Wenn eine Katze zur Handtasche wird

Geht es um Haustiere, kennt der Homo sapiens keinen Humor. Er isst zwar täglich Fleisch aus Massentierhaltung, ist aber im Grunde seines Herzens Tierfreund. Das hat kürzlich die niederländische Künstlerin Tinkebell erfahren. Sie nähte aus ihrer toten, vormals depressiven Katze eine raffinierte Handtasche.

Eine kleine Gebrauchsanweisung:

popplesmall

Daraufhin bekam sie 100.000 von Mails mit Inhalten wie diesem:

„Liebe Tinkebell, du motherfucker, ich hoffe, dass du von einem Truck überfahren wirst, aber nicht sofort stirbst, sondern nur behindert bist. Dann kannst du dich nicht mehr bewegen, und ich komme mit dem Messer bei dir vorbei.“

Nun hat Tinkebell 1.000 davon in einem Buch veröffentlicht. Die Mails zeigen zweierlei. Erstens natürlich den sonderbaren Umgang der Menschen mit Tieren. Sie mittels Massentierquälerei zu Nahrungsmitteln zu verarbeiten, wird akzeptiert. Je billiger, desto besser. Doch wer eine tote Katze zweckentfremdet, ist vogelfrei.

Der zweite, scheinbar gegensätzliche Aspekt ist interessanter, den Tinkebell so auf den Punkt bringt:

„Ich habe nur Angst vor einer Gesellschaft, die sich mehr um Tiere kümmert als um Menschen.“

Tausende Mailschreiber fordern Todesstrafe, Folter und Lynchjustiz. Das Vergehen war weder Mord noch ein anderes Kapitalverbrechen, sondern die Präparierung eines toten Tieres. Das mag man geschmacklos finden oder pietätlos oder sonstwas. Aber bei vielen Leuten führt es zur Aufgabe zivilgesellschaftlicher Standards. So schnell geht das.

Ähnliches kann einem übrigens in Deutschland passieren, wenn man sich für das Fällen von ein paar Bäumen ausspricht, die im Weg stehen. Das Tier und die Natur als Ersatz für das Gute, das es unbedingt zu schützen gilt, zumindest auf einer völlig überhöhten Ebene.

Bei einer anderen Aktion schlug Tinkebell auch Hass entgegen: Sie wollte öffentlich 61 Küken lebendig schreddern, wenn sie ihr nicht abgekauft werden (15 Euro pro Küken). Alleine in Deutschland werden jährlich 45 Millionen männliche Küken lebendig geschreddert, weil sie, im Vergleich zu ihren Schwestern, zu lange brauchen, bis sie das Mastgewicht erreicht haben. Das halten die Hähnchen-Produzenten für unrentabel. Legalisiert ist diese Praxis durch die „Tierschutz-Schlachtverordnung“.

Tinkebell blieb auf 51 Küken sitzen, dann kam die Polizei und nahm sie wegen Tierquälerei fest.

Je grausamer der Homo sapiens sich verhält, desto größer ist sein Hass auf den, der darauf aufmerksam macht. Je grausamer die Fleischproduktion, desto unerbittlicher werden jene verfolgt, die einer Katze ein Haar krümmen. Wahrscheinlich ist das nur menschlich.

Tinkebell ist übrigens Vegetarierin. Hier pflegt sie einen, wie es aussieht, debilen Hund:

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Ein bisschen mehr noch in der Süddeutschen.

Nachtrag, 25. Juni: Finkeldey greift das Thema auf und erklärt dabei, warum er die Grünen nicht mag.

(Fotos: Tinkebell)

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17 Antworten zu Wenn eine Katze zur Handtasche wird

  1. Tony schreibt:

    Ich sitze im Bauausschuss einer deutschen Großstadt, da ist es interessant wie (vor allem) die Grünen Abgeordneten sich für jeden Baum einsetzen – bei Menschen („Mietfälle“) die aus ihren Häusern vertrieben werden („Entmietung“) sind sie merkwürdig ruhig und sorgen sich darum das der Bau möglichst schnell vorschreitet und das Stadtbild wieder schön wird…

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  2. bersarin schreibt:

    Danke für diesen sehr guten Beitrag. Genau so ist es! Und genau diese Dialektik, dieser Zusammenhang zwischen der alltäglichen Perversion, die keiner mehr als solche wahrnimmt, und den Dingen, die dann geahndet werden, muß in den Blick genommen werden.

    Dein Text bringt diese Verhaltensweisen wunderbar auf den Punkt.

    (Wieder einmal sind wir einer Meinung)

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  3. genova68 schreibt:

    Danke für das Lob, Bersarin, freut mich. Dein dritter Satz ist interessant. Warum ist das so? Ich habe die dunkle Ahnung, dass Adorno dazu einiges sagen könnte.

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  4. ThomasXY schreibt:

    Das ist mal ein Artikel, dem ich ohne Einschränkungen zustimmen kann. ;)

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  5. genova68 schreibt:

    Es geschehen noch Zeichen und Wunder.

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  6. Pingback: Hinweis in anderer Sache « AISTHESIS

  7. bersarin schreibt:

    Ich will natürlich nicht jeden Einzelfall unter Adorno subsumieren. Aber er hat in seinen Büchern (insbesondere der „Dialektik d. Aufklärung“ und den „Minima Moralia“) schon sehr gut die Form beschrieben, unter der diese Gesellschaft funktioniert. Was Adorno so interessant macht, ist das Zusammenspiel sozialpsychologischer Mechanismen, eines soziologischen Verfahrens und der philosophischen Deutung.

    „Je grausamer der Homo sapiens sich verhält, desto größer ist sein Hass auf den, der darauf aufmerksam macht. Je grausamer die Fleischproduktion, desto unerbittlicher werden jene verfolgt, die einer Katze ein Haar krümmen. Wahrscheinlich ist das nur menschlich.“

    Den ersten beiden Sätzen ist vollkommen zuzustimmen, dem letzten nicht. Nein, ich denke hier in der Tat nicht, daß dieses Verhalten menschlich (im Sinne von natürlich, anthropologisch gegeben) ist. Ich will die Menschen nicht schön- oder gutreden. Dies liegt mir mehr als fern. Aber Menschen werden zu bestimmten Verhaltensweisen durch bestimmte Bedingungen und Umstände „konditioniert“. Insofern sind, etwas verkürzt gesagt, die psychologischen Mechanismen als auch die Strukturen, die zu den Deformationen beitragen, in den Blick zu nehmen: warum eben Menschen zu dem werden, was sie sind. Warum sie sich lieber mit dem Aggressor als mit dem Opfer identifizieren. Es gib jedoch keine anthropologischen Konstanten eines Wesens „Mensch“, keine Wesenheit und Ursprünglichkeit; Aggression, Liebe, Sucht, Mitleid, Sexualität sind Dinge, die sich in spezifischen Gesellschaftsformationen so oder anders ereignen. Die Liebe in der Antike ist eine andere als die in der Neuzeit. Der Satz, daß der Mensch nun einmal böse ist, ist in der Philosophie und in der Politik Ideologie derer, die bestrebt sind, genau diesen Zustand zu sistieren. Die philosophischen Ansätze Thomas Hobbes‘ (verkürzt gesprochen, als seine zentrale These: bellum omnium contra omnes; Krieg aller gegen alle als ursprünglicher Gesellschaftszustand), wären hier einmal auf die gesellschaftlichen und historischen Entstehungsbedingungen zu befragen. (Allerdings möchte ich im Gegenzug auch nicht behaupten, daß der Mensch per se gut ist.)

    Aber Ende des philosophischen Ausflugs in die Anthropologie: Oft kann man an solchen Details, wie Du sie hier beschrieben hast, mittels eines mikrologischen Blickes gut sehen, wie eine Gesellschaft tickt und auf welchen Prämissen sie aufgebaut ist. Adornos „Minima Moralia“ arbeitet mit einer solchen Methode. Es wird, quasi durch ein Vergrößerungsglas, der Blick auf Unscheinbares gelenkt und anhand dessen gefolgert: Der Blick und der Schluß vom Einzelnen auf das Allgemeine. Logisch (im Sinne der klassischen philosophischen Disziplin) sind diese „Schlüsse“ natürlich nicht korrekt oder „sound“ und dürften als Argument eigentlich gar nicht verwendet werden (zumindest nicht für die streng argumentierenden Logiker), aber diese Schlüsse geben dennoch ein (dialektisches) Bild ab, in dem Gesellschaft blitzartig „zusammenschießt“ und in einer Konstellation gefriert.

    Ich könnte hierzu jetzt unendlich weiterschreiben, insbesondere zum Topos des dialektischen Bildes, das sich anhand dieses von Dir Beschriebenen zeigt, will hier aber einhalten. Demnächst wird auch einiges zu Adorno kommen auf meinen Blog.

    Zum Schluß noch: Adorno schrieb den Satz, daß man eine Gesellschaft am besten daran erkennt, wie sie mit ihren Tieren umgeht (ich gebe es sinngemäß wieder. Jetzt komme mir aber keiner und halte Adorno den Rehbraten vor, den er so gerne aß. Ja, ich esse ihn auch gerne: den Rehrücken Baden-Baden.)

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  8. schlieper schreibt:

    wenn die bundesregierung die mehrwertsteuer auch auf lebensmittel erhöht, einschließlich des katzenfutters, müssen die hartz-IV-Empfänger auf katzenjagd gehen, um sich ernähren zu können. so sieht tierschutz aus. und wer ist für hartz IV mit verantwortlich: die grünen.

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  9. genova68 schreibt:

    Bersarin,
    das würde ich alles unterschreiben. Ich wollte mit „menschlich“ sagen, dass der Mensch aufgrund seiner intellektuellen Ausstattung die Fähigkeit hat, sich mit der rechten Hand in vollem Bewusstsein ein Stück Fleisch aus Massentierhaltung in den Mund zu schieben und gleichzeitig mit der linken Hand seine Katze zu streicheln. Er hat die Konstitution zu solch einem Verhalten. Er hat allerdings auch die Konstitution, diesen Widerspruch zu thematisieren und anzugehen. WARUM er das nicht macht, ist die Frage, die man klären könnte, beispielsweise mit Adorno.

    Menschlich in diesem Sinn bedeutet also: Der Mensch ist potenziell zu allem in der Lage. Es kommt darauf an, was er daraus macht. Unmenschlich würde dann bedeuten, ihm das Menschsein abzusprechen.

    Man sollte versuchen zu verstehen. Das fällt leichter, wenn ich das menschentypische in einem Verhalten suche.

    ————————————————-

    schlieper,

    zumindest katzenbesitzende Hartz-IV-Empfänger können dann mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen…

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  10. hanneswurst schreibt:

    Man sollte Dich mal tot auf links drehen, eine Handtasche daraus machen und die Fotos im Web rumzeigen, Du motherfucker! Außerdem frage ich mich, ob in diesem Blog noch ein Artikel zum Dresdner Elbtal folgt, da ich selber keine Ahnung habe, mich aber interessieren würde, was solche Leute wie die Schwellenintellektuellen die hier so rumkreuchen zum Thema Bürgerbegehren, Stadt- + Landbild sowie UNESCO zu sagen haben. Was nicht heißen soll dass ich fuffzig Pfennig darauf gebe.

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  11. genova68 schreibt:

    Endlich mal jemand, der den Artikel scheiße findet, vielen Dank.

    Gratulation auch zur Erfindung des gelungenen Begriffs Schwellenintellektuelle. Dazu gibt es genau null Google-Ergebnisse. Das muss man erstmal schafffen.

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  12. mo schreibt:

    kleine korrektur: der hund auf dem foto ist meines wissens nicht debil, sondern schlicht und einfach tot und stellt ebenfalls ein künstlerisches produkt dar (man beachte auch den riss im fell am bein).

    ich danke auch für den artikel; die ganze sache ist irgendwie an mir vorbeigegangen. und die beschriebenen reaktionen sprechen natürlich bände.

    ich mag katzen sehr (und bin ebenfalls vegetarier), würde aus diesem grund auch nicht auf die idee für so ein projekt kommen, finde tinkebells sichtbare intentionen jedoch nachvollziehbar. der dadurch sichtbar werdende zusammenhang zwischen (angeblicher) tierliebe und menschenverachtung ist jedoch historisch noch weitaus drastischer zutage getreten.

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  13. Pingback: Schwellenintellektuelle Betrachtungen zur Logik der Unesco « Exportabel

  14. genova68 schreibt:

    Mo, meine Bemerkung zu dem Hund sollte ein Scherz sein. Ist wohl misslungen.

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  15. Neuköllner Botschaft schreibt:

    Porno Sadorno

    ««Bei Sade wird es etwas leidenschaftlicher vom Fürst formuliert: (…) «und es darf niemals ein anderes Gleichgewicht ihrer Gerechtigkeit geben, als das ihrer Interessen oder Leidenschaften». Damit sei, so Horkheimer / Adorno, der Weg gewiesen, «den der Imperialismus, als die furchtbarste Gestalt der Ratio, seit je beschritten hat» – die Machthaber entreißen dem «Volk» ihren Gott, demoralisieren es und lassen ihm dafür ihre Regeln und die Freiheit, sich gegenseitig den Kopf einzuschlagen.»»
    Aus: Zusammenfassung des Exkurses II (Juliette oder Aufklärung und Moral) aus „Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente“ von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno
(Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, Mai 1988, 12. Auflage, März 2000, S. 88 – 127):

    …oder wenn «Machthaber» (ich einvernehme hier einmal Haustierbesitzer subsummierend unter diesem Begriff) aus Katzen Handtaschen fabrizieren…

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  16. Pingback: Frosch (5) «

  17. Pingback: Von Handtaschenkatzen und Schredderküken… « FISCHTANTE´s Erfahrungen im Aquaristikladen

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