„Negativ nach hinten“ – zur Chemnitzer Hartz-IV-Studie

Eine Studie der Wirtschaftswissenschaftler Friedrich Thießen und Christian Fischer aus Chemnitz hat Wirbel verursacht. Die beiden haben berechnet, dass ALG II-Empfänger viel zu viel Geld bekommen. 132 Euro monatlich reichen, finden sie.

Die Studie kann man im Internet herunterladen*, und in der aktuellen Version haben die Verfasser, wohl erschrocken vom Medienecho, eine „Präambel“ vorangestellt. (Die nennen das wirklich so.) Darin beschweren sie sich, dass die Studie „teilweise sinnentstellt dargestellt worden“ sei und behaupten, dass die finanziellen Leistungen „leicht oberhalb des Rahmens liegen, der durch die festgelegten Ziele der sozialen Mindestsicherung abgedeckt wird“. Dummerweise liest man in der Studie auf Seite 30 exakt diesen Satz und dann: „Selbst die Hälfte davon wäre immer noch damit kompatibel“. Die böse Presse hat offenbar nur „die Hälfte“ in eine Zahl umgewandelt.

Sind die beiden Ökonomen so dämlich oder ist das nur Taktik? Schadensbegrenzung? Angst um den Ruf? Fast schon religiös wird die Präambel, wenn sie die Leser ermahnt:

„Sie als Person werden von den Medien benutzt, damit diese mehr und teurer Werbung verkaufen können. Die Klick-Zahl soll gesteigert werden, und dazu liefert man Ihnen die Stichworte, von denen man weiß, dass Sie darauf reagieren.“

Die Jungs empfehlen also, den Hartz-IV-Satz zu halbieren und suggerieren dann, dass die Medien schuld sind.

Tja, die Forscher behaupten, dass man von 130 Euro noch irgendwie menschenwürdig leben kann. Wahrscheinlich wissen sie sehr genau, dass das nicht geht. Eigentlich pervers. Es ist jedenfalls offensichtlich, dass sie den Betroffenen die Menschenwürde absprechen. Dazu das übliche Geplappere á la „das Sozialsystem positiv nach vorne“ entwickeln und ähnliche Floskeln. Positiv nach vorne. Ist das Gegenteil „negativ nach hinten“? Geht auch „positiv nach hinten“ oder „negativ nach vorne“? Was sind das eigentlich für Spezialisten, die beiden Ökonomen? Bestätigt sich wieder mal, dass Wirtschaftswissenschaftlern jegliche zivlisatorisch-intellektuelle Kompetenz abgeht? Und warum fällt mir jetzt Meinhard Miegel ein?

Beim Blättern in der Studie fallen die vielen Tabellen auf. Dort wurde akribisch berechnet, was ein Arbeitsloser wofür ausgeben darf. Das Preisniveau ist rätselhaft. So kostet eine Kinokarte am Kinotag durchschnittlich 3,33 Euro, minimal sogar nur 1,50 Euro. Ich lebe offensichtlich in der falschen Stadt. Ein Besuch im Schwimmbad durchschnittlich 2,10 Euro, Museum ebenfalls. Die Recherche fand wohl in Rumänien oder Moldawien statt. All das gewähren die Herren dem Arbeitslosen übrigens nur im „Maximumfall“ also quasi Vollpension mit Vollkasko. Im avisierten „Minimumfall“ fällt all das weg. Dann sind selbst 2,10 Euro fürs Museum zu viel.

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Das "Armengrab" von André, einem 20jährigen aus Speyer, der 2007 verhungert war. Zuvor hatten ihm die Behörden wegen "Meldeversäumnissen" die Leistungen komplett gestrichen.

Im Schlusskapitel kommen Thießen und Fischer erwartungsgemäß zu der Forderung, die Zahlung von Transferzahlungen „an Gegenleistungen“ zu koppeln. Wer nicht arbeitet, kriegt also nicht mal mehr die 132 Euro und verhungert. Besonders perfide ist, dass die Studie suggeriert, die Betroffenen wünschten das so. Diese Präferenz hätten Studenten der Chemnitzer Technischen Universität „offenbart“. Die Studenten haben also offenbart, dass Arbeitslose nur noch dann den halbierten Regelsatz wollen, wenn sie dafür arbeiten.

Der Clou: Direkt nach der Aufforderung, dass Arbeitslose unentgeltlich arbeiten sollen, kommt die Bemerkung: „Ein Wunschtraum muss sicher die Versorgung der Hilfeempfänger mit befriedigenden Arbeitsmöglichkeiten bleiben“. Scheiß-Arbeit für 132 Euro monatlich also.

Meinhard Miegel schreibt in seinem Bestseller „Die deformierte Gesellschaft“ ja, dass sich die deutsche Arbeitsmarktpolitik am alten Ägypten orientieren solle. Dort hätten alle Arbeit gefunden. Die wurde zwar nicht bezahlt, aber es wurde was getan.

Drei Ökonomen, die zu ihrer Menschenverachtung stehen.

Weitere Informationen zum Thema auf den Nachdenkseiten.

*Die Studie ist mittlerweile (26. März 2009) verschwunden. Man bekommt unter dem Link nur noch eine – geänderte – Präambel geliefert. Auch ein Eingeständnis.

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