Luxus-Appartements für Anal-Deutschland

Eine kleine Beobachtung vom Wochenende:

Während die Psychoanalyse vom individuellen Analcharakter spricht, überträgt der österreichische Philosoph Robert Pfaller diesen Ansatz auf ganze Nationen. Naturgemäß sieht es dann für Deutschland (und erst recht für Österreich) nicht gut aus.

„Anders als der individuelle Analcharakter, der als Reaktionsbildung auf die kindliche Analerotik entsteht, ist die kulturelle Analität eine Reaktionsbildung gegen eine bestimmte historische Kultur der Lust. Aus dem gescheiterten Versuch ihrer Aneignung ergibt sich der kulturelle Analcharakter. Er ist eine generelle Abwehr nicht allein gegen anale, sondern gegen die gesamte kulturelle, für die nicht besiegte feindliche Klasse typische und darum als schmutzig empfundene (bzw. denunzierte) Form der Lust.“ (Robert Pfaller: Das schmutzige Heilige und die reine Vernunft. Frankfurt 2008, S. 182)

Hier setzt Pfaller mit Norbert Elias politisch an. Der Adel war im 18. Jahrhundert der Träger eines lustbetonten, luxuriösen Lebens, das die unteren Klassen faszinierte, sowohl in Frankreich als auch in Deutschland. Die französische Bourgeoisie nun hat den Adel in der französischen Revolution besiegt und konnte somit ohne begründungstheoretische Implikationen die höfischen Umgangsformen übernehmen. Man konnte ja jetzt an ihnen teilhaben, sie selbst genießen. In Deutschland ist jede bürgerliche Revolution gescheitert, weswegen sich das Bürgertum nach und nach Abwehrformen gegen diese lustbetonte Kultur zu eigen gemacht hat. Was man dauerhaft nicht erreichen kann, lehnt man aus Gründen des Selbstschutzes ab. Jetzt hat das Bürgertum in Deutschland zwar die Macht, aber Kultur der Lustfeindlichkeit ist ihr immer noch inhärent. Ähnliches ist laut Freud übrigens beim Sieg des lustfeindlichen Christentums über die Heiden passiert.

Deswegen, so Pfaller, haben die Franzosen respektvollere Umgangsformen, die besseren Liebesromane und mehr Esskultur. „In Deutschland hingegen blieb es bei einer jämmerlichen Küche, dafür rühmt man sich dort seiner sauberen Toiletten“.

Wie diese Haltung sich praktisch äußert, konnte man vergangenen Samstag in Berlin beobachten. Dort haben mehrere tausend Leute völlig zurecht für die Öffnung der Freifläche des stillgelegten Flughafens Tempelhof demonstriert. Man stand herum am Flughafenzaun im benachbarten Neukölln, einer teilweise heruntergekommenen Gegend, in der viele arme Menschen wohnen. „Keine Luxusappartements auf dem Tempelhofer Feld“, war eine der zentralen Forderungen. Nach Pfaller typisch deutsch und auf alle Pfälle grundfalsch. Warum nicht „Luxusappartements für alle!“? Dann ginge es nämlich ganz konkret um Teilhabe und nicht um die mitschwingende und an sich bescheuerte Haltung, dass ein armes Viertel arm bleiben muss.

Hedonisten wäre das nicht passiert. Franzosen vielleicht auch nicht.

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7 Antworten zu Luxus-Appartements für Anal-Deutschland

  1. Sisyphos schreibt:

    Frage eines Nichtberliners: Welche Nutzung streben denn die Demonstranten an? Damals wurde ja auch gegen die Schließung des Flughafens demonstriert – ich hätte vermutet, dass die menschen froh sind, weil endlich Ruhe einkehrt.

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  2. genova68 schreibt:

    Hallo, Nichtberliner,

    die Kampagne war ja nicht einheitlich organisiert, aber so grob geht es darum (von http://tempelhof.blogsport.de/warum-wir-das-machen/):

    Unsere zentralen Forderungen sind:

    1. Öffnung des Zauns und freie Zugänglichkeit für alle

    2. Keine kommerzielle Nutzung und Bebauung, keine Verdrängung der Anwohner_innen

    3. Schluss mit der Privatisierung und Kommerzialisierung der Stadt, Gentrifizierung stoppen, für eine selbst bestimmte Stadtentwicklung

    ———————————
    Gegen die Schließung von Tempelhof haben nur der Axel-Springer-Vorstand und ein paar fehlgeleitete Leser demonstriert, auf alle Fälle nicht die Leute von der Tempelhofbesetzung. Die Kampagne für den Erhalt von Tempelhof war die größe Verarschung, die ich je erlebt habe.

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  3. Sisyphos schreibt:

    Interessant – das Riesengelände lässt eine vielfältige Nutzung zu – würde ich auch für demonstrieren!
    Müßte eigentlich mehr als 5.000 Menschen in Berlin mobilisieren.

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