Koch, die dritte

Roland Koch fährt gemeinsam mit der Bild-Zeitung eine Kampagne gegen „Ausländerkriminalität“. Damit ist zu dem Thema alles gesagt. Zumindest fällt mir nichts dazu ein, was nicht offensichtlich wäre und was nicht Heribert Prantl in der Süddeutschen oder der Spiegel schon geschrieben hätten: „Das Aggressionspotenzial ist also nicht ethnisch oder kulturell vorgegeben, sondern sozialökonomisch.“ Die Debatte ist für den Arsch, zumal Koch im letzten Wahlkampf ähnliches probiert hat: Eine „Unterschriftenaktion“ gegen die doppelte Staatsbürgerschaft. Und die Geschichte mit den „jüdischen Vermächtnissen“ war auch nicht ohne.

Interessant dagegen der Vergleich der beiden Talkshows „Hart, aber fair“ und „Anne Will“, die das Thema im Abstand von vier Tagen erörterten. Will musste sich bislang an der Sendung ihrer Vorgängerin Christiansen messen lassen, die es jahrelang geschafft hatte, jedes kontroverse Thema auf Bild-Niveau herunterzuplappern. Plasberg, der Moderator von „Hart, aber fair“ dagegen bekam sogar den Grimme-Preis für seine Moderation. Mittlerweile haben sich die Verhältnisse offenbar gedreht: Will gelingt es, das Thema sachlich zu diskutieren, mit einigermaßen kompetenten Gästen, die gewillt sind, in der Diskussion weiterzukommen. Plasberg dagegen lädt Koch ein, kurz vor der Wahl in Hessen, und gibt ihm ausführlich und zur besten Sendezeit Gelegenheit, sein populistisches Gedröhne unters Volk zu bringen, dazu zu viele Gäste, Einspielfilme, Volkes Stimme und mehr.

Wobei ich Plasberg schon immer für überschätzt hielt. Er lässt zwar Politiker nicht grenzenlos schwadronieren und versucht, sie zu entlarven. Aber er bricht – vor allem in den Einspielfilmen – jedes Thema auf ein dermaßen simples Level herunter, dass von seinem eigentlichen Gehalt kaum noch etwas übrig bleibt. Geradezu bizarr wird es, wenn er gegen Ende der Sendung eine attraktive Moderatorin aus Mails zitieren lässt, die Zuschauer während der Sendung schickten. Immer nur ein oder zwei Sätze zu objektiv komplizierten Problemen. Das soll dann wohl das gesunde Volksempfinden darstellen.

Warum kann man nicht zwei oder drei Leute 90 Minuten lang reden lassen, in aufklärerischer Absicht? Weil dann die Einschaltquoten sinken? Es ist doch offensichtlich, dass die Sendung überladen ist und man nach 90 Minuten bestenfalls weiß, dass Koch Narben im Gesicht hat und eine extrem unattraktive Brille. Aufklärung im Fernsehen ist sicher möglich. Theoretisch zumindest.

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