Neuer Umgang mit Stadt: das Römerberg-Projekt von 1963

Durch Zufall entdeckt: Den Entwurf des Architekturbüros Candilis, Josic, Woods für den Frankfurter Römerberg aus dem Jahr 1963.

frankfurt-kopie

Man spürt beim Betrachten solcher Entwürfe, dass die Gesellschaft damals noch nach vorne dachte. Solch einen Entwurf würde heute kein Büro mehr abgeben, weil chancenlos und rufschädigend. Heute geht es darum, den Römer möglichst originalgetreu wieder aufzubauen, auf dass ja kein neuer Gedanke mehr entsteht.

Candilis, Josic und Woods wollten eine Art „Stadt in der Stadt“ errichten. Eine Stadt, die das Vorhandene nicht ignoriert. Dort, wo vor dem Krieg die Altstadt stand, wollten sie ein ähnlich labyrinthisches System von Gängen und Wegen schaffen, auf drei Etagen mit einer Mischung aus Läden, Wohnungen, Büros und öffentlichen Flächen. Eine kleinteilige Mischung, wie in der Altstadt, aber mit neuen gestalterischen Mitteln und Materialien und mit einem rechtwinkligen Wegesystem. Die Grundrisse waren vielfach flexibel, den Architekten schwebte eine Architecture mobile vor.

Ein Komplex, der eine Stadt für sich darstellte, die auch einigermaßen autonom funktionieren sollte. Sie setzten sich damit von der Mitte der 1960er Jahre noch etablierten Ansicht ab, dass Zeilenbauten mit viel Grün dazwischen die einzig sinnvolle Bauweise sei und kritisierten so indirekt die Doktrinen des CIAM. Es war meines Wissens auch einer der ersten Entwürfe überhaupt, die keine Trennung der Lebensbereiche Wohnen, Arbeiten, Freizeit mehr vorsah.

Man könnte Candilis, Josic und Woods vielleicht als Vorreiter eines neuen Umgangs mit Stadt sehen: Weg von der Taktik, alles plattzumachen und die Strukturen zu ignorieren, die dort jahrhundertelang galten, weg davon, breite Schneisen für Autos anzulegen, hin zu sozialverträglichem Bauen, wo neue Materialien auch ökologisch korrekt hätten sein können (wenn das damals jemanden interessiert hätte). Dass sie diese Sozialverträglichkeit nicht mit einem unbedingten Restaurieren zerfallener Altstadthäuser verbanden (also das, was ein paar Jahre später mit den Hausbesetzern und der behutsamen Stadtrenovierung ihren Anfang nahm), ist ihnen nicht anzulasten. Im Gegenteil, es zeigt vielmehr ihr Vorwärtsdenken. Und es ist ehrlicher als die Investorenarchitektur heute, die kleinteilig tut, auf reaktionäre architektonische Stilmittel zurückgreift und damit den kapitalistischen Vewertungsdruck, der gerade ihr innewohnt, verschleiert.

Das Büro hat auch die Rostlaube und die Silberlaube der FU Berlin errichtet, inmitten einer dörflichen Umgebung im Südwesten Berlins. Dahinter steht ein ähnliches Konzept wie beim Römerberg-Projekt, wobei aber zweifelhaft ist, ob das in der dörflichen Umgebung funktioniert. Fairerweise muss angemerkt werden, dass für die FU Berlin auch andere Standorte im Gespräch waren. Einer davon war das Gelände am Lehrter Bahnhof, dort, wo heute der Berliner Hauptbahnhof steht. Das riesige Unigelände hätte die Leerstelle besser gefüllt als der Bahnhof heute.

Das sind die drei:

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4 Antworten zu Neuer Umgang mit Stadt: das Römerberg-Projekt von 1963

  1. Andreas schreibt:

    Ich kann ehrlich gesagt gar nicht glauben was ich hier lese:

    „Man spürt beim Betrachten solcher Entwürfe, dass die Gesellschaft damals noch nach vorne dachte. Solch einen Entwurf würde heute kein Büro mehr abgeben, weil chancenlos und rufschädigend. Heute geht es darum, den Römer möglichst originalgetreu wieder aufzubauen, auf dass ja kein neuer Gedanke mehr entsteht.“

    Eine Bausünde ist „Nach vorne denken“?
    Anscheinend leben Sie in einer Traumwelt, denn der Römerberg ist bis auf eine einzige winzige Häuserzeile nicht originalgetreu aufgebaut. Schreiben Sie denn nur am Schreibtisch ihre blinden Fantasien, oder haben Sie eigentlich ein einziges Mal das Areal überhaupt betreten, von dem Sie hier reden? Fas das gesamte Areal, auf dem früher enie weltberühmte europäische Altstadt stand, ist mit (extrem scheusslicher) „moderner“ Architektur bebaut, oder zumindest dem, was der Bevölkerung von Leuten wie Ihnen als „modern“ verkauft wird. Betonklötze und Hässlichkeit sind nicht modern, Herr Exportabel, sondern unmodern.

    Es gehört schon sehr viel Verblendung dazu, Stadtzerstörung und den Tiefpunkt der Archiktur (60er und 70er Jahre) als „nach vorne denken“ zu bezeichnen. Loben Sie denn auch das „Technische Rathaus“, primitivste und monströse Brutalismus-Architektur? Das steht nämlcih heute genau auf diesem Areal, aber anscheinend ist ihnen dsa nicth bekannt, da Sie Lehrbuchtheorien von LeCorbusier und Mies herunterplappern, anstatt sich tatsächlich mit Baukunst und Urbanismus zu beschäftigen.

    Das „Vorwärts marschieren“ ist übrigens ein häufiger Begriff in Diktaturen und im Faschismus. Vielleicht sollten weniger aggressiv-militärisch sein, sondern sich mehr um humane Architektur kümmern, die den Menschen dient, und nicht den verbildeten Hirnen unfähiger Architekten. Ist die Stadt für die Stadtbewohner da, oder für den Architekten? Leute wie Sie wohnen fast immer im Stuckaltbau, und fordern triste Betonwüsten und Plattenbausilos für die Menschen. Sie müssen ja nicht drin wohnen, nicht wahr?

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  2. Andreas schreibt:

    PS:

    Ich komme zufällig aus Frankfurt, und habe diese Stadt vor über 20 Jahren verlassen, weil ich den von Leuten wie Ihnen geschaffenen kulturellen Horror Vacui und die Zerstörung Euröpäischer Identität in dieser Amerikanisierten McDonalds/Betonkubus-Stadt nicht mehr ertragen konnte.

    Leuten wie Ihnen haben wir es zu verdanken, dass unsere Städte zerstört sind. Das meiste wurde nämlich nicht im Kriege zerstört, sondern von fanatischen Kampfideologen wie Ihnen, die sämtliche Europäische Baukunst verbissen bekämpfen, mit einer Ausnahme natürlich: Der Stuckaltbau in dem Sie selber wohnen. „Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte“. (Kurt Tucholsky)

    Man muss wirklich geisteskrank sein, um so unglaublich dumm von Theorie zu faseln, ohne sich auch nur eine Sekunde der Realität zu stellen. Feige und verlogen.

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  3. genova68 schreibt:

    Meine Güte, Andreas,
    ich habe Frankfurt nicht bombadiert und danach abgerissen, ich habe auch keine bösen Hochhäuser dahin gebaut, da sind Sie bei mir an der falschen Adresse. Ich glaube auch nicht, dass ich „geisteskrank“ oder ein „fanatischer Kampfideologe“ oder „verblendet“ bin. Ich habe lediglich gesagt, dass ich den besprochenen Entwurf interessant finde. Wäre er verwirklicht worden, würde ich noch lieber nach Frankfurt reisen, als ich es ohnehin schon tue. Unsere Städte wurden von Bomben zerstört. Danach begannen Diskussionen über den Aufbau. In Frankfurt wurde ja einiges wieder aufgebaut, beispielsweise der Römer oder das Goethehaus. Sie hätten also garnicht wegziehen müssen (schon gar nicht vor 20 Jahren, da ist doch in Frankfurt einiges passiert, was Ihnen gefallen müsste). Und in den 1950er Jahren waren eben noch nicht alle reaktionär und wollten ihre putzige Altstadt zurück, die es einfach nicht mehr gab. Nehmen Sie doch einfach zur Kenntnis, dass die weggebombt wurde. Sicher würde man heute einiges mehr retten, sicher zurecht. Die Zeiten damals waren andere. Architektur ist Ausdruck von Zeitgeist. Und dass Sie alle moderne Architektur offenbar als hässlich empfinden, liegt meines Erachtens daran, dass Sie überhaupt alles Moderne ablehnen. Schauen Sie sich einmal das einzig interessante Gebäude auf dem Römer an, das Historische Museum. Wer sich für Gesellschaft, seine Umwelt und für Menschen interessiert, findet an dieser Architektur viel, was seine Aufmerksamkeit weckt. Der Rest dort ist doch Kulisse für Touristen.
    Seien Sie einfach weniger vorurteilsbeladen, dann wird das schon.
    Gruß von Herrn Exportabel

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  4. T. Albert schreibt:

    Schon wieder finde ich was wohltuendes.
    Der Andreas als Opfer von Mies und Corbu fährt doch wahrscheinlich gerne Auto, da ist die derzeitige Stimannsche „Rekonstruktion der Europäischen Stadt“ natürlich genau das richtige, wo man in die besseren Quartiere immer mit mehr oder weniger Rücksicht, Stadtverbrauch und Landschaftszerstörung selbstredend auf modernen Strassen bis ins Wohnzimmer fahren kann.
    Die schlechteren werden halt abgehängt, dafür findet sich dort manchmal noch alter Stuck von der Stange an der Decke. Wird ein neues schlechteres Quartier gebaut, dann haben die Investoren mittlerweile nicht mal mehr das Geld, um Balkone an die irgendwie klassizistisch-rationalistisch tuenden Platten-Billighütten zu hängen, ihre Architekten halten das aus Distinktionsgründen auch nicht mehr nötig.

    Aber ich finds gut, dass Andreas was gegen Mies hat, wo der ja gerade als historisch-legitimatorisches Scharnier für die Stadt der „Elite“ des 19. Jhdts. herhalten muss, weil die Architekturgangsterbanden einen deutschen Klassizisten aus ihm geschnitzt haben.

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