Schwellenintellektuelle Betrachtungen zur Logik der Unesco

Der treue Kommentator Hannes Wurst wollte kürzlich wissen, was Schwellenintellektuelle™ wie ich von der Aberkennung des Welterbestatus´ für Dresden halten. Mir fiel auf, dass ich dazu keine Haltung habe, was heutzutage natürlich nicht geht. Also habe ich nachgedacht und nehme nun folgende Haltung ein:

Der Welterbetitel ist begehrt, weil lukrativ. Touristenorganisationen weltweit wählen ihre Reiserouten danach aus. Die Unesco, deren Gremium World Heritage Committee den Weltkulturtitel verleiht, ist also mächtig, sie leitet mit ihren Entscheidungen Menschen- und Geldströme in die Städte oder an ihnen vorbei.

Das sind keine guten Voraussetzungen für eine durchdachte Stadtbaupolitik. Vor ein paar Jahren konnte man das in Köln beobachten: Die Stadt wollte rechtsrheinisch ein paar Hochhäuser genehmigen, mehrere hundert Meter vom Dom entfernt. Die Unesco sah Dom-Sichtachsen in Gefahr und drohte mit der Aberkennung des Welterbetitels. Köln stellte die Hochhausplanungen ein.

Die Unesco verhält sich hier reaktionär und ahistorisch. Der Dom, dessen Sphäre sie schützen will, konnte über Jahrhunderte hinweg nur gebaut werden, weil sich damals niemand darüber aufregte, dass er das höchste Gebäude der Stadt werden und eine Menge Sichtachsen versperren würde. Hätte es die Unesco damals schon gegeben, wäre der Dom nie gebaut worden. (Der Eiffelturm übrigens, der ebenfalls Weltkulturerbe ist und in dessen Nachbarschaft die Unesco ihren Sitz hat, auch nicht.)

Wenn man heute Hochhäuser bauen will, entstehen halt neue Sichtachsen, neue Perspektiven. Na und? Eine Stadt besteht aus unzähligen Sichtachsen und Perspektiven, vor allem aus den individuellen ihrer Bewohner. Das Alte an sich ist schützenswert, das Leben geht weiter. Selbst, wenn man einen Wolkenkratzer auf die Kölner Domplatte stellen würde, wäre der Dom ja noch da und die Perspektive eine ziemlich interessante. Dem Dom täte ein bisschen Begrängnis wahrscheinlich ganz gut. Die Unesco befördert hier eine Art Verrotenburgobdertauberisierung. Nur ja nix neues. Sie kommt mir vor wie ein Burschenschaftler, der sich heute in der Tradition von 1832 und 1848 sieht und damit verschleiert, dass – isoliert betrachtet – damals fortschrittliche Positionen heute rechtsradikal sein können.

Man kann das Thema beliebig weiter veranschaulichen. Kirchen in der Toskana wurden früher geradezu rücksichtslos baulich bedrängt, erweitert, umgebaut, Nachbarhäuser direkt drangesetzt, andere Gebäude frontal davorgestellt. All das finden wir heute schön, urig, skurril, auf jeden Fall erhaltenswert. Italienische Altstädte sind viel stilmultipler, als man das gemeinhin glaubt. Von etruskisch bis barock ist alles vertreten. Ein sichtachsenversperrender Mischmasch, bei dem der Unesco eigentlich schwarz vor Augen werden müsste. Doch aus heutiger Sicht ist das einfach alt und somit ok.

Aber wehe, es nähert sich ein geplantes Gebäude auf dreihundert Meter dem Kölner Dom. Der Zeitgeist, das zeigt sich auch hier, ist regressiv.

Architektur ist immer Ausdruck von Zeitgenossenschaft. Die Kirche hat heute, Gott sei Dank, nicht mehr soviel Einfluss wie im Mittelalter. Deshalb sind solche Bilder (Manhattan, Trinity Church) völlig in Ordnung:

Trinity_Church1_Manhattan_NYC

(Foto: Wikipedia)

Jetzt guckt man halt auch von oben auf den Kirchturm, nicht nur von unten, wie seinerzeit von den Mächtigen gewünscht. Wen das stört, muss die gesellschaftlichen Verhältnisse ändern, nicht Häuser verhindern. Ob die Hochhäuser in Köln sinnvoll sind oder nicht, sollte man nach wirtschaftlichen und sozialen Kriterien beurteilen, nicht in Abhängigkeit vom Dom.

Um endlich zum Thema zu kommen:

Der Fall Dresden verhält sich etwas komplizierter, weil die Waldschlösschenbrücke auch ein rückwärtsgewandtes Projekt ist. Durch sie wird mehr Verkehr in die Stadt geleitet. Hier kämpft also die reaktionär-modernistische Stadt Dresden gegen die reaktionäre Retro-Unesco. Was soll man dazu sagen? Vielleicht hätte man den Tunnel bauen sollen, der wohl vor allem aus bürokratischen Gründen nicht realisiert wird und der alle visuellen Probleme lösen würde. Vielleicht sollte man stattdessen eine vernünftige Verkehrspolitik betreiben.

Tatsache ist: Eine Brücke an dieser Stelle war schon um 1900 im Gespräch und wurde damals aus ästhetischen Gründen abgelehnt. Die Nazis wollten dann doch eine, wobei 1945 was dazwischen kam. Die DDR beschloss 1988 konkret, 1990 mit dem Bau einer sechsspurigen Brücke zu beginnen. Auch hier kam was dazwischen. 2009 scheinen sich die Dresdner vorgenommen zu haben, sich von nichts und niemandem von ihrem Brückenbau abbringen zu lassen.

So sieht bzw. sah es aus, das Weltkulturerbe Elbpanorama:

Waldschloesschen_060521_2

(Foto: Wikipedia)

Vielleicht wird der Welterbetitel ein wenig inflationär vergeben.

Die Dresdner sollen machen, was sie wollen.

Die Unesco jedenfalls sollte sich baukulturell damit begnügen, darauf aufzupassen, dass nichts abgerissen wird, was erhaltenswert ist. Beispielsweise, wenn durchgeknallte Lokalfürsten in Berlin das Ahornblatt plattmachen oder durchgeknallte Taliban in Afghanistan Buddhastatuen die Köpfe wegschießen.

In Berlin ist im Sommer übrigens die Sicht auf durchschnittlich jedes zweite Gebäude wegen riesiger, fetter Bäume versperrt. Ein Fall für die Unesco.

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3 Antworten zu Schwellenintellektuelle Betrachtungen zur Logik der Unesco

  1. hanneswurst schreibt:

    Können die Taliban nicht auch die Waldschlösschenbrücke wegschießen? Interessant finde ich bei diesem Thema auch den Aspekt „Bürgerbefragung“ (der kam doch auch in der Diskussion von diesem Kaff mit dem Reko-Marktplatz vor), was zum Beispiel hat sich „Oberbürgermeister Vogel“ gedacht, als er ein neues Bürgerbegehren für einen Tunnel abgeschmettert hat:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Dresdner_Br%C3%BCckenstreit#Konfliktphase_2_.28Elbtunnel_per_B.C3.BCrgerbegehren.29

    Mich interessieren daran Sinn, Unsinn, Möglichkeiten und Vereitelungsmöglichkeiten von Bürgerbefragungen.

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  2. genova68 schreibt:

    Guter Gedanke: Die Taliban sollten, sozusagen als Wiedergutmachung für die zerstörten Buddhastatuen, die Brücke zerschießen und so das Elbpanorama erhalten. So können sie sich auch bei der Unesco einschleimen.

    Falls die Taliban uneinsichtig sind, können sie wahlweise auch das Elbpanorama zerschießen.

    Bürgerbeteiligung funktioniert nur, wenn die Beteiligten guten Willens und nicht auf den Kopf gefallen sind. Beides scheint in Dresden nicht der Fall gewesen zu sein. Im Nachhinein ärgern sich sicher alle, dass nicht von Anfang an der Tunnel favorisiert wurde.

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  3. Max Krapp schreibt:

    Und ich dachte schon, dass mir niemand mehr mit dieser Sache auf die Nerven gehen würde. Eben erst ging das ganze Geschwalle über die Brücke vorbei, und dann fängt es wieder an. Kann verstehen, wenn man sich da keine Meinung bildet, selbst als „Schwellenintellektuelle“ (Btw, was möchte uns Hanneswurst damit sagen?).
    Die verfluchte Brücke wurde ja die Zeitungen rauf und runter gespielt, und einige Journalisten dachten sich, dass sie jetzt endlich mal den Dresdner Politikern (und auch allen anderen) sagen konnten, was sie von ihnen halten, selbst wenn es nichts, aber auch rein gar nichts mit der Brücke zu tun hatte. Ich hoffe, diese Diskussion kommt nicht mehr auf, sonst spreng ich persönlich die Brücke. Und das Dresdner Rathaus. Und die UNESCO…

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