Die Dialektik des Jugendlichen

Zufällig gefunden: das Buch „Mainstream der Minderheiten“, Aufsätze zum Thema „Pop in der Kontrollgesellschaft“, erschienen 1996. Die Herausgeber Mark mainstreamTerkessidis und Tom Holert beschreiben im Vorwort, dass Pop, ökonomisch betrachtet, vom Mainstream aufgesaugt, gemainstreamt und profitabel angeboten wird. Und dass Pop, politisch betrachtet, das „Disziplinarregime“ der Arbeitswelt in Form von Fabriken, Fließbändern und bis ins Detail genormten Arbeitsprozessen um die kulturelle Sphäre ergänzt, indem sie auch „die Seele“ integriert. Terkessidis und Holert beziehen sich hier auf die „Dialektik der Aufklärung“ von Theodor Adorno und Max Horkheimer.

So weit, so bekannt. Eigentlich auch bekannt ist der anschließende Gedanke. Das Kapital hatte zuerst die Vermarktung von Pop als Mittel zur Mehrwerterzielung erkannt und genutzt. Im nächsten und naheliegenden Schritt nahm sie sich die „Jugend“ vor. Ebenfalls mit Erfolg. Heute will jeder jugendlich sein und jung bleiben, rennt ins Fitness-Center, kopiert jugendlichen Lebensstil oder das, was er dafür hält.

Der Preis dafür (und das ist im kollektiven Gedächtnis kaum verankert): Jugend als Kategorie möglichen gesellschaftlichen Widerstands ist futsch. Es gibt nichts mehr, womit man als Jugendlicher anecken kann. Selbst ein Azubi eines mittelständischen Unternehmens darf mit Punk-Frisur und Che-Konterfei oder RAF-Symbolen auf dem T-Shirt auflaufen, alles nur Zitat, alles harmlos.

Politische Kritik ist in dieser Situation kaum möglich. Wer, wenn nicht junge Menschen wären in der Lage, neue Impulse zu setzen. Kapitalismus als Wirtschafts- und Gesellschaftssystem wird nahezu ungefragt und meist unbewusst hingenommen.

Der Text ist, wie gesagt, von 1996. Er liest sich aber unglaublich aktuell. In der momentanen Wirtschaftskrise, die ja auch eine Systemkrise ist, gibt es keine widerständige Identität. Formen populärer Kultur, die eine Gegenstimme artikulieren könnten, existieren nicht mehr. Ob Rap oder Hiphop in der Musik, ob Dekonstruktivismus, Postmoderne oder neue Formen sozialer Architektur, in den vergangenen Jahrzehnten hat das Kapital alles aufgesaugt und transformiert. Wir stehen nackt da. Jugendliche Gegenkultur ist tot. Die einzige Alternative: Neonazi werden.

Widerstand von links wäre inhaltlich natürlich angebracht. Kulturell betrachtet ist das Thema ausgeleiert (siehe oben, Che und RAF). Diejenigen, die sich kritisch äußern, sind Polit-Opas wie Heiner Geißler, Albrecht Müller, ein paar linke Wirtschaftswissenschaftler und Journalisten.

Kommendes Wochenende veranstaltet das globalisierungskritische Netzwerk attac einen Kapitalismuskongress. Heiner Geissler wird auch dabei sein.

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Bemerkenswert nebenbei: Einerseits sind alle auch mit 60 noch jung, andererseits malt das Kapital die drohende Vergreisung der deutschen Gesellschaft als Menetekel an die Wand. Aber auch verständlich: Dagegen hilft private Altersvororge, also noch mehr Kapitalismus.

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2 Antworten zu Die Dialektik des Jugendlichen

  1. hanneswurst schreibt:

    Crisis? What crisis?

    Liken

  2. Pingback: Attac zwischen Karrieristen und Hartz IV « Exportabel

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