Zur Praxis der neoliberalen Ideologie (2)

Berliner S-Bahn blutet aus

Die Berliner S-Bahn steht seit Wochen unter massiver Kritik. Erhebliche Verspätungen, zu wenige Wagen, zu viele Pannen. Im Mai wurde bekannt, dass die regelmäßigen Hauptuntersuchungen für manche Züge um zwei Jahre verschoben werden, obwohl diese Züge Probleme mit den Bremsen haben. Sie dürfen deshalb maximal 80 statt 100 Stundenkilometer fahren. Dann entgleiste im Mai eine solche Bahn. Der Betriebsratsvorsitzende der S-Bahn, Heiner Wegner, hatte vorher davor gewarnt, die S-Bahn „weiter auf Verschleiß“ zu fahren. Durch Einsparungen bei der Wartung seien Sicherheitsprobleme nicht auszuschließen. Dazu kommen veraltete Gleisanlagen. „Die Sicherheit unserer Fahrgäste hat für uns oberste Priorität“, sagt dazu S-Bahnchef Tobias Heinemann. Sowas sagt man halt in so einer Situation.

Wenn man ein wenig genauer hinschaut, erkennt man, dass hinter diesem Verhalten System steckt. 1997 beschäftigte die S-Bahn Berlin noch gut 4.300 Menschen, zehn Jahre später sind es weniger als 3.000. Es sollen noch weniger werden. Beispielsweise ist laut Zeitungsberichten in Planung, das komplette Aufsichtspersonal der 166 städtischen Bahnhöfe abzuziehen – wobei ich das Gefühl habe, dass das schon längst Realität ist. Die entlassenen Mitarbeiter dürften mittlerweile mehrheitlich Hartz IV beziehen.

Für die S-Bahn-Betreiber ist dieses Verhalten lukrativ: Zwar steigerten sie 2008 ihren Umsatz im Vergleich zum Vorjahr nur um 5,4 Prozent auf 559 Millionen Euro. Der Gewinn legte aber um 65 Prozent zu, und zwar auf 56,3 Millionen Euro, was, auch bezeichnend, unter anderem mit der Auflösung von Rücklagen zu tun hat. 2006 waren es noch 24 Millionen Euro. Der Berliner Senat überwies übrigens alleine 2007 225 Millionen Euro aus Steuermitteln als „Betriebszuschuss“. Der Gewinn fließt komplett an die Eigentümerin Deutsche Bahn ab und nennt sich deshalb „Konzernumlage“.

Die Zahl der Fahrgäste stieg in den vergangenen zehn Jahren von 270 auf 388 Millionen pro Jahr.

Solche Zahlen lassen sich innerhalb von zehn Minuten via google zusammenstellen. Alles bekannt. Man hat sich an den neoliberalen Wahnsinn gewöhnt. Der Staat überweist einem Privatkonzern Millionen, der kommt seinen Verpflichtungen nur an der Vertragsbruchgrenze nach und presst allen möglichen Profit systematisch in private Taschen. Irgendwann wird die Infrastruktur komplett verrottet sein und der Staat muss einspringen: Auch die S-Bahn ist too big to fail.

Eigentlich ein Zukunftsmodell, die S-Bahn, gerade in einer großen Stadt ökologisch und sozial wertvoll. Man sollte ein Zukunfsmodell allerdings nicht der Logik eines ökonomischen Systems anvertrauen, das als einziges Movens die Kapitalakkumulation kennt und deshalb sozialdarwinistisch ist. Tut man das doch, läuft es wie erwartet. Ganz so, wie es sich die Profiteure dieses Systems wünschen. Wundern muss man sich nicht.

Sieht nach Weichei aus, ist es aber nicht, zumindest beruflich: Tobias Heinemann, „Sprecher der Geschäftsführung und Geschäftsführer Marketing“ bei der S-Bahn Berlin:

s-bahn_berlin_tobias_heinemann(Foto: S-Bahn Berlin GmbH)
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4 Antworten zu Zur Praxis der neoliberalen Ideologie (2)

  1. Daniel schreibt:

    Tja, München hat dagegen ein schön staatlich betriebenes Netz, das das teuerste und eines der unpünktlichsten in ganz Deutschland ist.Die Bahnhöfe sind zwar meistens recht neu, aber heruntergekommen (im Schnitt funktionieren vielleicht ein Drittel aller Rolltreppen … schlecht wenn mal das Bein kaputt ist) und der Sicherheitsdienst ist komplett unfähig, dort für Sicherheit zu sorgen.

    Ich war etwa 5 Jahre nicht mehr in Berlin, aber schlechter als München wird es in der Zeit kaum geworden sein …

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  2. Nachrichten schreibt:

    Ein sehr interessanter Artikel. Sollten Sie noch weitere Informationen haben – wurde ich mich freuen

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  3. Pingback: S-Bahn Berlin: „Mit krimineller Energie heruntergewirtschaftet“ « Exportabel

  4. Pingback: Tief Daisy oder die kafkaeske S-Bahn « Exportabel

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