Spagat mit Zerrungsgefahr

Am Wochenende mal wieder die Süddeutsche gelesen. Eine Stärke der Zeitung besteht ja darin, verschiedene Meinungen und Sichtweisen zu präsentieren. Aber manchmal ist der Spagat groß. Es ist schon lange so, dass der Wirtschaftsteil ziemlich neoliberal geprägt ist und im Feuilleton teilweise die unsozialen Folgen dieser Politik beklagt werden. Aber wenn im Wirtschaftsteil an einem Tag zwei Ideologien als Fakten dargestellt werden, ist das unglaubwürdig.

Karl-Heinz Büschemann schreibt im Leitartikel der Ausgabe vom 5. Januar über Wohlstandsverteilung im Deutschland und die angeblichen Gründe: „Einen Zuwachs beim Lebensstandard zu erreichen wird für die Einzelnen immer schwieriger.“ Sicher richtig, aber woran liegt das? Laut Büschemann natürlich an „der Globalisierung“ und den hohen Rohstoffpreisen. Humbug. Es liegt an der Politik, die in Deutschland gemacht wird, und an der Politik, die in der EU gemacht wird – und zwar mit deutscher Zustimmung, egal ob schwarz-rot oder rot-grün. Die einen werden reicher, die anderen ärmer. Das ist mittlerweile durch viele Studien belegt, ich erspare mir aus Gründen der Faulheit die Details. Und die Süddeutsche kommt immer noch mit dem Sündenbock Globalisierung. Das ist das argumentative Niveau der Westdeutschen Zeitung und der Rheinischen Post. Das sollte der SZ nicht genügen.

In der gleichen Ausgabe schreibt Peter Felixberger, dass der Grundsatz der Wirtschaftswissenschaften lange Zeit vom Homo oeconomicus ausging, was aber inzwischen überholt sei, weil der Mensch auch von sozialen Ideen und gesellschaftlichen Werten bestimmt werde. Sicher richtig, aber ist diese Sichtweise wirklich überholt? In „den“ Wirtschaftswissenschaften? Und auch bei Felixbergers Kollegen Büschemann? Büschemann ist nach wie vor auf der Linie von Nikolaus Pieper, früher Chef der Wirtschaftsredaktion der SZ. Unerschütterlich neoliberal, bis an die Oberkante ideologisiert und wahrscheinlich von sich selbst behauptend, vorurteilsfrei und unideologisch die Realitäten zu betrachten. Nebenbei sollte man sich daran erinnern, dass Piper Mitglied der Mont-Pèlerin-Gesellschaft ist, dem neoliberalen Think Tank überhaupt. Die Süddeutsche muss wahrscheinlich aufpassen, dass ihr das wohlhabende Münchner Großbürgertum nicht davonläuft, ganz zu schweigen von den Anzeigekunden.

Richtig übel allerdings ist die Sonderveröffentlichung zum „Finanzplatz Bayern“: Zwei Seiten, die sich im Layout kein bisschen vom redaktionellen Teil unterscheiden. Nur die Seitenüberschrift weist darauf hin, dass es sich um zwei Seiten Werbung handelt. Eigentlich eine journalistische Katastrophe. Stört aber heutzutage nicht mehr.

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