Hans-Werner Sinn: In der DDR gab es keine Kühlschränke

Interessantes Video-Interview in der Süddeutschen mit Hans-Werner Sinn, dem Chef des Ifo-Instituts. Seine Antwort auf die Frage, ob er die Managergehälter für zu hoch halte: „Unter dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit allemal. Nach meinem Gerechtigkeitsgefühl müsste die Lohnspreizung allenfalls durch den persönlichen Arbeitseinsatz erklärt werden – das wäre dann viel, viel weniger als das, was wir in unserer Marktwirtschaft haben. Die Marktwirtschaft ist einfach nicht gerecht. Aber sie ist effizient.“ Mit etwas mehr Ungerechtigkeit lebt es sich also besser. Die große Lohnspreizung „macht auch für die weniger gut dabei Wegkommenden letztlich einen höheren Lebensstandard.“ Gilt das seiner Meinung nach auch für die Millionen Niedriglohnjobber in Deutschland? Wenn ja, dann müssen die also froh sein, dass sie 4,50 Euro die Stunde bekommen. Wenn die Manger statt acht Millionen Euro im Jahr nur drei Millionen verdienten, dann bekäme der Niedriglohnjobber nur zwei Euro die Stunde oder 1,50 Euro. Er muss dem Manager wirklich dankbar sein, klar. Abgesehen davon ist bemerkenswert, wie locker Sinn seine Feststellung, dass das System ungerecht ist, relativiert: Ist doch egal, denn es ist effizient. Gerechtigkeit ist offenbar etwas für Träumer, für Romantiker, Effizienz ist die Kategorie, die jene der Gerechtigkeit ablöst. Sinn sagt explizit, dass er die Löhne für Geringqualifizierte für zu hoch hält, „da ein Mindestlohn implizit durch unser Sozialsystem gesetzt ist“. Damit meint er offensichtlich ALG II. Das beträgt 345 Euro plus Miete, vielleicht 700 Euro insgesamt. Bei einem Vollzeitjob bedeutet das etwa 4,40 Euro netto. Das ist für Sinn zuviel. Sinn fordert also nur dürftig versteckt einen Lohn, der drei oder zwei Euro die Stunde beträgt, vielleicht auch weniger. Da sind die Leute eben selbst schuld, wenn sie nicht richtig qualifiziert sind.

Grandios wird es ein paar Sekunden später: „Das haben wir doch im Sozialismus Ostdeutschlands probiert. Die Leute haben sich darüber aufgeregt, dass Erich Honecker einen Kühlschrank hatte – die ausgelebte Neidpräferenz ging so weit, dass eben keiner einen Kühlschrank hatte.“ Sinn merkt wahrscheinlich gar nicht, dass er das alles frei erfindet. Wer hat sich darüber aufgeregt, dass Honecker einen Kühlschrank hatte? Und welcher DDR-Haushalt hatte eigentlich KEINEN Kühlschrank? Ich jedenfalls habe bei meinen zig DDR-Reisen keinen Haushalt ohne Kühlschrank gesehen. Sollten Beispiele nicht generell einen konkreten Bezug zur Realität haben? Macht nicht genau das das Wesen eines Beispiels aus? Kern seines Einwandes ist, dass kurz nach der Wende es in der Tat Stimmen gab, die sich über den angeblich ungehörigen Luxus in Honeckers Wochenendhaus aufregten. Das Haus war für Westverhältnisse ziemlich bieder, keine Spur von Luxus. Doch wer hat sich da aufgeregt? Die Ossis? Ich weiß nur, dass das in den Medien kurzzeitig hochgespielt wurde.

Eigentlich sollte man froh sein, dass es Leute wie Sinn gibt. Sie entlarven sich und ihresgleichen selbst. Warum habe ich hin und wieder den Eindruck, dass der Neoliberalismus eine Art moderner Faschismus ist? Zumindest, was den Sozialdarwinismus angeht und die Eigenschaft, bestimmte Begriffe neu zu definieren, sind Ähnlichkeiten erkennbar.

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