Der erste Mai in Kreuzberg: Managerschulung

„,Bei den Autonomen lernt man all das, was man später als Manager braucht‘, sagt ein Beobachter der Szene. Selbstdarstellung, Improvisationstalent, Entschlossenheit.“

Das schrieb der Tagesspiegel vor ein paar Tagen. Der Kreuzberger erste Mai als praxisnahe Managerschule.

Da ist was dran. Selbstdarstellung ist ein wesentliches Anliegen dieser Leute, die sich Autonome nennen. Sie sehen ja auch gut aus: Jung, schlank und athletisch, außerdem sind sie reaktionsschnell und flexibel. Der Gesichtsausdruck ist für einen Manager zu grimmig, aber immerhin entschlossen. Sie langen hin, leisten ganze Arbeit. Sie gestalten ihr Umfeld, und wenn es sein muss, bleibt kein Stein auf dem anderen. Nicht zu vergessen: Sie ordnen sich gerne einem Kleidungscode unter. Alles Eigenschaften, die ein Manager hocherfreut zur Kenntnis nimmt. Ob der Code nun „Schlips und Kragen“ oder „schwarz mit Kapuze und Sonnenbrille“ lautet, ist prinzipiell egal.

Das Weltbild der Autonomen ist ähnlich schlicht wie das ihrer Feinde: Der Fetisch ist auf der einen Seite das kaputtzumachende Schweinesystem, auf der anderen die Rendite. Über beide Vorgaben wird nicht diskutiert, man setzte sonst die eigene Existenzberechtigung aufs Spiel.

Freundlich von den Autonomen ist, dass sie nie dahin gehen, wo es weh täte: Zu den Banken, Managern und Politikern. Stattdessen zünden sie in sozialen Brennpunkten, wie man das nennt, Mülltonnen und die 15 Jahre alten Corsas und Daimler der dort lebenden Türken an und werfen ihnen anschließend Löcher in die Köpfe. Aber nur versehentlich, eigentlich wollen sie ja die Polizistenköpfe treffen, die Teil des Schweinesystems sind. Die Armen werden also nicht nur vom Kapital bedrängt, sondern auch von den Autonomen. Verbal wollen beide Gruppen den Armen helfen. Schöne Eintracht.

Nach den Krawallen sind alle zufrieden: Die Manager können ungestört weitermachen mit dem Rentieren, sie haben nichts zu befürchten. Die Autonomen freuen sich, dass es mal wieder anständige riots gab. Und die Löcher im Trottoir, wo früher Pflastersteine waren, lassen Wochen später noch Touristen raunen.

Nebenbei bemerkt: Aufschlussreich sind die Analyseversuche der Autonomen (wer auch immer sich dafür hält) des ersten Mai in Berlin:

„Die Ereignisse am Morgen und am Abend zeugen von der (sozialen) Wut in großen Teilen der Bevölkerung, die sich zunehmend radikalisiert und militant agiert.“

Immerhin weiß man jetzt, was Autonome unter „sozialer Wut“ und „große Teile der Bevölkerung“ verstehen. Ich meine mich zu erinnern, dass in den 1980er Jahren Autonome zu Selbstkritik fähig waren.

Dann doch besser Grillen im Park.

273401_m0w700h465q80v26625Cool sehen sie aus: Autonome bei der „Revolutionären 1. Mai Demonstration“ 2009 in Berlin-Kreuzberg

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5 Antworten zu Der erste Mai in Kreuzberg: Managerschulung

  1. M. A. Bakunin schreibt:

    „Stattdessen zünden sie in sozialen Brennpunkten, wie man das nennt, Mülltonnen und die 15 Jahre alten Corsas und Daimler der dort lebenden Türken an und werfen ihnen anschließend Löcher in die Köpfe.“

    Du scheinst dich ja bestens auszukennen mit den brennenden Autos, wie alt diese sind und wem sie gehören. Vielleicht ein Hinweis: Auch das Anzünden von Autos wird unter Linken diskutiert.

    Ansonsten scheint auch bei dir zu gelten: Schwarz gekleidet=Autonome.

    Das du nun unseren Blog zitierst wirft nicht gerade einen gutes Licht auf deine Recherchearbeit. Manchmal hilft es noch ein wenig mehr zu lesen. Aber gut, sind wir halt jetzt auch „gewaltgeile Autonome“.

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  2. genova68 schreibt:

    Das mit dem Corsa bezog sich auf ein Video bei youtube vom 1. Mai 2008. Ein altes Auto kann ich schon von einem neuen unterscheiden. Ob die Autos Türken gehören oder nicht, ist natürlich egal. Es geht darum, dass das eher arme Leute sind, ohne Vollkasko. Ich meinte nicht die Luxuskarossen, die immer wieder mal angezündet werden, das ist eine andere Sache.

    Es geht darum: Wenn man schon politische Gewalt befürwortet, muss sie wenigstens der interessierten Öffentlichkeit vermittelbar sein oder einen konkreten Nutzen haben. Ansonsten ist es Krawall.

    Und wer zu den „Autonomen“ gehört und wer nicht: Tja, wer soll das schon wissen? Waren die Steineschmeißer nur besoffene Krawallmacher, die sich unter die verantwortungsbewussten Autonomen gemischt haben?

    Von Eurem Blog habe ich zitiert, weil ich das bemerkenswerte Zitat gefunden habe. Es findet sich in dem Artikel keine Spur von Selbstkritik. Und die wäre nötig, wenn man den großen Max markiert.

    Ich erinnere mich an Diskussionen im autonomen Spektrum der 1980er Jahre (beispielsweise in der „atom“). Dort wurde der Gewaltbegriff intern problematisiert. Genau das vermisse ich derzeit. Angesichts der Geschichte des ersten Mai in Kreuzberg nur zu sagen „wenn es knallt, ist die Polizei schuld“, ist daneben.

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  3. bersarin schreibt:

    @ genova 68

    Ich kann Deinem Bericht aus eigener Anschauung und von meinen Erfahrungswerten zum 1. Mai 2009 her nur zustimmen. Dies alles ist völlig richtig beobachtet und geschrieben. Danke dafür. Und in der Tat das schlimmste: es fehlt dort jede Selbstkritik. Das Geschehen wird dann als Triumpf des Willens und als riot gefeiert und ist doch nur sich selbst überschätzende Lächerlichkeit. Immer wieder zu beobachtendes Cowboy- und Indianer-Spiel. Aber gut: Sie sind jung, sie sind schön. Sie haben dann für später was zu erzählen.

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  4. genova68 schreibt:

    Cowboy-und-Indianer, kann man auch sagen. Vielleicht hat es auch etwas mit Narzissmus zu tun, dieses Sich selbst bzw. seine eigene politische Position so extrem wichtig nehmen, keine andere Sichtweise zulassen.

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  5. hartmut schreibt:

    Hi Ihr Drei

    sorry Bakunin, aber ich muss den beiden Anderen Recht geben; das sind partiell auch meine Beobachtungen, Räuber-und-Gendarm-Spiel auf politisch nannte ich das immer (Che zeigt in seinem hochinteressanten Blog immer mal wieder, dass es in der Tat auch anders ging/geht, und es interessante, Ernst zu nehmende Ansätze innerhalb der Autonomen gab…gibt?).

    am absurdesten, Bakunin, ist der Satz, den Genova zitiert hat. „zeugen von der (sozialen) Wut in großen Teilen der Bevölkerung, die sich zunehmend radikalisiert und militant agiert“ – sorry, aber das kann ich nicht Ernst nehmen. Beim besten Willen nicht! Träum weiter! Wenn Du politisch arbeitest, dann solltest Du Dir, das meine ich nicht böse, einmal ein halbes Jahr lang einen Job in durchschnittlichen Zusammenhängen suchen, um dem „normalen“ Volk aufs Maul zu schauen. Wer agiert da „zunehmend militant“ und wieviele, und wer findet die Entscheidung um die deutsche Fussballmeisterschaft viel wichtiger als die Krise (solange sie einen nicht selbst betrifft) und wieviele! Wer möchte dort den sozialen Protest auf die Strasse tragen und wieviele – und wer verharrt bei seiner Krisen-Analyse auf ein bißchen Wallstreet-Beschimpfen und wieviele! Wer will wirklich etwas ändern – und wer schimpft bloß ein bißchen auf die-da-oben, um 5 Minuten später wieder Türken-Witze zu reißen. Die Mehrheit ist nicht auf unserer Seite, vergiß es.

    Bitte recht verstehen: ich bin froh über jeden, der aufsteht. Aber der falsche Glaube, die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich zu haben, ist eine so notorische wie fehlerhafte Illusion der Linken seit ichweißnichtwann. Bert Brecht 1933: „Die rote Fahne schrieb noch Der-Sozialismus-wird-siegen, da hatte ich mein Geld schon in der Schweiz!“

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