Wöchentlicher Megatrend gegen Apokalypsespießer

Ein langes Radio-Interview mit dem trendigen Zukunftsforscher Matthias Horx auf WDR 5. Er hat ein neues Buch geschrieben, „Technolution“ oder so ähnlich. Horx redet smart, rhetorisch alles wunderbar. Nach einer Weile fällt auf, dass er nur politisch-ideologische Statements vorträgt: Der Kapitalismus ist das Beste, Lafontaine ist schlecht, Marx auch, überhaupt die Linken: „Apokalypsespießer“. Auf die Frage, wie in 20 oder 50 Jahren die Energieversorgung aussehen wird, antwortet er, dass die regenerierbaren Energien großes Potenzial besäßen, auch Wasser- und Brennstoffzellen blabla. Und seine natürlich optimistische Prognose, dass „wir“ die Energiewende schaffen werden. Das könnte schätzungsweise jeder zweite Bundesbürger spontan in einer Straßenumfrage antworten.

Horx sagt auch gerne „natürlich“, wenn der Sachverhalt gar nicht natürlich ist. Zum Beispiel sagt er, dass wir „natürlich“ das Rentensystem umbauen müssen. Mehr kapitalgedeckte Rente, meint er wohl. Dann beklagt er sich darüber, dass die Deutschen so staatsgläubig seien. Der Staat habe sich „um alles zu sorgen“, das sei ein „mentales Problem“. Dann kommt aber gleich der rhetorische Kniff: „Ich bin überhaupt kein Staatsgegner“. Man brauche den Staat für „Bildung, Verteidigung und vieles, vieles mehr.“ Wobei er nach „Bildung“ schon kurz nachdenken musste, um einen weiteren Grund für den Staat zu finden. Worin das „vieles, vieles“ besteht, würde ich gerne wissen. Besser noch: „Wir“ sind Gewinner der Globalisierung, und deshalb dürfe man sich nicht als Verlierer der Globalisierung bezeichnen. Das sei ein „arroganter Opferkult“. Horx vertauscht nach Belieben das Individuum, dem er gerne eine eigenständige Rolle zuweist, mit dem „wir“, wenn es ihm gerade in den Kram passt. „Wir“ sind Globalisierungsgewinner, da zählt der Einzelne nichts, auch wenn er sich beim besten Willen nicht als Gewinner bezeichnen kann. Wenn es um Ansprüche an den Staat geht, da soll das Individuum bitte selbst für sich sorgen.

Horx ist ein Blender, soweit nichts Neues. Beunruhigend ist aber, dass er allen Ernstes an der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen unterrichtet. Was ist an diesem Mann denn wissenschaftlich?

Interessant, dass Horx in die Falle tappt, bei anderen das zu kritisieren, was er selbst tut, ja, was geradezu sein Daseinsgrund ist. Er sagt, die Deutschen seien nicht zufrieden, wenn nicht mindestens einmal wöchentlich eine neue Apokalypse durchs Dorf gejagt werde. Wenn man „Deutsche“ durch „Horx“ und „Apokalypse“ durch „Megatrend“ ersetzt, stimmt der Satz. Wichtig dabei ist natürlich, dass der wöchentliche Megatrend von ihm durchs Dorf gejagt wird. Horx spürt wahrscheinlich sehr genau, dass diese lustigen Trends von vielen ausgerufen werden könnten. Das ist für ihn sicher beunruhigend. Andererseits hat er sich als Marke etabliert und es gibt genügend Menschen, die auf sowas abfahren. Horx sagt auch, dass die Medien vor allem Aufmerksamkeit erzeugen wollten, weswegen sie die Apokalypseszenarien gerne publizieren. Auch hier redet Horx von sich selbst.

Aber man muss zugeben, dass er erfolgreich ist. Harald Martenstein schreibt in der Zeit, dass Horx für belanglose Reden 189 Euro Eintritt verlangt. Nicht als Gruppenpreis, sondern von jedem einzelnen. Das kann man schon anerkennen. Das muss man erst mal schaffen.

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