat der Wirtschaftshalbwahrheiten aus, mit denen die Medien in den vergangenen Krisenmonaten zu Gewinnlern werden wollten. Allerdings auf höchstem dialektischen Niveau. Man lese dies in der guten alten Tante Handelsblatt nach:

    http://www.handelsblatt.com/finanzen/anlagestrategie/der-kapitalismus-ist-gescheitert;2431526

    Auch Malik kommt nicht umhin, die Verallgemeinerungen auf die Spitze zu treiben, und auch er kennt keine realitätstauglichen Alternativen, aber immerhin bringt er einige diffuse Ängste auf den Punkt und gibt außerdem konkrete Anlagetipps: Geld liegen lassen (vermehrt sich dank Deflation) und Dow Jones Puts akkumulieren, denn sein Kursziel für den Dow liegt bei 1000 Punkten. Obwohl es wohl kaum noch einen Dow geben wird in Maliks Postkapital- und Postsozialistischen Szenario, Zitat:

    „[Handelsblatt:] Was werden wir aus dieser Krise lernen?

    [Malik:] Der Kapitalismus ist genauso gescheitert wie der Sozialismus. Diese Krise ist das Symptom eines fundamentalen Wandels, es sind die Geburtswehen für eine neue Welt. So etwas hat in der Geschichte möglicherweise noch nie stattgefunden. Die Lösungen werden nicht aus der Ökonomie, auch nicht von den Regierungen kommen. Die Menschen werden lernen, sich gegenseitig zu helfen. Ich denke, wir werden eine neue Menschlichkeit erleben. Das neue Kapital ist Wissen, während Geld an Bedeutung verlieren wird. Der krasse Egoismus der letzten Jahre wird sozial geächtet sein. Menschen Sinn zu ermöglichen wird wichtiger.“

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