Neue Hauptstadt der Bewegung

Die rechtsradikale (oder rechtsextreme oder rechtspopulistische) Kölner Partei „Pro Köln“ hat vergangenes Wochenende in – na, wo wohl? – einen „Anti-Islamisierungskongress“ veranstaltet. Erwartet haben die Veranstalter 2.000 Teilnehmer, gekommen sind 200. Dazu kommt, dass der „Kongress“ keiner war. Alles, was diese Hampelmänner an drei Tagen zustandebrachten, waren fünf Mini-Kundgebungen, sonst nichts. Ein besseres Familientreffen also. Dennoch war die Veranstaltung Thema in allen deutschen Medien, sogar in der Tagesschau.

So muss man „Pro Köln“ attestieren, dass sie aufmerksamkeitsökonomisch einen großen Erfolg errungen haben. Es haben zwar alle relevanten Medien negativ über das Grüppchen berichtet, aber das dürfte mögliche Interessenten nicht nachhaltig schrecken. Deshalb ist mir nicht ganz klar, wieso jetzt alle behaupten, „Pro Köln“ habe eine veheerende Niederlage erlitten. Sicher, 200 Teilnehmer sind nichts, aber was heutzutage zählt, ist, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu bekommen. 200 Menschen auf einen Platz zu stellen und dann in die Tagesschau zu kommen: Weniger ist offenbar mehr.

Dass „Pro Köln“ jetzt bekannter ist, liegt also nicht an ihnen selbst, sondern an ihren Gegnern, denn die haben massiv mobilisiert, ohne strategisch zu denken. Natürlich: Sämtliche Redebeiträge der Rechten waren fremdenfeindlich, in Teilen volksverhetzend, Aufstachelung zum Rassenhass und mehr. Es gibt also gute Gründe, gegen diese Leute zu demonstrieren und aufzuklären, und das ist am Samstag in Köln bei einer Veranstaltung in der Stadtmitte mit mehreren tausend Teilnehmern ja auch geschehen. Direkte Konfrontation aber ist meiner Meinung kontraproduktiv. Niemand wird überzeugt, geschürt wird der Hass. Und damit kennen sich die Pro-Kölner aus: sie hassen Muslime, Linke, vor allem wohl sich selbst.

Und das ist der zweite Punkt: „Pro Köln“ spricht Leute an, die Feindbilder brauchen, damit es ihnen selbst besser geht. (Damit ähneln sie dem Hassblog „Politically Incorrect“, der bezeichnenderweise „Pro Köln“ massiv unterstützt.) Wer das Feindbild ist, ist wurscht. Derzeit sind es eben Muslime. Ohne Feindbilder zerfallen solche Gruppierungen schnell. Wenn sich nun in Köln am Veranstaltungsort mehrere tausend Pro-Köln-Gegner versammeln und laut gegen die Kundgebung opponieren, tun sie Pro Köln einen Gefallen. Wären die Gegendemonstranten nicht in Sichtweite, wäre zumindest ein Feindbild momentan schlechter verfügbar.

Das wird deutlich, wenn man sich die Redebeiträge der Rechtsradikalen-Kundgebung anschaut (z.B. via youtube.com). Kaum einer kommt aus, ohne das Feindbild „Gegendemonstranten“ zu bedienen. Von „Kommunisten und Anarchisten“ ist die Rede, von „Terror von links“, von „Meute“, von „Terroristen der Zukunft“ und „dreckigen Demonstranten“, die sich waschen sollen. Eine Italienerin dankt der „Antifa“ sogar für deren Anwesenheit – so wisse man wenigstens, wogegen man sei. Ich bin mir nicht sicher, aber ich habe das Gefühl: Weniger direkte Konfrontation wäre eher eine Schwächung von „Pro Köln“ als das Gegenteil.

Viel effektiver, neben Aufklärung: Der Barmer Platz, wo die Hauptkundgebung von „Pro Köln“ stattfand, ist riesig. Bilder von oben, auf denen man gesehen hätte, wie sich das Häuflein Rassisten (und sonst niemand) auf der großen Asphaltfläche verliert, wären effektiver gewesen als jede direkte Gegendemo.

„Köln ist heute die Hauptstadt der europäischen Widerstandsbewegung gegen die Islamisierung Europas“, sagte ein Sprecher auf der Kundgebung. Eine Hauptstadt mit 200 beschränkten Einwohnern, die nun in aller Munde sind.

Dumm wäre es allerdings, wenn da plötzlich doch 2.000 stünden. Oder noch viel mehr.

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2 Antworten zu Neue Hauptstadt der Bewegung

  1. nimrouz schreibt:

    Eigentlich ist diesem klugen Artikel nichts mehr hinzuzufügen. Es sei denn, mein volles Einverständnis. Was hiermit gerne geschehe :-) Ist zwar nicht sehr produktiv im Sinne einer Diskussion, aber da gibts ja auch nicht viel zu diskutieren. Finde ich jedenfalls. Denke doch jeder an sich selbst: das Schlimmste ist es wohl nicht, Feinde zu haben, sondern eher, einfach nicht gesehen, gehört, beachtet zu werden…

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  2. genova68 schreibt:

    :-)

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