Kurzer Ausflug ins Tessin

In der Bibliothek im Vorübergehen einen Architekturführer Schweiz mitgenommen, von Joachim Fischer, 2007 im Verlagshaus Braun erschienen. Einmal mehr habe ich den Eindruck, dass in der Schweiz seit zwei, drei Jahrzehnten eine der besten Architekturen der Welt entsteht. Das ist  schnell dahingesagt, aber einen überzeugenderen Eindruck von Materialität und Qualität habe ich bei Architektur nirgendwo sonst, nicht nur beim Buchblättern. Wo man das auch aufschlägt, fast immer sehr gute Sachen. Zum Beispiel die Raiffeisenbank in Intragna von Michele Arnaboldi aus Locarno. Ein Betonkubus mit wenigen großen Fensteröffnungen. Laut NZZ eine Hommage „an den Meister“, womit Luigi Snozzi gemeint ist, der Begründer der Tessiner Schule. Bemerkenswert dabei ist, dass dieser Kasten ein quasi öffentliches Gebäude ist, dessen Planung öffentlich diskutiert wird, genauso wie viele andere Gebäude dieser Art in der Provinz. Das bedeutet, dass es in der Bevölkerung eine Art Wohlwollen gegenüber dieser avancierten Architektur gibt.

casa_bizzini

Nicht die Raiffeisenbank, sondern ein Einfamilienhaus von Michele Arnaboldi: Casa Bizzini in Tegna in der Schweiz (2001)

Mir fällt eine Tessinreise ein, die schon ein paar Jahre zurückliegt. Eine Alpenregion, in der der übliche pseudo-rustikale Kitsch einfach nicht existiert. Selbst in entlegenen Tälern nur authentische, ehrliche Architektur, auch und vor allem in den Details überzeugend, egal ob alt oder neu. Snozzi ist allgegenwärtig, nicht einmal so sehr wegen gebauter Architektur, sondern wegen seines Stils, wegen seines sozialen Einflusses. Es meint auch niemand, an einem Bauernhaus müssten zwangsweise Geranienkästen angebracht sein oder kleine Butzenfenster.

„Sage mir, wie du baust, und ich sage dir, wer du bist“, sagt Jakob Gantenbein von der Architekturzeitschrift Hochparterre. Welches Licht wirft das auf Norddeutschland? Besser, ich schweige.

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2 Antworten zu Kurzer Ausflug ins Tessin

  1. T. Albert schreibt:

    Ja, natürlich kann ich damit was anfangen. Die Tessiner sind von jeher tolle Architekten und Handwerker von Würde, Borromini war auch einer. Das Ding in Intragna finde ich grossartig. Und Snozzis Rolle ist ja leider nicht mehr so gross, wie es ihr gebührte, weil die Kollhoff- und andererseits die Bubble-Fraktion der Zürcher ETH so viel bewirken. Snozzis städtebauliches Denken, das ja im Sozialen und Masstäblichen wurzelt, kommt praktisch nicht mehr vor. Und da sind wir bei der Kehrseite der Tessiner Medaille: guck Dir Lugano an, la citta piu bella del mondo viene completamente rovinata del denaro. Dort bleibt kein alter Stein auf dem andern, ausser dort, wo es sich touristisch lohnt, und dort wird verhübscht mit Zeugs, das historisch tut, aber nie existiert hat. Die alten Villen werden abgerissen und durch achtstöckige Invstorenpapphäuser ersetzt. Snozzi hat ja Mini-Hüttchen dagegen gemacht, die mit der Landschaft arbeiten. Aber in Monte Carrasso, was ja „sein Dorf“ ist, kann man sehen, wie sich Architektur auf eine Gramscianische Art abmüht, Positionen zu fomulieren, aber gegen die Landschaftszerstörung, Zersiedlung und die desparaten räumlichen Beziehungen in einem vergewaltigten Dorf kaum ankommt. Die kleinen modernen Idyllen, die Snozzi gemacht hat, zeigen zu wenig Repräsentationssemantik, das scheint der Mittelstand aber zu brauchen. Ob er alles zur Peripherie verkommen lässt, ist ihm dabei egal. Das ist ja, neben diesen tollen Architekturen, die wir meinen, die eigentliche Realität des Tessin. Das gehört zur Geldgenossenschaft, die die Eidgenossenschaft geworden ist, diese Verblödung.

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  2. genova68 schreibt:

    Danke für diesen Überblick. Snozzi und Gramsci, das wäre ja mal was. Falls du darüber was schreiben willst, kannst du es gerne hier im Blog veröffentlichen (du hast keinen, wenn ich das richtig sehe). Würde mich interessieren, soll aber natürlich kein Drängen sein.

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