Der „Spiegel“: Montag ist Hampelmänner-Tag

Weil Montag ja mal Spiegel-Tag war:

Früher stand der Spiegel für investigativen Journalismus, gute Recherche, viel Hintergrund. Einzelne Journalisten nahm der Leser kaum wahr zugunsten der Marke. Der einzige Name von damals, der mir spontan einfällt, ist der des investigativen Journalisten Hans Leyendecker, mittlerweile bei der Süddeutschen Zeitung. Gisela Friedrichsen vielleicht noch, die Gerichtsreporterin.

Heute steht der Spiegel für neoliberale Essays, für Behauptungen ohne Argumente, für Kampagnen, die die Bücher von Redakteuren hypen und für einzelne Journalisten, die selbst als Marke auftreten. Wer repräsentiert den Spiegel heute in der öffentlichen Meinung?

Der Nationalist Matthias Matussek, der das Berliner Stadtschloss wiederhaben will, Hitler einen „Freak-Unfall“ nennt und angeblich gerne mal handgreiflich wird. Arno Luik hat Matussek im Stern gar nicht sooo indirekt attestiert, ein Nazi zu sein.

Der Neoliberale Gabor Steingart, der seinerzeit publizistisch half, die Agenda 2010 zu etablieren. Die Löhne sollen runter, die Unternehmensgewinne rauf, um den „Abstieg eines Superstars“ zu verhindern. Der Superstar war zwar auch damals schon Exportweltmeister, aber egal. Jetzt ist Steingart frustriert, warnt vor dem Verfall der Demokratie und empfiehlt das Nichtwählen – und das, nachdem er jahrelang als guter Neoliberaler für die Zerstörung demokratischer Strukturen plädiert hat.

Der Dauerplapperer Henryk Broder, der seinen Kampf gegen Muslime rassistisch auflädt und der konsequent nach der Maxime verfährt: „Kein Vergleich ist zu blöd, als dass ich ihn nicht bringen könnte. Hauptsache, man hört mich“.

Und neuerdings auch Jan Fleischhauer, der sich gerade öffentlich von seiner SPD-Mutter lossagt und zeigt, was ein rechter Humor ist.

Allen vieren ist gemeinsam, dass sie spürbar keine Lust haben, zu denken. Jegliche Vielschichtigkeit, jeder Begriff, jede Dialektik geht drauf zugunsten des flott geschriebenen Satzes. Jede argumentative Lücke wird nicht inhaltlich gefüllt, sondern mit saloppen Formulierungen übertüncht, die den unbedarften Leser schmunzeln lassen. Allerdings nur ihn. Und um genau den geht es. Davon gibt es ja genug. Schreiben können sie alle vier sehr gut, auch originell. Aber das sollte bei einem Journalisten nicht der einzige Maßstab sein.

Grotesk auch: Alle vier behaupten, früher mal links gewesen zu sein. Das scheint ihnen wichtig.

Matussek, Steingart, Broder, Fleischhauer: Solche Hampelmänner repräsentieren heute den Spiegel. Eine Katastrophe. Wie das passieren konnte, würde mich interessieren.

All das ist im Jahr 2009 nicht neu. Es fiel mir nur gerade ein, weil Montag ist.

spiegel_macht_doof

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5 Antworten zu Der „Spiegel“: Montag ist Hampelmänner-Tag

  1. Max Krapp schreibt:

    Hatte den Spiegel lange Jahre in der Schule abonniert. Ab der 11. hab ich irgendwann aufgehört zu lesen. Als der alte Augstein noch lebte, gab es wenigstens ein Korrektiv, dass der Spiegel nicht zu rechts wurde. Spätestens als Aust die Herrschaft hatte, ging die ganze Sache den Bach runter. Interessanterweise brauchen die Leute noch lange, bis sie die Änderung begreifen. Bei mir zuhause hält man den Spiegel immer noch für links….

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  2. genova68 schreibt:

    „Bei mir zuhause hält man den Spiegel immer noch für links….“

    Diese Meinung wird sich noch lange halten, glaube ich.

    Wobei ich mich bei Aust schon wundere. Der machte auf mich nie den unseriösen Eindruck, den die vier oben genannten Herren vom ersten Augenblick an hinterlassen.

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  3. Max Krapp schreibt:

    „Wobei ich mich bei Aust schon wundere. Der machte auf mich nie den unseriösen Eindruck, den die vier oben genannten Herren vom ersten Augenblick an hinterlassen.“

    Er scheint auch persönlich nicht so unsympathisch
    zu sein. Aber es wäre ja auch zu einfach, wenn die „Bösen“ alles Arschlöcher wären. Wie ich leider immer wieder feststellen muss, sind es oft auch gerade die vordergründig sympathischen Leute, welche bei näherer Betrachtung eine Einstellung haben, die schlicht und einfach zum Kotzen ist. Deshalb sollte man prinzipiell nie dem ersten Eindruck vertrauen.
    Der Spiegel (soweit sich das hier mal vereinfachen lässt) ist eben auch vordergründig sympathisch, leicht zu lesen, wirkt kompetent und unabhängig, objektiv und seriös. Doch das täuscht leider neuerdings immer wieder.
    Scheint als bräuchten wir bessere Journalisten, und keine Journaille.

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  4. genova68 schreibt:

    Sehe ich alles genauso. Wobei es viele gute Journalisten gibt, unter anderem auch in Blogs. Nur halt nicht mehr beim Spiegel ;-) Wobei man auch dort gute Geschichten lesen kann.

    Journalisten sind auch nur Menschen bzw. Teil des Systems. Und so ist es bezeichnend, wenn die vier genannten erfolgreich sind. Ressentiments bedienen hat schon meistens funktioniert.

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  5. bersarin schreibt:

    Über den Spiegel brauchte man sich eigentlich nie Illusionen zu machen. Immer schon hieß er hinter der vorgehaltenenHand „Bild am Montag“. (Allerdings hatte er in den 80er Jahren noch ein investigatives Potential.)

    Ich habe jedoch nie etwas vom Spiegel gehalten, was vielleicht nur daran lag, daß er keinen Kulturteil hat und hatte.

    Ansonsten hier zu empfehlen der Aufsatz von Hans Magnus Enzensberger (bereits 1957): „Die Spraches des Spiegel“, in: „Einzelheiten I. Bewußtseinsindustrie“

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