Roland Berger und die Menschenwürde

Der Unternehmensberater Roland Berger gibt der Süddeutschen Zeitung ein fast unglaubliches Interview. Ausgerechnet der neoliberale Dampfplauderer redet nun von einer „Gerechtigkeitslücke“ in Deutschland, die seinen „Gerechtigkeitssinn verletzt“ und ihm „Sorgen bereitet“. Der Typ hat sogar eine „Roland-Berger-Stiftung“ gegründet, die einmal im Jahr den – kein Scherz – „Preis für Menschenwürde“ verleiht. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Roland Berger verleiht den Preis der Menschenwürde. Berger gehört zu der neoliberalen Elitetruppe, die erst Schröder und dann Merkel erzählte, wie die Gesellschaft am besten „reformiert“ wird. Berger ist mitverantwortlich für deregulierte Finanzmärkte, Hartz IV und die Gerechtigkeitslücke in Deutschland. Berger hat vor ein paar Jahren, auf dem Höhepunkt der Reformwut in Deutschland, in der portugiesischen Wochenzeitung Expresso den Portugiesen geraten, die Löhne zu senken und den Sozialstaat abzubauen und als Vorbild die rot-grünen Arbeitsmarktreformen genannt. Und das angesichts eines kaum vorhandenen portugiesischen Sozialstaats und miserabler portugiesischer Löhne. Berger vertritt die Logik, dass man zur Not auch für null Euro Lohn arbeiten müsse, wenn der Markt nicht mehr hergibt. Berger kommt mir vor wie der Onkel, der das Kind in den Brunnen stößt und danach den Eltern erzählt, dass das Kind leider in den Brunnen gefallen sei, was ihm Sorge bereite und eins seiner zahlreichen Gefühle verletze.

Berger ist auch Mitglied im „Konvent für Deutschland“, zusammen mit Herzog und Henkel. Steht Berger politisch auch so weit rechts außen wie Henkel? Wobei mir der noch lieber ist, dem wäre das Sozialgefasel über Gerechtigkeit wahrscheinlich zu peinlich.

Übel dabei ist nicht in erster Linie die perfide PR-Strategie eines Unternehmensberaters. Das ist sein Geschäft, und er mimt ja auch gerne den leidenschaftlichen Sammler moderner Kunst, natürlich der Leipzig School. Übel dabei ist, dass die Interviewer der Süddeutschen, Marc Beise und Carsten Matthäus, ihn gewähren lassen. Das hat mit Journalismus nicht mehr viel zu tun. Es ist schon dreist, dass diese Typen jetzt nicht wenigstens den Mund halten, sondern angeblich soziale Stiftungen aus dem Hut zaubern. Zuerst den Staat und seine sozialen Instanzen kaputthauen und dann die Ungerechtigkeit beklagen und mit einer Stiftung gegensteuern. Mit einer Stiftung, die finanziert wird unter anderem mit den Steuergeldern, die Berger dem Staat abgenommen hat mit belanglosen Tipps. Jüngst hat er der Kommune Duisburg eine Menge Tipps zum Geldsparen gegeben. Vor allem im sozialen Bereich und bei Hartz-IV-Empfängern könne man noch ordentlich sparen. Außerdem sollten die städtischen Bediensteten länger arbeiten.

Im Internet geht nichts verloren. In einer Ausgabe der Zeit aus dem Jahr 2002 forderte Berger unter der Überschrift „Gesellschaftliche Solidarität“: „Mehr Markt, weniger Staat durch Privatisierung, Deregulierung und Liberalisierung von Märkten. Das betrifft heute noch weitgehend staatliche Unternehmen für Finanzdienste, Energie, Verkehr, sonstige Infrastrukturdienste, also über 100.000 öffentliche Unternehmen in Bundes-, Landes- und Kommunaleigentum. Ergebnis wäre eine außergewöhnliche Dynamik durch mehr Innovation, eine Verbilligung des Angebots, die Ankurbelung des Konsums und somit mehr Wachstum und Beschäftigung.“ Reine Ideologie und genau das Gegenteil dessen, was eingetreten ist. In den privatisierten Sektoren gibt es weniger Beschäftigte, in der Regel keine Verbilligung des Angebots und was „mehr Innovation“ bedeutet, müsste der Herr Berger noch mal genau erklären. Interessant, wie lächerlich diese Sätze klingen, schon sechs Jahre später. Wie aus einer anderen Zeit.

Dass die Süddeutsche auch anders kann, zeigt heute Heribert Prantl, der dankenswerter Weise auf das Potenzial des Grundgesetzes aufmerksam macht. Dort „befasst sich ein Artikel mit Vergesellschaftung – und verdeutlicht das wirtschaftliche Spektrum, das in Deutschland möglich wäre.“ In Artikel 15 heißt es: „Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz…in Gemeineigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden.“ Wenn dieser Satz exakt so im Programm der Linken stehen würde, wäre das für den Verfassungschutz ein Grund zur Erwähnung. Wetten?

Edit vom 8. Februar 2009: Den Link zum Zeit-Artikel habe ich zufällig hier gefunden. Lesenswert.

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