Regression anschaulich gemacht

Die gesellschaftliche Regression ist vielerorts zu beobachten, nicht nur in Deutschland. Ein schönes, weil anschauliches Beispiel, findet sich nun in dem südniederländischen Domburg. Das Seebad war schon immer recht herausgeputzt und hob sich von den umliegenden Gemeinden ab. Die Hauptstraße ist verkehrsberuhigt und Flaniermeile, ein bisschen Kö am Meer.

Doch selbst dort hatte moderne, strukturalistische Architektur eine Chance, in den 60er und 70er Jahren. Eine Komplex in der Dorfmitte mit Ferienwohnungen sieht so aus:

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Das Vordach ist panne, der ganze Kasten renovierungsbedürftig, aber formal immer noch ansprechend: Eine Vorhangfassade mit großen Fenstern, die mit ihren unterschiedlichen Formaten eine höllandischen Designtradition aufnehmen und die dem Dorfplatz zugewandt sind, helle Loggien für alle Wohnungen. Dem besitzanzeigenden Bürgertum ist das jedoch zu fad. Deshalb wird das Gebäude nun abgerissen und das hier hingebaut:

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Türmchen, Erker, Giebel, mit Bosse ummantelte Ecken (wie das wohl aussehen wird?), willkommen in der guten alten Zeit. Beeindruckend, wie dieser Neohistorismus sämtliche formalarchitektonischen Innovationen der letzten einhundert Jahre ignoriert. Ebenso wie die Immobilienkrise: In das Haus zaubern die Investoren 22 Wohnungen, die es ab 645.000 Euro zu kaufen gibt.

Die postmoderne Architektur der 1980er Jahre kann ja in Teilen als Reaktion auf Missstände der Moderne betrachtet werden. Investorenarchitektur im Jahr 2009 hat sich offenbar aller gesellschaftlichen Bezüge erledigt und signalisiert dem neoliberal gebeutelten Zeitgenossen, was er erwarten darf. Gesamtgesellschaftliche Fragestellungen und Verantwortungen werden ausgeblendet, man richtet sich ein in einer kleinen Festung, die dem vorbeiflanierenden Plebs (der gerne besitzanzeigender Bürger wäre) zeigt, was man hat. Eine Abgrenzung nach unten, die auch Individualität ausdrücken soll mithilfe des ganzen Zierrats, was nicht klappt, denn es ist alles vorfabrizierte, serielle Architektur, ahistorisch eingesetzt. Die verlogene Wirkung des Materials ist vorprogrammiert.

Fehlen nur die Dienstboteneingänge.

Schon komisch: Je stärker die Mittelstandsgesellschaft in ihrer Existenz bedroht ist, desto entschlossener klammert sie sich an Repräsentationsformen, deren Verlogenheit sie sicher spürt. In guten Momenten.

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2 Antworten zu Regression anschaulich gemacht

  1. T. Albert schreibt:

    So stellen sich die sogenannten Eliten der berliner Republik und ihre Architekten und ihr verwahrloster Mittelstand (habe auf meiner Reise gerade wieder tolle ästhetische deutsche Erfahrungen gemacht, nur schon was Kleidung angeht, um den Attac-Beitrag zu bestätigen; das wäre eine spannende deutsche Diskussion, die anzuzetteln wäre, wofür das steht, ja) ihre Städte halt vor, hauptsache antimodern. Ich kenne persönlich Leute, die sagen, dass sowas wie in dieser Zeichnung endlich wieder möglich sei, nachdem „der Sozialismus“ nicht mehr existiert. Ich sehe in dieser Zeichnung, wenn ich weiss, worauf sie sich bezieht, einen irren Hass gegen die Moderne, die ja auch überall abgeräumt wird, erst im Osten, jetzt im Westen. Leider hat das mit Rossis Satz zu tun, man solle Architektur nicht moralisch betrachten, und der war verheerend. Er hat ja noch mehr „deutsche“ Sätze verzapft, die das, was jetzt geschieht, rechtfertigen sollen. Natürlich findet, wer solche Zeichnungen und Häuser macht, auch die Stalin-Allee und die Wilhelmstrasse gut, findet Speer chic und quasselt den ganzen Tag von der „anti-urbanen und semantisch unverständlichen Moderne“, die keine Repräsentation zu leisten in der Lage sei. Die Kunst-und Architektur-Faschisten kamen immer vor den politischen, und es ist ja schon interessant, dass solcher Architekturdreck auf Kosten der Moderne und der Traditionen gleichzeitig mit den eugenischen Sarrazin- und Sloterdijk-Auslassungen gemacht wird.
    Und dass dieser „razionalismo“ Stellas den Schloss-Wettbewerb gewinnt. Irgendwie kippt gerade alles. So wurde der zweite Weltkrieg vorbereitet.

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  2. genova68 schreibt:

    Na, deine ästhetischen Erfahrungen deiner Deutschlandreise würden mich natürlich interessieren :-)

    Man sieht in Berlin derzeit ganz gut, wie sehr wirtschaftliche Interessen (und eben NUR die) das Geschehen dominieren. Alleine das Investorenprojekt „Rund um den Hbf“ zeigt, wohin die Reise geht: billig, Kommerz. Wäre Berlin nicht so groß, hätte die vereinigte Architektenschaft die Stadt schon längst auf Bielefeld-Niveau runtergebaut.

    Apropos Berliner Hauptbahnhof: Mich wundert, dass niemand das offensichtliche anspricht: Der einzige Grund, weswegen der Bahnhof in diese riesengroße Brachlandschaft gebaut wurde, war der, dass der Bundestag direkt daneben liegt: So kommen die Abgeordneten am Freitag Nachmittag schnell weg. Die DDR hätte es nicht arroganter planen können.

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