Kinderkreuzzug in Berlin

Der konservative Rollback in Deutschland lässt sich nicht nur an architektonischen Debatten wie der um den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses ablesen. Schönes aktuelles Beispiel: Die Diskussion in Berlin um den Religionsunterricht an allgemeinen Schulen. Es geht eigentlich nur darum, ob die Schüler Ethik als Pflichtfach haben und konfessionell abgegrenzten Religionsunterricht auf Wunsch zusätzlich erhalten (wie das derzeit der Fall ist) oder ob sie (besser gesagt: ihre Eltern) wählen dürfen zwischen konfessionellem Religionsunterricht und Ethik.

Wie auch immer man dazu steht, die Argumente der Unterstützer der erstgenannten Version, die sich „Pro Reli“ nennt, sind bemerkenswert. Sie schwanken zwischen bescheuert und reaktionär. Berlin wird beispielsweise vom schlauesten Deutschen, Günther Jauch, noch einmal zur Frontstadt erklärt :

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In Berlin geht es natürlich wieder um nichts geringeres als um „die Freiheit“, und wenn man jetzt nicht pro Reli ist, kehrt der Stalinismus zurück. Unklar hingegen bleibt, warum Jauch sich in diese Berliner Debatte einmischt, obwohl er in Potsdam wohnt. Und ob es nicht anmaßend ist, dass er nun auf riesengroßen Plakaten in der ganzen Stadt den Leuten erklärt: „Ich will, dass alle Berliner Schülerinnen und Schüler…“. Was hat ein Moderator von mehr oder weniger flachen Fernsehshows da eigentlich zu wollen? Es geht ja nicht mal um seine eigenen Kinder. (So ein Zufall: Jauch engagiert sich auch für die Rekonstruktion des Stadtschlosses in Potsdam.)

Welche Prominenten unterstützen die Pro-Reli-Kampagne noch? Unter anderem die Moderatorin Tita von Hardenberg, der kürzlich ihre stylische Sendung „Polylux“ weggenommen wurde, und eine Schauspielerin namens Marielle Ahrens. Sie spielt in Rosamunde-Pilcher-Filmen mit und reiste in den australischen Dschungel, um in der ersten Staffel von „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“ mitzuwirken. Man kann sie also als zertifizierten C-Promi bezeichnen. Verheiratet ist sie mit Patrick Graf von Faber-Castell, den sie auf der Hochzeit von Verona Feldbusch und Franjo Pooth kennenlernte.

Was genau sie dafür qualifiziert, mit ihrem Bild auf ebenso riesengroßen Plakaten wie die von Jauch den Berlinern zu erklären, dass sie für „die freie Wahl“ stimmen sollen, ist unklar. Ihre beiden beeindruckensten Argumente zeigte sie jedenfalls im Playboy.

Das sollte doch jeden Pro-Reli-Kritiker zum Schweigen bringen.

Den Vogel schießt aber der Unterstützer Burkhard Schwenker ab. Er ist Chef der Unternehmensberatung Roland Berger und schreibt in seinem Beitrag für Pro Reli den in sich stimmigen Satz: „Aus meiner täglichen Arbeit weiß ich aber, wie wichtig Werte heute sind“. Seine täglichen Werte sind: Systeme profitabler machen, Leute entlassen, Wettbewerb verschärfen, Menschen auf Funktionen in Bilanzen reduzieren, der blanken Zahl huldigen. Systemimmanent alles in Ordnung, aber was hat das mit dem Religionsunterricht in Berliner Schulen zu tun? Schwenker erklärt es mit frappierender Offenheit:

„Wenn also in einem komplexen Umfeld mit schnellen Umbrüchen Zahlen immer volatiler werden und deshalb nicht mehr überzeugen können, müssen Persönlichkeiten an ihre Stelle treten, die ihre Werte klar und unmissverständlich vorleben: Integrität beispielsweise, Verlässlichkeit und Verantwortungsbewusstsein…

Auch künftige Generationen müssen auf die schwere Aufgabe der Führung besser vorbereitet werden. Und dabei kann die intensive und freie Auseinandersetzung mit Religion in der Schule helfen.“

Die Strukturen unserer Gesellschaft werden also immer komplizierter, immer undurchschaubarer, immer undemokratischer, immer weniger überzeugend. Was tun? Mehr Transparenz? Mehr Bürgerbeteiligung? Mehr Offenheit? Andere Strukturen? Von wegen. Neue Führer braucht das Land, die „Integrität vorleben“. Wie das geht? Mit Religionsunterricht. Die Zahlen sind dann zwar immer noch volatil und nicht überzeugend, aber es merkt keiner mehr. Eigentlich müsste es dann reichen, wenn die künftige Elite Religionsunterricht genießt. Die anderen sollen ja eh nur nachleben, was der integre Führer vorlebt. Prüfen können sie es nicht, das Umfeld ist ja zu komplex.

Man kann Schwenker dankbar sein. Neben den sinnfreien Argumenten von Jauch und Ahrens redet er Tacheles. Religionsunterricht, um kritisches Denken zu unterbinden. Ethikunterricht wäre da nur störend.

So sind alle vereint: Frontstadtphantasten, Lifestyle-Moderatorinnen, Playboy-Ausklappgirls und Bilanzfetischisten. Alle sind sie für Religionsunterricht. Den Werten zuliebe.

(Foto: ProReli)

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6 Antworten zu Kinderkreuzzug in Berlin

  1. hanneswurst schreibt:

    Treffer!

    Kleiner Assoziationstest: Ethikunterricht verhält sich zu Religion wie Ästhetikunterricht zu …

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  2. genova68 schreibt:

    Ballermann?

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  3. hanneswurst schreibt:

    Nein, ziemlich falsch. Noch mal raten oder soll ich auflösen?

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  4. genova68 schreibt:

    Bitte auflösen.

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  5. hanneswurst schreibt:

    Auflösung:

    … Malen nach Zahlen.

    Du hättest darauf kommen können, mein Lieber. Ich habe mir aufgrund Deines Artikels die Argumente von „Pro Reli“ angesehen. Ich kenne die Debatte ansonsten jedoch nicht, und weiß nicht, ob sich zum Beispiel herausgestellt hat, dass der Ethikunterricht („Praktische Philosophie“ in NRW) nicht hält, was der Name verspricht. Ein Hinweis findet sich jedoch unter Punkt 6 der kruden Agenda von „Pro Reli“ (http://www.pro-reli.de/volksentscheid/?page_id=46):

    „Wertevermittlung im Fach Ethik ist weltanschaulich nie neutral.“

    Mit anderen Worten: die Initiative behauptet, dass der Ethikunterricht de facto kein Ethikunterricht ist, denn Ethik zeichnet sich vor allem durch Neutralität und Vorurteilsfreiheit aus.

    Ich vermute jedoch, dass die Initiatoren ganz einfach nicht wissen, was Ethik ist; was zum Beispiel der kategorische Imperativ ist und warum es lohnt, ein tiefes Verständnis solcher Prinzipien an den Schulen zu fördern. Denn auf der marktschreierischen Webseite der Initiative scheint immer wieder durch, dass die Initiative die parallele Unterrichtung von Ethik und Religion für nicht sinnvoll hält, weil die Religion ja schon die Ethik vorgibt. Das reine Mantra der Religion könnte also durch die ach so verkopfte Ethik (die brutale, nach Marx müffelnde Ethik) verwässert werden.

    Dies ist dann auch die andere Möglichkeit: die Initiatoren wissen sehr wohl, was Ethik ist, scheuen sie aber wie der Teufel das Weihwasser. Im nächsten Schritt könnte die Initiative fordern, dass die Schüler sich für Politikunterreich oder Religionsunterricht entscheiden müssen. Oder entweder Biologie oder Religion, denn beides ist nicht miteinander vereinbar (denn es gibt den Menschen erst seit ca. 6000 Jahren). Ach ja, Geschichte bitte auch durch Religion ersetzen. Kunst sowieso.

    Die Initiative „Pro Reli“ greift scheinheilig einen Grundpfeiler unserer Demokratie an, und es ist höchste Zeit, die vollständige Säkularisierung Deutschlands ernsthaft zu betreiben, bevor noch mehr solcher Rollback-Heinis aus ihren Löchern gekrochen kommen.

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  6. genova68 schreibt:

    Uiuiui, ich wusste gar nicht, dass du so ein Säkularisierungsfan bist.

    Ich habe mir die Argumente von Pro Reli übrigens nicht angesehen. Ich habe mir nur die zitierten Aussagen angesehen.

    „Malen nach Zahlen“ ist eine gute Lösung, aber zu kompliziert für mich.

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