Gemanagte Zeitverdichtung

Das Manager-Magazin erklärt uns in der November-Ausgabe, dass viele erfolgreiche Manager auch vielfache Kinderzeuger sind. Zur Veranschaulichung zeigt die Redakteurin Eva Müller, wie ein viel beschäftigter Manager sein Familienleben im Griff hat. Der Typ, aus Osnabrück, den Namen habe ich vergessen, besitzt gleich vier Firmen, irgendwas Juristisches. Er sieht auf dem Foto recht dynamisch aus, nur seine fünf Kinder gucken in die Kamera, als seien sie Sektenmitglieder. Sein Wecker klingelt um 5.30 Uhr. Und jetzt bitte aufpassen: Er weckt dann seine beiden Söhne und „scheucht“ sie ins Bad. Dann setzt er sich auf sein Trimmrad und fährt 14 Kilometer. Und um 6.15 Uhr presst er bereits – frisch geduscht – frischen Saft. Wie geht das in 45 Minuten? Selbst wenn der Manager extrem fit ist, braucht er für 14 Kilometer Radfahren eine halbe Stunde. Und selbst, wenn wir annehmen, dass er sich schon um 5.35 Uhr aufs Rad gesetzt hat (immerhin muss er dann in fünf Minuten nicht nur seine Söhne ins Bad gescheucht, sondern auch Sportkleidung angezogen und das Rad bestiegen haben), dann steigt er um 6.05 Uhr vom Rad runter. Dann hat er zehn Minuten, um sich zu duschen, anzuziehen und die Früchte zum Pressen vorzubereiten.

Das glaube ich nicht. Ich glaube es vor allem deshalb nicht, weil man nach 14 Kilometer Radfahren in 30 Minuten erheblich nachdieselt und sich erst mal zehn Minuten (mindestens!) abkühlen lässt. Die Geschichte ist also, sagen wir, sehr frei erzählt. Oder der Chef hat das Fitnessradprogramm auf „Steil bergab mit Rückenwind“ gestellt. Oder er steht jetzt um 6.15 Uhr stark schwitzend an seiner Pressmaschine. Wahrscheinlich beschweren sich um 6.17 Uhr seine Söhne darüber, dass er unangenehm riecht. Darauf hin wird er um 6.19 Uhr depressiv, um 6.24 Uhr gehen seine Firmen pleite und seine Familie verlässt ihn Punkt 6.35 Uhr, weil er so erfolglos ist. Es geht ja alles schnell bei Managern.

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Die "Bunte" für Männer

Wer liest eigentlich das Manager-Magazin? Die Geschichte von den erfolgreichen Familienvätermanagern lesen eher keine erfolgreichen Familienvätermanager. Auch der Rest in dem Heft wirkt weichgespült. Die Zielgruppe des Manager-Magazins sind vielleicht Männer, die gerne Manager wären. Wenn sie welche wären, hätten sie sicher nicht die Zeit, das Manager-Magazin zu lesen. Zumindest nicht zwischen 5.30 Uhr und 6.15 Uhr.

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