Bildzeitung: Arrangements mit der Gosse

Es gibt Parallelgesellschaften, in denen ich mich nur selten bewege. Eine davon ist die Bildzeitung. Heute bin ich online doch zufällig reingestolpert. In der Rubrik „Gewinner“ steht der Nachrichtensprecher der „Sat1-News“, Peter Limbourg, weil diese Sendung in der Zuschauergunst am 10. Juni die Tagesschau überflügelt habe. Also genau einmal und das auch nur bei den 19- bis 49-jährigen.

Dann kommen zwei Sätze, die in dieser Parallelwelt wahrscheinlich nicht weiter auffallen. Limbourg sagt: „Guter Journalismus setzt sich durch“. Und Bild meint dazu: „Chapeau!“

Geil. Sat1 macht guten Journalismus und Bild gratuliert. Experten unter sich. Ganz davon abgesehen davon, dass der Springer-Verlag an Sat1 beteiligt ist.

(Nachtrag, 14. Juni: Hier berichtet die Bild ausnahmsweise einmal wahrheitsgemäß, und zwar über ihre eigene journalistische Kompetenz.[Der Link führt mittlerweile leider in die Irre. Ich sollte wohl mit Screenshots arbeiten.])

Daneben steht der „Verlierer“ des Tages. Es ist der junge SPD-Politiker Björn Böhning, der sich gegen die geplanten Internet-Sperren gegen Kinderpornographie ausspricht, weil er, wie viele andere, das als einen Einstieg in die Netzzensur betrachtet. Er ruft die SPD auf, sich gegen das Von-der-Leyen-Gesetz zu stellen.

Wie auch immer man das beurteilt, die Bild fordert heute: „Stoppt Böhning!“, und die Ruhrbarone sehen ganz richtig:

In der Wahlkampfzentrale der SPD wird man das mit Sorgen registriert haben, denn die Richtung, wie die Boulevardzeitung einen Erfolg des Antrags kommentieren wird, ist damit klar: Die SPD weigert sich, Kinder zu schützen. Und da Bild ein Herz für Kinder hat und es mit den Fakten nicht immer so hat, werden die guten Argumente für Löschen statt Sperren einfach unter den Tisch fallen. Auch die Union würde ein Nein der SPD zu den Netzsperren skrupellos im Wahlkampf gegen die SPD ausnutzen. Die Union würde aus „Löschen statt Sperren“  „Löschen und Sperren“ machen. Dieses Risiko wird die SPD nicht eingehen.

Die Bild würde also aus Zensurkritikern Pädophiliesympathisanten machen.

Letztlich sind die Linken aber selbst schuld. Spätestens seit den Enthüllungen von Günter Wallraff in den 1970ern weiß man, dass die Bild nach Belieben lügt und betrügt, fälscht und manipuliert. Die Bild gefährdet die Demokratie, verhindert sachliche Auseinandersetzungen, desinformiert ihre Leser. Der Bildblog zeigt täglich, dass sich daran nichts geändert hat. „Bild ist nicht Pop, sondern Gosse“, sagte Gerhard Henschel in einem immer noch beeindruckenden Zeitungsbeitrag schon 2005.

Dennoch gibt es weiterhin Politiker der SPD, der Grünen und der Linken, die diesem Blatt Interviews geben, Gastbeiträge schreiben, sich arrangieren. Ein Arrangement mit der Gosse, weil man meint, ohne sie keine Wahlen gewinnen zu können.

Vielleicht stimmt das sogar.

Nachtrag: Näheres zum „Verlierer“ Böhning beim Bildblog.

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2 Antworten zu Bildzeitung: Arrangements mit der Gosse

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