Nikolaus Piper entkommt der Dämonenverfolgung

hanitzsch21Mein liebster Wendehals heißt Nikolaus Piper. Der leitende Journalist der Süddeutschen Zeitung (früher Chef der Wirtschaftsredaktion, heute Korrespondent in New York) ist ein leidenschaftlicher Neoliberaler; eine Behauptung, die man kaum wirkungsvoller unterstreichen kann als mit dem Hinweis auf seine Mitgliedschaft in der Mont-Pélerin-Gesellschaft.

Piper hat früher das übliche gepredigt: Staatsbetriebe müssen privatisiert werden, Steuern müssen runter, Freiheit vor Gleichheit und so weiter. Sein 2004 erschienenes Buch „Willkommen in der Wirklichkeit“ wird so beschrieben:

„Die Paradigmen für die nächsten zehn Jahre könnten daher nicht mehr Sicherheit und Gleichheit sein; sie müssten lauten: Wettbewerb – um Arbeitsplätze, Kapital, Ideen – und persönliche Freiheit.“

Die gängige Ideologie also. Zumindest bis vor kurzem. In der Finanz- und Wirtschaftskrise ist das gerade nicht so angesagt. Doch kein Problem für Piper. In der Süddeutschen Zeitung vom 25. Februar modelt er seinen Lieblingsfeind, den Ökonomen John Maynard Keynes, zu dem derzeit wichtigsten Intellektuellen überhaupt um. Man könne nun dreierlei von ihm lernen, wobei zwei Einsichten für Piper geradezu revolutionär sind:

„Es kommt, erstens, auf Makroökonomie an. Zwar ist es unabdingbar, dass die (mikroökonomischen) Marktkräfte ungehindert wirken können. Wenn aber wichtige makroökonomische Daten, etwa die Handelsbilanz, nicht mehr stimmen, können die flexibelsten Volkswirtschaften aus der Bahn geworfen werden … Drittens ist es eine Illusion zu glauben, Finanzmärkte seien effizient. Sie sind es nicht, wie das Publikum heute merkt.“

Bislang hat Piper das Gegenteil behauptet. Der Artikel geht über eine halbe Seite und könnte als versteckte Entschuldigung Pipers für sein Geplapper der vergangenen Jahre und Jahrzehnte gedeutet werden. Es ist aber auch eine Offenbarung, was man schon in dem Verweis erkennt, das „Publikum“ würde jetzt die Ineffizienz der Finanzmärkte erkennen. Die „Wirklichkeit“, in der man nun Johannes Piper willkommen heißen kann, geht vielmehr so: Dem „Publikum“ wurde über Jahre hinweg das neoliberale Dogma eingeredet, das überhaupt erst zu dieser Finanzkrise geführt hat. Und Piper war einer der effektivsten Einheizer.

Warum haben diese Leute nicht einmal den Arsch in der Hose, sich zu entschuldigen? Was denken die jetzt über sich in einer stillen Stunde? Wo bleibt der gesellschaftliche Druck, der Piper et. al. mit ihrem Geschwätz von gestern konfrontiert? Noch wichtiger die Frage, warum in der SZ-Redaktion niemand sitzt, der diese Fragen stellt.

Typisch für die Süddeutsche ist, dass ein paar Tage vorher, am 16. Februar, der Kulturredakteur Thomas Steinfeld dieses Thema indirekt behandelt. Wenn die Öffentlichkeit jetzt einzelne Banker zu Sündenböcken mache, habe das nur den Effekt, vom eigentlichen Übel abzulenken:

„Die ganze öffentliche Dämonenverfolgung dient vor allem dem Zweck, den guten, der Allgemeinheit zuträglichen Kapitalismus schnell wieder auf die Füße zu setzen.“

Piper weiß das auch, und bevor er zur Zielscheibe der Dämonenverfolger wird, hebt er seinen Erzfeind Keynes auf den Schild. Es muss ja nicht für immer sein.

Ganz aktuell, von heute: Hier schreibt Piper in einem Artikel über die kapitalgedeckte Altersvorsorge in den USA: „Die Finanzkrise hat die Ersparnisse der Amerikaner um ein Drittel entwertet, Pensionsfonds geraten unter Druck und viele Menschen müssen auch im Alter arbeiten.“

Deutlicher kann Piper das Scheitern seiner eigenen Ideologie kaum zusammenfassen.

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7 Antworten zu Nikolaus Piper entkommt der Dämonenverfolgung

  1. newww schreibt:

    Vielen Dank für diesen Artikel. Eigentlich sollte man gleich allen „Journalisten“ wie Herrn Piper oder auch Steingart, Matussek, Malzahn und Co. eine Seite widmen und deren Texte von damals den heutigen gegenüberstellen. Überschrift: „Der Opportunismus und seine Kinder“.

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  2. Jean Stubenzweig schreibt:

    Wußten Sie, daß Nikolaus Piper führer mal Redaktionsmitglied des Vorwärts war?

    Sie hatten am 28. Februar bei Schmoll et copains einen Kommentar hinterlassen. Der ist mittlerweile zwar freigeschaltet, hängt dort jedoch etwas in der Luft, da der Beitrag umgeleitet wurde (die Seite wird demnächst gelöscht). Sie finden ihn unter weiterblättern.

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  3. genova68 schreibt:

    Jean Stubenzweig: Piper beim Vorwärts? Das wusste ich nicht. Es ist aber sicher schon lange her.

    Danke für die Sortierung meines Beitrags. Die Bemerkungen über Haut, Heim und Auto finde ich ziemlich gut.

    newww: Sehe ich genauso, ist aber viel Arbeit.

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  4. Jean Stubenzweig schreibt:

    Das war in den Siebzigern; wann genau, weiß ich nicht mehr. Da war es noch eine richtige Wochenzeitung. Daß Piper sich so «verändert» hat, das ist, wie bekannt, leider kein Einzelfall.

    Zu «Haut, Heim und Auto»: ein wunderschönes Buch, das ich auch heute noch sehr gerne mag und wohl auch immer mögen werde.

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  5. Pingback: Noch einmal: Die Wirtschaftskompetenz der SZ « Exportabel

  6. Lauris Mauris schreibt:

    Wer 2009 dachte Nikolaus Piper schwört dem neoliberalen Extremismus ab, wird heute (5. März 2010) eines besseren belehrt. Auf Seite 2 schreibt der mont pelerin anhänger über „Wetten auf die nächste Welle“. Dabei unerstützt er Leerverkäufe, mit denen in der Vergangenheit schon einige Unternehmen zu Kosteneinsparungen (sprich Arbeitsplatzabbau) gezwungen oder eben Währungen abgewertet wurden. Piper findet „Leerverkäufe, auch ungedeckte“ solange gut, bis zu dem „Fall einer Börsenpanik“. Dann „müssen die Behörden die Möglichkeit haben, Leerverkäufe für begrenzte Zeit auszusezten“. Piper hat nichts gelernt. Bei Leerverkäufen handelt es sich um reine Casino-Spekulation, bei denen Unternehmen oder ganze Volkswirtschaften schaden nehmen. Aber der ewig gestrige Neoliberalist Nikolaus Piper verteidigt die Ursachen für die letzte Finanzkrise so vehement, als würde eine nächste Krise in geradzu freuen. Vorsicht vor so einem Propagandisten!

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  7. Man sollte über NP nicht so hart urteilen. So mancher Journalist schreibt nur, „was er kann“. Je nach dem, welche Einflüsse ihn beeinflüssen.Und: Auch Journalisten können nicht von ihrer wahren Leistung leben – sondern müssen darauf achten, brotgedrungen, was sie mit der verdienen können. Da ist Vielseitigkeit gefragt. Aber vielleicht wird NP ja einmal unter Pseudonym verraen, was er – insgeheim – konkret denkt, erfoscht hat, wirtschaftswissenschaftlich und – politisch gern durchgesetzt sähe. Was er in seinen Gessprächen mi oßn alles vorgetragen bekam, hat er seinen Lesern immer sehr gut weitergegeben.
    Günter Woltmann-Zeitler
    Wirtschafts-/währungswissenschaftler
    Arnbach

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