Catania

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Catania, das Seattle Italiens, wie mir eine Catanianerin vor Jahren schon versicherte. Ein paar sympathische Jazzclubs mit Jamsessions und gute Plattenläden bestätigen das.

Selbst Ende Januar scheint die Sonne dort so hell, dass ich eine Sonnenbrille trage. Harte Schatten, milde Luft. Hin und wieder und dann ganz plötzlich taucht der Ätna am Ende einer Straßenflucht auf, genauer gesagt, hoch über der Straßenflucht, schneebedeckt und gewaltig. Wirkt ein bisschen wie in Lugano im Tessin, wenn man Richtung Norden schaut.

Catania hat sich zur High-Tech-Metropole Siziliens entwickelt, lese ich. Die Innenstadt allerdings ist in weiten Teilen ziemlich abgerockt, nix High-Tech. Müll überall (man kann alles aus der Hand fallen lassen, sehr praktisch), bröckelnde Fassande, optisch völlig schrottige Autos, die aber noch fahren, zumindest im Dauerstau im ersten Gang durch die Stadt. Sehr angenehme Atmosphäre. Solche klischeebeladenen Schnappschüsse sind ständig möglich und insofern doch kein Klischee:

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Auf den Hauptstraßen Menschen, die herumstehen und gehen, viele Jugendliche, viele Vespas, die auch auf den Bürgersteigen fahren und selbst auf vollen Straßenmärkten zwischen den Ständen. Es scheint niemanden zu stören. Auch die Restaurants sind voll. Die Altstadt ist ein komplettes Barockszenario, wunderbare Fassaden. Eigentlich stehe ich nicht auf Barockarchitektur, aber wenn man an den unzähligen Details und Verzierungen den Zahn der Zeit nagen sieht, ist es ok. Zig Barockkirchen, in denen zu unkonventionellen Zeiten Messen stattfinden.

Eine Messe im Dom: Wie immer bleiben die Türen die ganze Zeit weit geöffnet. Der Bischof predigt, draußen läuft ein Blasmusikorchester vorbei. In der Kirche wird es so laut, dass man den Bischof nicht mehr versteht. Die meisten Leute drehen sich um und schauen der Kapelle auf der Straße zu. Ein Handy klingelt, ein Mädchen rennt zum telefonieren raus. Frauen mit Einkaufstüten kommen rein, durchqueren die Kirche und beten in einer abgelegenen Kapelle im Seitenschiff. Nach ein paar Minuten marschieren sie mit ihren Tüten quer durch die Kirche wieder raus, alles während der Messe, keinen stört es. Ganz wichtig: Auf dem Mittelgang Richtung Kanzel einen Knicks machen und sich bekreuzigen.

Vorne neben dem Bischof mit seiner riesigen Mütze sitzen noch zehn, elf wichtige Leute mit beigen Umhängen. Einige von ihnen diskutieren während der Predigt ihres Chefs, lebhaft gestikulierend, mit ihren Nachbarn. Unglaublich. Kirchen sind in Sizilien Teil des Alltags. Man geht kurz rein, spricht ein Gebet oder was auch immer. Es geht wohl mehr um die Form, dabeisein, weniger um eine tolle Predigt. Eine tiefe religiöse Tradition, die gesellschaftlich sicher einiges zusammenhält, aber hier ganz offensichtlich nur um den Preis der Lächerlichkeit fundamentalistisch ausgelegt werden könnte.

Der Bischof redet übrigens über Agata, die Stadtheilige. Sie lebte um 250 nach Christus und wollte den heidnischen Römer, der ihr Avancen machte, nicht heiraten. Zur Strafe ließ er ihre Brüste abzwacken. Die Darstellungen Agatas sind entsprechend: Entweder sieht man, wie ihr jemand mit einer riesigen Kneifzange gerade die Brüste abknipst, oder sie trägt ihre abgeknipsten Brüste auf einem Tablett vor sich. Beim diesem Anblick verschränke ich automatisch die Arme vor der Brust. Ein gute Stadt für Brustabzwackfetischisten.

Dieses Bild hat einen vergleichsweise humanen Ansatz. Die Amputationsszene wird an einen idyllischen Ort verlegt und lediglich die Kneifzange deutet auf das Bevorstehende hin, aber ohne eine schmerzliche Regung Agatas. Sie scheint zu sinnieren (der Künstler ist mir leider nicht bekannt).

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Die Altstadt würde sich ja sehr gut dazu eignen, komplett renoviert und herausgeputzt zu werden. Mit schicken Läden, Restaurants und so weiter. Spätestens dann wäre Catania keine Reise mehr wert.

Immer wieder interessant ist der Straßenverkehr. Die Vorfahrten sind oft nicht klar geregelt, und wenn, dann interessiert sicher keiner dafür. Und die Autofahrer auf der Hauptstraße verhalten sich passiv und kommen nicht auf die Idee, ihr vermeintliches Recht durchzusetzen. Es läuft alles nach einer Art gigantischem Reißverschlussprinzip, alle fädeln sich immer irgendwo ein. Das Meer ist unglaublich klar, man sieht bis auf den Grund. Die Salamis vom Markt sind fett und märchenhaft gut.

Die Armut ist sicht- und spürbar. Der Hotelbesitzer erzählt, es sei hier üblich, den Leuten Arbeitsverträge mit einem offiziellen Lohn auszuhändigen, ihnen dann aber nur die Hälfte zu zahlen. Daneben gibt es auch eine ausgeprägte formale Bürgerlichkeit, die in Italien ja überall präsent ist: Fare una bella figura.

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Ich lese, dass der sizilianische Regionspräsident (so eine Art Ministerpräsident) Salvatore Cuffaro zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde, wegen Kollaboration mit der Mafia. Er geht einfach in Berufung und will im Amt bleiben. Eine Woche später ist er dann doch zurückgetreten, aber eine christliche Partei hat ihm schon einen sicheren Listenplatz für die zu erwartenden Neuwahlen in Italien angeboten. Es hat schon etwas verkommenes, die italienische politische Landschaft. Vor Ort, ohne ausreichende Sprachkenntnisse, relativiert sich das konkrete Grauen der Politik zugunsten des alltäglichen Lebens. Es ist schön hier.

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4 Antworten zu Catania

  1. Motherhead schreibt:

    Wunderbarer Artikel, interessante Fotos. Mich macht es allerdings traurig zu sehen, wie trostlos es in einer solch schönen Stadt abends aussieht. Schon klar, dass man in Italien eine andere Einstellung zu alten Gebäuden hat als in Deutschland – es gibt halt so viel mehr davon.
    Traurig machen mich die Fotos deshalb, weil sie zeigen, wie stark sich die mafiösen Strukturen Süditaliens auf den Alltag der Einwohner auswirken. Es scheint nicht mal Geld für eine halbwegs akzeptable Straßenbeleuchtung vorhanden zu sein. Umgekehrt stimmt womöglich auch: Die Achtlosigkeit der Leute (oder ist es Resignation?), symbolisiert durch das Parken der Autos und den Müll, begünstigt vermutlich auch die Ausbreitung solcher Strukturen.
    Dies die Sicht eines Außenstehenden, der zwar schon in Süditalien, aber nicht in Catania war und das deshalb naturgemäß nicht wirklich beurteilen kann.

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  2. genova68 schreibt:

    Mr. Motherhead,

    der Müll steht da so rum, weil es keine Mülltonnen gibt. Der wird aber frühmorgens von der Müllabfuhr abgeholt. Und das Parken wird dann verständlich, wenn man weiß, dass in vielen südlichen Ländern der Gehweg nicht als solcher akzeptiert wird, weil die Straße noch für alle da ist, die sich fortbewegen, nicht nur für Autos. Ein Gehweg ist aus dieser Perspektive überflüssig.

    Die Straßenbeleuchtung ist doch ok, wesentlich heller als nachts in Berlin.

    Es gibt in Catania heruntergekommene Ecken, viel Armut. Aber es gibt ein cooles Nachtleben, angeblich das beste Italiens. Auch viel Jazz.

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  3. Motherhead schreibt:

    Bei uns daheim ist es aber auch schön.

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  4. genova68 schreibt:

    Ja, Motherhead.

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