Kapitalismus und Marktwirtschaft: entweder oder

Es sei eine Zeitlang „unmodern“ gewesen, „die Marktwirtschaft ´Kapitalismus` zu nennen“, schreibt Nikolaus Piper in der Süddeutschen Zeitung und suggeriert damit, dass die beiden Begriffe das Gleiche beschreiben und ihr Gebrauch lediglich von modischen Erwägungen abhänge.

Ich frage mich, ob Kapitalismus und Marktwirtschaft sich zueinander nicht eher wie Feuer und Wasser verhalten.

Kapitalismus ist an freien Märkten nur vorübergehend interessiert. Und das kann man ihm nicht vorwerfen. Kapitalismus bedeutet, dass man Kapital einsetzt und mit Rendite zurückbekommt. Je mehr, desto besser. In einer funktionierenden Marktwirtschaft ist die Rendite wegen der am Markt auftretenden Konkurrenz begrenzt. Nur in bestimmten Ausnahmesituationen fehlt auf dem Markt die Konkurrenz und die Renditen erreichen Extremwerte. Das kann der Fall sein, wenn ein Unternehmen durch technologischen Fortschritt ein neues Produkt auf den Markt bringt und eine Zeitlang konkurrenzlos ist. Aber in der Regel dauert es nicht lange, dann ist die Konkurrenz da, die Preise sinken, die Margen auch.

Das Kapital hat also spätestens dann das Interesse am freien Markt verloren, wenn die Rendite unterm Monopol höher ist, also fast immer. Es versucht sich abzuhelfen, indem Konkurrenten aufgekauft werden oder indem man die Preise abspricht.

Je mächtiger das Kapital, desto schwächer der Markt. Bei der Energieversorgung haben sich die vier großen Stromanbieter E.on, RWE, Vattenfall und EnBW Deutschland friedlich aufgeteilt, ihr Marktanteil beträgt 80 Prozent. Die vier betreiben auch die Überlandnetze, weswegen kleine Anbieter den Strom nicht günstiger anbieten können.

Wenn ich Elektroartikel kaufen möchte, bleibt mir vielerorts kaum anderes übrig, als eine Filiale von Saturn oder Media-Markt zu betreten, die überdies beide der Metro-Gruppe gehören. Die Konkurrenz besteht hier nur Metro-intern.

Kartellämter verhindern die größten Auswüchse kapitalistischer Monopolisiererei. Alleine dass sie nötig sind, zeigt, dass das Kapital den Markt nicht mag. Das Bundeskartellamt wurde übrigens 1958 gegen den hartnäckigen Widerstand der deutschen Industrie gegründet. Warum wohl?

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Marktwirtschaft funktioniert dauerhaft nur da, wo es kein überschüssiges Kapital gibt. Bei den Büdchen im Rheinland und im Ruhrgebiet, zum Beispiel. Alle paar Meter ein Kiosk, keiner kann die Preise über Gebühr anheben, weil die Kundschaft diese paar Meter weiterginge. Die Margen sind gering. Der Kapitalist würde sich da nur engagieren, wenn er über eine Kette von Filialen alle anderen aus dem Markt drängen könnte, bis es diesen nicht mehr gäbe. Und dann würde Kasse gemacht.

Das Gerede vom freien Markt, den unsere Bosse angeblich so gerne wollen und der bedroht ist vom bösen Staat, der alles reguliert, ist ein ideologisch verbrämtes Täuschungsmanöver. Nichts ist den Kapitalisten lieber als eine Planwirtschaft – solange sie es sind, die die Pläne machen.

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2 Antworten zu Kapitalismus und Marktwirtschaft: entweder oder

  1. M. A. Bakunin schreibt:

    Deine Deutung ist durchaus richtig, aber wenn die Marktwirtschaft auf fast allen bedeutenden „Märkten“ beständig einen Hang hat zum Kapitalismus überzugehen, gibt es dann nicht doch einen so starken Zusammenhang zwischen den beiden Erscheinungen, dass man sie als deckungsgleich (außer zeitlich) ansehen muss?

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  2. genova68 schreibt:

    Tja, gute Frage. Vom Wesen her halte ich die Unterscheidung für gerechtfertigt. Wie man die Kapitalakkumulation in den Griff kriegen kann, wäre halt zu diskutieren. Was sonst? Wie wäre es mit einer „sozialistischen Marktwirtschaft“? Es ist schwierig.

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