35.000 Hartz-IV-Empfänger mit Sonderzulage und Bankgeheimnis

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Ohne Pfeil sieht man es nicht: Liechtenstein. Das Land hat 35.000 Einwohner und es gibt keinen vernünftigen Grund, wieso dieses Gebilde unter herkömmlichen Voraussetzungen überlebensfähig sein sollte. Nur mal, damit man eine Vorstellung hat: Städte wie Bad Hersfeld oder Dieburg oder Backnang haben rund 35.000 Einwohner. Und die müssen nun eine Regierung bilden und Ministerien und Infrastruktur organisieren, Botschaften im Ausland unterhalten (sechs Stück hat Liechtenstein, der Rest wird von der Schweiz mitverwaltet), die Rechtssprechung am laufen halten, sich einfach um alles kümmern. Mit 35.000 Menschen? Eigentlich müssten die allesamt in der Verwaltung arbeiten, in Ministerien und im diplomatischen Dienst. Allerdings wäre dann nicht zu verstehen, wie das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf das höchste der Welt werden konnte – 87.000 Euro pro Kopf. Es ist offensichtlich, dass die Liechtensteiner in erster Linie an Geldern verdienen, die anderswo erwirtschaftet, aber dort nicht versteuert wurden. Schmarotzertum könnte man das nennen. Der Lichtenstein-Chef, irgendein Fürst oder Prinz oder König oder ähnliches, hat sich gestern ja furchtbar aufgeregt über die deutschen Behörden und ihnen einen „deutschen Großangriff“ vorgeworfen, alles stockend vom Blatt ablesend. Klar, normalerweise muss der Lichtenstein-Chef wahrscheinlich überhaupt nicht vor Kameras Stellung nehmen, es sei denn, es gibt so eine Art Liechtenstein-TV. Ich lese gerade bei Wikipedia, dass das Frauenwahlrecht erst 1984 eingeführt wurde.

Wie auch immer, dass sich der Prinz so aufregt, ist verständlich. Vielleicht würde es wirklich zu spürbaren Einbußen im Lebensstandard führen, wenn das Geld aus Deutschland ausbliebe. Es sollen ja viele Milliarden sein, die da jährlich dem deutschen Fiskus verloren gehen. „Liechtenstein kämpft ums Überleben“, titelt Spiegel-Online, gewohnt reißerisch. Wäre ja cool. Eine Umfrage des ZDF ergab, dass die Liechtensteiner böse auf Deutschland sind, die hätten halt einfach zu hohe Steuern und außerdem würden sie jetzt nur deshalb Liechtenstein angreifen, weil es so klein sei und weil man die eigenen Probleme nicht im Griff habe. Ich habe das alles nicht ganz verstanden, denn es geht immerhin um massenhafte Steuerhinterziehung.

Das analytische Niveau der Liechtensteiner Politker ist unterirdisch. Der Regierungschef (oder was auch immer die da haben) hat heute in Berlin erklärt, es fordere ja auch niemand BMW auf, ein Modell vom Markt zu nehmen, weil jemand dieses Modell mit Schwarzgeld gekauft hat. So einfach lenkt man also davon ab, dass Liechtensteiner Banken gegenüber deutschen Behörden schlichtweg nicht auskunftspflichtig sind.

Das ZDF hat für die erwähnte Umfrage übrigens nur drei Liechtensteiner befragt, aber viel mehr gibt es ja auch nicht. Wie lebt man überhaupt in einem Staat mit 35.000 Einwohnern? Wo praktisch jeder jeden kennt? Führt das nicht automatisch zu einer Art geistiger Beschränktheit? Schön jedenfalls, dass das Thema Steueroasen die Schlagzeilen beherrscht. Auch wenn wahrscheinlich nicht viel passieren wird. Weder Steinbrück noch ein anderer führender Politiker haben ein Interesse daran, die Wege nach Liechtenstein und Co. zu verschließen.

Überhaupt ein lustiges Land, dieses Liechtenstein (man sollte das „ie“ lang aussprechen, dann wirkt es noch komischer). Die größte Zeitung heißt Liechtensteiner Vaterland, die politisch der „Vaterländischen Union“ nahesteht. Das Liechtensteiner Vaterland hat eine Auflage von 10.500. Das heißt, fast jeder dritte Liechtensteiner kauft das Blatt, lesen tut es wahrscheinlich jeder, und dennoch: Wie geht das? Wie ist eine Zeitung mit einer Auflage von gut 10.000 überlebensfähig? Kriegen die Redakteure auch Geld vom „Finanzplatz Liechtenstein“? Würde dieser absurde Staat wirklich zusammenbrechen, wenn man das Geld anderer Volkswirtschaften nicht so dreist absahnen würde? Mir kommt das vor wie 35.000 Hartz-IV-Empfänger, die jährlich pro Kopf 87.000 Euro Stütze kassieren und sich jetzt darüber aufregen, dass sich Unmut regt.

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3 Antworten zu 35.000 Hartz-IV-Empfänger mit Sonderzulage und Bankgeheimnis

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  2. Industriearbeiter schreibt:

    Du machst es dir schon verdammt leicht. Alle in einen Topf zu werfen und zu behaupten das unser BIP nur wegen den hinterzogenen Steuern anderer, so hoch ist.
    So wie du argumentierst, hast du wahrscheinlich noch nie etwas von der Hilti, Presta, Ivoclar oder Hilcona was gehört, welche massgeblich an unserer Wirtschaft beteiligt sind. Das jeden Tag mehr als die hälfte der Arbeitskräfte aus dem umliegenden Ausland kommen, ist dir wohl auch ausgegangen. Und auch aus Deutschland.

    Aber ich danke dir dass du mir gezeigt hast dass unsere Politiker Idioten sind welche es gar nicht braucht, wir alle geistig beschränkt sind und das unsere Zeitung von den deutschen Steuerhinterziehern bezahlt wird, wie alles andere in unserem Land auch.

    Aber es ist eben leichter mit einem Finger auf jemanden zu zeigen und sich zu beschweren, als sich mit der Materie richtig auseinander zu setzen.

    Sehr schwach und beleidigend.

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  3. genova68 schreibt:

    Vielen Dank für deinen Beitrag, Industriearbeiter. Ich habe dadurch immerhin zum ersten Mal Gewissheit, dass es Liechtensteiner überhaupt gibt. Bisher ist mir noch keiner leibhaftig begegnet. Es tut mir auch außerordentlich leid, dass ich deinen Patriotismus verletzt habe. Und du hast natürlich recht: Ein Land, das mit 35.000 Einwohnern (plus ein paar Zugereisten) Staatseinnahmen von jährlich einer Milliarde US-Dollar erwirtschaftet, muss ein sehr fleißiges sein, das sind alles kleine Racker, die sich von früh bis spät den Arsch aufreißen. Da sollte man als Kritiker in Demut schweigen.

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