Glavinic und Habenichtse

Thomas Glavinic: „Das bin doch ich„, ein ganz hervorragendes Buch, lakonisch, sehr genau beobachtend, selbstironisch (das wichtigste dabei), kurzweilig, gut geschrieben. Sicher beschreibt Glavinic die Protagonisten nicht gerade detailliert, aber genau das ist gar nicht nötig, wenn man so genau hinschaut wie er. Enttäuschend dagegen „Die Habenichtse“ von Katharina Hacker, obwohl ich erst auf Seite 70 bin. Frau Hacker kommt mir vor wie eine Germanistikstudentin, die jetzt Schriftstellerin werden will. Alles so blutleer, der nette Jakob, der in Freiburg Jura studiert und dann nach Berlin zieht, ist halt hip. Der irgendwen bittet, einen Tisch im Borchardt zu reservieren. Werbeagenturen, Hackescher Markt, Oranienburger Straße, teure Schuhgeschäfte tralala. Naja, vielleicht bin ich vorschnell mit meinem Urteil. Aber siebzig Seiten sind einiges, immerhin. Das Buch könnte die Wende zum Interessanten noch schaffen. Hacker hat für die Habenichtse tatsächlich den Deutschen Buchpreis 2006 bekommen. Im Internet ein Bild von ihr mit einem Baby im Arm. Was ist der Deutsche Buchpreis? Wer sitzt in der Jury? „Partner“ des Buchpreises sind „Dr. Florian und Gabriele Langenscheid“.

Der Florian hat vor ein paar Jahren so einen Deutschland-Unterstützungsschinken geschrieben, in der Hochzeit der Deutschland-Besoffenheit, wahrscheinlich parallel zur „Wir sind Deutschland“-Kampagne, ich erinnere mich nur dunkel. Haha: Auf seiner Website schreibt der Florian, dass er „Vorstandsvorsitzender“ von „Children For A Better World“ ist. Er ist 52 Jahre alt, kein Scherz. In der Buchpreis-Jury sitzen lauter angesehene Feuilletonredakteure. Ich lese noch ein paar Seiten weiter. Auf der Website des Deutschen Buchpreises lässt sich Frau Hacker mit ihrem kleinen Baby fotografieren. Oder hat sie das nur ausgeliehen?

florianlangenscheidt

Mister Langenscheidt mit modernem Telekommunikationsgerät

Nochmal zu Dr. Florian Langenscheidt. Mit dem könnte man sich eine Weile beschäftigen. Schon die flotte Rezeption seiner Website zeigt den Verlagschef aus einer berühmten Familie in seiner ganzen Weisheit. In einem von ihm selbst als „Grundsatzrede“ bezeichneten Vortrag vom November 2007 fragt er, was „große Familien“ auszeichnet und „zu Vorbildern macht“. Und jetzt kommt ein ungekürztes Zitat: „Sie haben ein unumstößliches Leitsystem von Werten als eine Art Fundament, auf dem Generationen bauen können. Sie sind  radikal der wirtschaftlichen Stabilität und dem Gewinnstreben verpflichtet und nutzen dabei durchaus alle Mittel, wollen aber auch philantrophisch oder mäzenatisch wirken und sinnstiftende Spuren hinterlassen in der Menschheitsgeschichte.“ Welches Leitsystem von Werten hat man denn, wenn man radikal dem Gewinnstreben verpflichtet ist und dabei alle Mittel benutzt? Und ist es nicht geradezu angsteinflößend, wenn eine FAMILIE gleich in die Menschheitsgeschichte eingehen will? Die Rede hat er gehalten beim „Unternehmer-Erfolgsforum“. Hätte man hinfahren sollen, um das eigene Land besser kennenzulernen.

Zu Katharina Hacker passt ein Interview in der taz mit Julia Franck, die den Deutschen Buchpreis 2007 gewonnen hat. Sie redet vor allem über ihre Kinder. Ihre Kinder sind ihr ein und alles, ist ja ok, aber warum soll das den Leser interessieren? Sie hatte vergangenes Jahr zuwenig Zeit für ihre Kinder, nächstes Jahr wird sie mehr haben. Auf die Frage, wo sie kommendes Jahr leben möchte: „Dort, wo meine Kinder in die Schule gehen.“ Gähn. Am besten sind ihre selbst diagnostizierten „nicht entschuldbaren Fehler“: „Bis heute noch Besitzerin eines Autos zu sein, ohne es in Wirklichkeit zu brauchen.“ Das ist nun wirklich ganzganz schlimm. So redet eine der wichtigsten deutschen Schriftstellerinnen im Jahr 2007. Ein Bild von ihr ist auch dabei, nett. Nett und langweilig. Der Fairness halber erwähne ich, dass Frau Franck im zweiten Teil des Interviews noch ein paar Sachen sagt, die vermuten lassen, dass vielleicht doch ein wenig mehr geht bei ihr. Immerhin will sie das dreigliedrige Schulsystem abschaffen und eine Klassenstärke von maximal 15 Schülern mit zwei Lehrern. Es geht ja auch um ihre Kinder.

Das passt in die neue deutsche Bürgerlichkeit: Kinderkriegen, damit die Deutschen nicht aussterben, nett sein, gebildet, aber bitte nicht kritisch, sich am besten aus allem raushalten, und wenn Journalisten nach einem Foto fragen, dann das mit dem Kind auf dem Arm auswählen. Das wirkt dann genauso: Nett, gebildet, aber nicht kritsch, sich aus allem raushalten. Wie sieht es eigentlich derzeit mit französischen Schriftstellern aus?

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Literatur abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Glavinic und Habenichtse

  1. Pingback: Fünf Milliarden Euro: Nicht der Rede Wert « Exportabel

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.